DIE ZEIT: Sind die vielen Infografiken mehr als eine Mode in der Medienlandschaft?

Michael Stoll: Ich glaube, wir stehen am Anfang einer Renaissance der Infografik. Ihre Bedeutung wird den Verlagshäusern gerade erst wieder richtig bewusst. Sie erkennen, dass sie sich über die Infografik positionieren können. Das gilt übrigens weltweit. Beim Internationalen Malofiej-Contest der Universität von Navarra in Pamplona, dem wichtigsten Infografik-Preis, ist die Zahl der Wettbewerbsbeiträge in den vergangenen drei, vier Jahren um die Hälfte gestiegen. Die Infografik ist eine journalistische Darstellungsform, die zur Profilschärfe beiträgt. Wer überzeugend Infografiken publiziert, hat ein höheres Ansehen.

DIE ZEIT: Wieso das?

Stoll: Weil eine gute Infografik Dinge zeigen und erklären kann, auf die der Leser vorher keinen Zugriff hatte. Das sind ihre beiden Hauptaufgaben: visualisieren und vermitteln. Sie verschafft mir einen strukturierten Zugang zur Information, ich muss mir den Sachverhalt nicht selber zusammensuchen und ihn einordnen.

DIE ZEIT: Die Infografik ist also etwas für faule Leser?

Stoll: Ganz und gar nicht. Die Infografik ist ein Element für effektive Leser. In unserer Wissensgesellschaft sollen wir ständig in möglichst kurzer Zeit möglichst viel aufnehmen. Es kommt auf schnelle und präzise Vermittlung an. Genau das kann die Infografik sehr gut. Die Wechselwirkungen zwischen dem visuellen Eindruck und dem analytisch-verbalen Grafikanteil sind sehr intensiv, weil sie wie in einer Collage miteinander verwoben sind.

DIE ZEIT: Also brauchen wir mehr Infografiken?

Klicken Sie auf das Bild, um die bisherigen Infografiken aufzurufen © ZEIT Grafik

Stoll: Auf jeden Fall. Allerdings sind Infografiken kein Allheilmittel im Journalismus oder für die Wissensvermittlung per se. Wir brauchen mehr Infografiken bei Themen, die sich dafür eignen. Das ist zum einen dann der Fall, wenn eine Information abstrakt ist. Und zum anderen, wenn eine Information so komplex ist, dass sie nicht linear erzählt werden kann.

DIE ZEIT: Gibt es die ideale Infografik?

Stoll: Es gibt ein paar Qualitätskriterien, zum Beispiel die Fluchtpunktperspektive oder die Benutzerführung und Hierarchisierung eines Themas durch die Grafik. Zum Wesen einer Infografik gehört es, dass sie ihre eigene Bedienungsanleitung mitbringt. Das merkt der Leser gar nicht, es funktioniert im Idealfall einfach. Wenn eine Infografik sich widerspruchsfrei interpretieren lässt, also jeder, der sie anschaut, das Gleiche darin liest, dann ist das eine gute Grafik.

DIE ZEIT: Bekommt der Leser, Fernsehzuschauer und Internetnutzer denn hauptsächlich gute Infografiken präsentiert?

Stoll: Wenn ich mir das Gros so anschaue, dann würde ich sagen: Da ist noch viel Luft nach oben. Aber wir sind auf einem guten Weg. In Deutschland gibt es zwei, drei Agenturen, die gestalterisch und journalistisch wirklich top sind. Während vor einigen Jahren die hiesigen Infografiker noch nach Amerika schielten und sich an den Kollegen dort orientierten, kann man inzwischen von einer Emanzipation der deutschen Infografik sprechen.

DIE ZEIT: Woran erkenne ich das?

Stoll: Tatsächlich an dem, wofür die Deutschen bekannt sind: ihrer Genauigkeit und ihrer rationalen Herangehensweise. Darin sind die deutschen Infografiken ungeschlagen.

DIE ZEIT: Sie sagen, wir sind auf einem guten Weg. Was genau ist denn das Ziel?

Stoll: Da lohnt sich der Blick nach Skandinavien, besonders nach Schweden und Dänemark. Dort kommt in den Zeitungsredaktionen auf zehn klassische Journalisten ein Infografiker. Von solchen Verhältnissen träumen die meisten deutschen Verlage. Das Ziel ist die Institutionalisierung des Berufs Infografiker.

DIE ZEIT: Was sind die aktuellen Trends in der Infografik?

Stoll: Neben der zunehmenden Zahl von 3-D-Grafiken und der Kombination von Statistiken mit Landkarten ist ein großer Trend, der zur Popularisierung der Infografik beigetragen hat, die Datenvisualisierung, die sich hauptsächlich im Internet abspielt. Umfangreiche Datenbestände, die online verfügbar sind, werden aufbereitet und öffentlich zugänglich gemacht. Die New York Times und der Guardian stellen solche interaktiven Grafiken zur Verfügung. Da kann man sich zum Beispiel alle Informationen über die Gefallenen des Irakkrieges ansehen, und zwar nicht nur mit Namen, Alter, Todesort. Sie können eigenständig suchen, ob aus dem Ort, wo der Gefallene herkam, vielleicht noch andere Menschen ums Leben gekommen sind. Oder aus dem Nachbarort. Oder der Parallelklasse.

DIE ZEIT: Sieht so der Journalismus der Zukunft aus? Ich wühle mich durch einen Wust an Informationen und bereite ihn ansprechend auf?

Stoll: Der Datenjournalismus wird sich sicher etablieren. Allerdings nicht in dieser formalen Ausprägung, wie er es zurzeit tut. Denn viele dieser Arbeiten vernachlässigen die zweite Aufgabe der Infografik: das Vermitteln. Darin sehe ich ein großes Problem. Visualisierung ohne Erklärung, das ist Schönheit ohne Bedeutung.

DIE ZEIT: Will der Leser sich denn wirklich mit solchen Datenmengen auseinandersetzen?

Stoll: Das will er. Wenn ich meine Studenten frage, wer noch fernsieht, lachen die mich aus. Die suchen sich ihre Informationen selber im Internet. Das beginnt mit einem Klick auf einen Link und endet in einer Datenbank, aus der sie das rauslesen, was sie wissen wollen. Was mir an diesem Trend sehr gut gefällt: Weil in einer Welt der Infografiken und Datenbanken vor allem faktisches Wissen gefragt ist, wird die Boulevardisierung verdrängt.