Neapels Probleme mit der Abfallentsorgung haben nichts damit zu tun, dass die Neapolitaner keine sauberen Menschen wären. Da gibt es ganz andere Gründe. Auf jeden Fall leiden die Neapolitaner unter der ständigen Wiederholung des Müllnotstandes, und sie leiden natürlich auch darunter, dass ihre Stadt als »Müllhauptstadt« geschmäht wird. Wenn der SSC Neapel auswärts Fußball spielt, verspotten die gegnerischen Fans die Spieler als »Müllmänner«. Einige ausländische Fußballer wollten angeblich wegen der Abfallberge erst gar nicht beim neapolitanischen Klub anheuern. Die Neapolitaner vertreiben inzwischen sogar Postkarten, auf denen Müllhaufen zu sehen sind, sie sind eben ein selbstironisches Volk. Aber in Wirklichkeit empfinden sie die Dauerkonfrontation mit dem Müll als unwürdig, für sie sind die Abfallhaufen ein weiterer Beweis dafür, dass sie nur Bürger zweiter Klasse sind, um die sich der Staat nicht kümmert.

Es gibt 16-jährige Jugendliche in Neapel, die ihre Heimatstadt praktisch noch nie ganz vom Müll befreit erlebt haben. Denn der sogenannte Müllnotstand existiert seit 16 Jahren – also so lange, dass die Bezeichnung »Notstand« schon gar nicht mehr angebracht ist. Ein »Notstand« ist nur eine Episode, ein Ausnahmezustand eben. Wenn er jedes Jahr wieder eintritt, dann handelt es sich nicht mehr um einen »Notstand«. In Neapel ist die Müllkrise zum Normalzustand geworden: Wie es im Sommer heiß ist und im Winter kalt, so wachsen jedes Jahr die Müllberge. Neuerdings ereignet sich der Notstand sogar häufiger als einmal im Jahr. Vor Weihnachten lagerten auf den Straßen und Plätzen von Neapel 3000 Tonnen Müll, die schließlich mit Baggern weggeschafft wurden. Jetzt, wenige Tage vor der Bürgermeisterwahl, sind es erneut über 3000 Tonnen. Die Regierung hat wie so oft Soldaten geschickt, die in Neapel als Müllmänner eingesetzt werden.

Um den Müll ranken sich mittlerweile viele Geschichten, und manche sind geradezu grotesk. Da gab es zum Beispiel im Hinterland plötzlich einen Boom von Klimaanlagen. Jeder Haushalt wollte eine haben, auch in den entlegensten Dörfern. Der Grund dafür war der Müll, dessen Gestank derart aufdringlich in die Häuser drang, dass die Leute die Fenster geschlossen halten mussten. In der Ortschaft Maddaloni in der Provinz Caserta wurden 2008 die Schulen geschlossen, die Postangestellten verweigerten die Arbeit, es wurden keine Märkte mehr abgehalten – die Müllberge machten ein normales Alltagsleben unmöglich. Eine Lehrerin aus Boscoreale erzählte mir, wie sie jeden Morgen von ihrer Wohnung zur Schule nach Neapel fuhr, und der Gestank reiste mit. Ein beißender Fäulnisgeruch hatte sich in den Sitzen des Autos und in ihrer Kleidung festgekrallt, die arme Frau wurde deswegen von ihren Schülern gehänselt.

