ZEITmagazin: Herr Genscher, wer, wenn nicht Sie, könnte uns sagen, was derzeit mit der FDP passiert ?

Hans-Dietrich Genscher: Die Partei ist schon durch viele Täler gegangen, sie hat viele Zerreißproben überstanden. Was wir jetzt erleben, ist eine schwere Vertrauenskrise, die schwerste seit Gründung der FDP. Vor wenigen Wochen bin ich in meiner Heimatstadt Halle gewesen. Dort bin ich vor 65 Jahren Mitglied der liberalen Partei geworden. Ich habe gelernt, dass die FDP-Mitgliedschaft anstrengend ist. Jeder Tag rechnet doppelt, gefühlt bin ich demnach schon 130 Jahre dabei.

ZEITmagazin: Was ist jetzt zu tun?

Genscher: Das Potenzial der Partei ist eine ausgezeichnete jüngere Generation . Diese wird zunehmend sichtbar. Dazu kommen erfahrene Liberale mit Blick und Verständnis für die Zukunftsfragen. Guido Westerwelle verdient Respekt dafür, dass er einen personellen Neuanfang ermöglicht, indem er nicht wieder für den Vorsitz kandidiert.

ZEITmagazin: In diesen Tagen fragt man sich: Woran ist gute Außenpolitik zu erkennen?

Genscher: Sie muss perspektivisch angelegt sein, sie muss wertorientiert, konsistent und berechenbar sein. Ich bin oft kritisiert worden, dass ich meine Außenpolitik, sooft es ging, in Interviews dargelegt habe. Das war für mich das Gespräch mit den Bürgern. Außenpolitik darf nicht als geheime Kabinettspolitik behandelt werden. In einer offenen Gesellschaft muss sie von der Öffentlichkeit mitgetragen werden. Nur so konnte Deutschland nach Hitler das Vertrauen der Welt wiedergewinnen.

ZEITmagazin: Was dachten Sie, als Sie von der Abstimmung bei den Vereinten Nationen zum Hilfseinsatz in Libyen hörten, davon, dass sich Deutschland der Stimme enthielt?

Genscher: Verteidigungsminister Thomas de Maizière hat in New York erklärt, man solle diese Debatte beenden . Er hat recht. In Wahrheit geht es jetzt um ein Konzept des Westens, wie er die Freiheitsentwicklungen in der arabischen Welt wirksam unterstützen kann.

Besuch bei Hans-Dietrich Genscher. Zwei Vormittage verbringen wir mit ihm in seinem Haus am Waldrand oberhalb von Bonn-Bad Godesberg. Wir erfahren viel über die Mächtigen dieser Welt, von denen so manche hier vor dem Kamin gesessen haben. Zum Beispiel der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko und Hosni Mubarak, damals ägyptischer Staatspräsident. Genscher wird uns die erstaunliche Sammlung seiner Bilder an der Wand erklären, und er wird von der größten Zäsur seines Lebens erzählen – seiner Tuberkuloseerkrankung, derentwegen er als Jugendlicher jahrelang in Kliniken und Heilanstalten lag. Aber es gibt auch Fragen, bei denen Hans-Dietrich Genscher verstummt. Wer mit ihm, der Inkarnation des deutschen Außenministers, über die Krise des Außenministers Guido Westerwelle spricht, hat es nicht leicht. Schweigen, dürre Diplomatenworte, lange Pausen – man kann ahnen, dass es ihm auch um Anstand geht: Man schlägt auf niemanden ein, der schon am Boden liegt.

ZEITmagazin: Was erwarten Sie von Philipp Rösler ?

Genscher: Von ihm wird Führungsstärke und Entscheidungskraft erwartet. Das gilt in Sach- und Personalfragen. Er muss Vertrauen nach innen und nach außen wiederherstellen.

ZEITmagazin: Welche Niederlage hat in letzter Zeit am meisten geschmerzt? Womöglich, dass die FDP in Sachsen-Anhalt, Ihrer alten Heimat, gar nicht mehr in den Landtag gekommen ist?

Genscher: Natürlich hat mich das besonders geschmerzt. Allerdings lag es im allgemeinen Trend.

ZEITmagazin: Was werden Sie den Delegierten auf dem Parteitag ins Stammbuch schreiben?

Genscher: Das ist nicht meines Amtes. Ich werde mich nicht hinstellen und eine hoch motivierte junge Generation wie Kinder auf die Bühne bitten mit den Worten: »Nun macht mal schön!« Nein, ich traue es den Jungen und den aktiven Erfahrenen zu. Sie können es.

ZEITmagazin: Sie haben der FDP viel zu verdanken. Bei der Gelegenheit: Hätten Sie eigentlich auch Bundeskanzler gekonnt?

Genscher: Darüber habe ich nie nachgedacht. Die FDP hatte es nicht in der Hand, selbst den Kanzler zu stellen. Aber zurückgeschreckt wäre ich nicht. Nach meinem Ausscheiden als Minister hätte ich Bundespräsident werden können. Aber ich fand damals, alles hat seine Zeit. Es war richtig aufzuhören.

ZEITmagazin: Als Sie 1992 auf eigenen Wunsch aus der Bundesregierung ausschieden, fühlte sich so mancher irritiert wegen der Schnelligkeit, mit der Sie sich zurückzogen. Warum diese Eile?

Genscher: Es gab keine Eile. Ich habe im Sommer 1991 mit meiner Frau zum ersten Mal darüber gesprochen. Ich wollte nicht, dass mich eines Tages jemand fragt: Wann hören Sie endlich auf? »Warum hören Sie schon auf?« klingt besser. Sie dürfen nicht vergessen: Als ich 1992 ausschied, bestand die Republik 43 Jahre. Davon war ich 23 Jahre in der Regierung. Da gibt es irgendwann eine Art Legitimationsproblem in einem System, das auf Wechsel und Ablösung beruht. Es war genug.

ZEITmagazin: Helmut Schmidt hat über den Preis eines hohen Amtes gesprochen; gepanzerte Autos, Bodyguards, seine Tochter, die aus Sicherheitsgründen Deutschland verließ und zum Studium nach England ging.

Genscher: Er hat recht. Unser Haus wurde Tag und Nacht bewacht. Über Jahre ging das so. Es war schwierig, ein normales Leben zu führen, aber wir haben es versucht. Einmal rief mich meine Frau an, ich bereitete gerade den Parteitag in Kiel vor. Sie berichtete mir von einer Tragödie bei uns zu Hause. Zwei BGS-Beamte hatten wohl ausprobieren wollen, wer von ihnen die Pistole schneller ziehen konnte. Dabei hatte sich ein Schuss gelöst, ein junger Polizist hatte den Kommandoführer tödlich getroffen. Meine Frau sagte weinend: »Bei uns liegt ein toter Mann auf der Terrasse!« Ein Albtraum!

ZEITmagazin: Was bleibt? Sie bezeichnen Eduard Schewardnadse, den ehemaligen russischen Außenminister, als einen Ihrer engsten Freunde. Können Sie sich noch daran erinnern, wie es mit Ihnen beiden begann?

Genscher: Ich erinnere mich an einen Besuch in Helsinki 1985. Es war der zehnte Jahrestag der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki, und der jugendlich wirkende russische Außenminister Schewardnadse kam dazu. Er bestellte mir Grüße von seinem Amtsvorgänger Gromyko, und dann sagte er einen bedeutsamen Satz: Er bat mich um Verständnis, dass er sich außerstande sehe, mir die außenpolitische Linie der neuen Regierung von Gorbatschow darzulegen, und überraschte mich mit dem Hinweis: »Wir sind gerade dabei, unsere Außenpolitik zu formulieren.«

ZEITmagazin: Eine Botschaft von großer Bedeutung?

Genscher: Das kann man wohl sagen, denn damit war klargestellt, es würde unter Michail Gorbatschow auch außenpolitisch nicht alles beim Alten bleiben.