Aber warum geschieht so etwas nicht in Genua, Mailand oder Bologna, sondern nur in Neapel? Auf diese Frage gibt es eine einfache Antwort. Erstens hat die Camorra bei dem dauernden Müllproblem ihre Hand im Spiel. Sie verhindert zusammen mit korrupten Politikern eine funktionierende Entsorgung, um den Clans riesige Gewinne durch eine ineffiziente, mit überhöhten Preisen operierende Müllwirtschaft zu sichern. Zweitens wird die Abfallentsorgung in Neapel und der umliegenden Region Kampanien zu einem ganz überwiegenden Teil durch Müllkippen betrieben. Diese Kippen füllen sich mit der Zeit, und wenn das geschieht, verfügt ein Gericht die Schließung. Nicht selten erfolgt die Sperrung der Kippen auch wegen Umweltproblemen, wenn austretende Flüssigkeit den Boden verschmutzt. Auf jeden Fall kommt der Schließungsbefehl immer plötzlich, der Müll kann dann nicht mehr abgeladen werden und bleibt auf der Straße. Natürlich ist das grundlegende Problem dahinter das Fehlen einer nachhaltigen Abfallpolitik. Aber das ist nicht alles: In den 1990er Jahren wurden viele Kippen eröffnet, die laut einem Bericht der Umweltschutzorganisation Legambiente ein ganzes Jahrhundert lang neapolitanischen Hausmüll hätten fassen können. Doch dazu kam es nicht – die Camorra füllte die Kippen umgehend mit Müll aus ganz Italien.

Der Abfall auf der Straße hat verheerende Auswirkungen, wenn man versucht, das Volumen der Müllberge zu verringern, indem man sie in Brand steckt. Es gibt da ein Dreieck im Hinterland von Neapel zwischen den Orten Giugliano, Villaricca und Qualiano, das alle nur noch »Feuerland« nennen. Oft sieht man da an den Straßenrändern pechschwarzen Rauch aufsteigen. Die Brände werden in bewährter Manier gelegt: Die besten »Brandstifter« sind ausländische Jugendliche, denen die Clans der Camorra 50 Euro pro verbrannten Müllhaufen zahlen. Die Jungen umwickeln die Müllberge mit den Bändern von Videokassetten, schütten Alkohol und Benzin darauf und entfernen sich. Mit dem Feuerzeug zünden sie die Videobänder an, die wie eine richtige Zündschnur funktionieren. In wenigen Sekunden brennt dann alles lichterloh, Hausmüll und Gewerbeabfälle wie Lacke, Klebstoff, Schmieröl, die jeden Quadratzentimeter Erde mit Dioxin verseuchen.

In Neapel hat die Mülltrennung nie funktioniert, und das ist wirklich eine Schande. In der Millionenstadt gibt es nur wenige Viertel, in denen der getrennte Abfall zu Hause abgeholt wird – die einzig effiziente Methode, weil sie so etwas wie Sozialkontrolle impliziert. Wenn der Nachbar trennt, dann trenne ich auch, deshalb funktioniert das in diesen Vierteln hervorragend. Es sind nur zu wenige. Fast 84 Prozent des Abfalls werden nicht getrennt und landen auf der Müllkippe, dabei dürften es laut Gesetz nur 35 Prozent sein. Die Mülltrennung funktioniert nicht etwa deswegen nicht, weil die Neapolitaner sie nicht beherrschten oder nicht wollten. Sie funktioniert nicht, weil das Geschäft mit dem Abfall blüht, solange er nicht getrennt wird. Mülltrennung bedeutet weniger Abfall, und weniger Abfall bedeutet weniger Verdienst für die Müllwirtschaft, die mit dem Organisierten Verbrechen verfilzt ist. So absurd es klingt: In Neapel ist Mülltrennung eine Antimafiaaktion. Bisher hat sich noch keine Stadtverwaltung getraut, das wirklich durchzusetzen.

Am Geschäft mit dem Müll verdienen alle. Es verdient die Organisierte Kriminalität. Es verdienen die Abfallunternehmen. Es verdienen am Müll auch die sogenannten Entsorgungsgesellschaften. Das sind Konsortien mehrerer Kommunen, die sich zusammentun, um die Mülltrennung billiger zu machen. Doch in Wirklichkeit werden diese Konsortien zum Paradies des Klientelismus, der getürkten Ausschreibungen und der gefälschten Rechnungen. Sie bilden regelrechte Kartelle – nicht um den Preis zu senken, sondern um ihn in die Höhe zu treiben und den Müll letztendlich von der Camorra »entsorgen« zu lassen. Längst haben die Clans die Müllkonsortien mit ihren Mittelsmännern infiltriert. Denn der Abfallberg ist jener Ort, wo Politik, Camorra-Clan und Unternehmen sich treffen. Die Grenzen sind dabei fließend.