Kinderkanal Brot und Spiele

Millionenbetrug beim Kinderkanal: Die beteiligten Sender streiten.

Einmal im Jahr verleiht der Norddeutsche Rundfunk intern den Sehstern. Die Veranstaltung ist für den Sender eine gute Gelegenheit, sich selbst, garniert mit ein paar launigen Worten, für gelungenen öffentlich-rechtlichen Journalismus zu feiern. Normalerweise.

In diesem Jahr eröffnete Fernseh-Programmdirektor Frank Beckmann die Veranstaltung mit einer Verteidigungsrede in eigener Sache. Es ging um seine Vergangenheit beim Kinderkanal. Und die Frage, was Beckmann gewusst habe oder fahrlässig übersehen. Die Ansprache sei in diesem Umfeld ein bisschen befremdlich gewesen, sagt ein Mitarbeiter, der dabei war.

Anzeige

Beckmann ist seit Ende 2008 in Hamburg beim NDR, zuvor hat er acht Jahre lang in Erfurt die Geschäfte für den öffentlich-rechtlichen Kinderkanal geführt, bei dem etliche Millionen Euro veruntreut wurden. Auch sein Nachfolger als Programmgeschäftsführer bemerkte den Betrug nicht und wurde dafür bereits abgemahnt.

Der vorläufige Gesamtschaden beläuft sich auf 8.183.815,24 Euro. Die Nummer zwei im Kika, Herstellungsleiter Marco K., hat über diese Summe Scheinrechnungen bezahlen lassen. Dabei wurden zum Beispiel Aufträge für Trailer oder Onlineseiten gefälscht. Ein Teil des Geldes ging an K.s Komplizen bei den Firmen, die diese Rechnungen ausstellten. Viel floss an den Geschäftsführer der Koppfilm. Er brachte das System durch eine Selbstanzeige im Herbst zu Fall, als seine Firma trotz der zusätzlichen Einnahmen auf die Insolvenz zusteuerte.

Zu den großen Profiteuren des Betrugs gehört auch das Spielcasino in Erfurt. Dort hielt man fest, Marco K. sei im Jahr 2010 103-mal zu Besuch gewesen, er habe dabei vorzugsweise an einem Hyperlink-Automaten mit einem Einsatz von 40 Euro gespielt und pro Woche zirka 20.000 Euro verdaddelt, unter Einrechnung der Gewinne.

Frank Beckmann hat sich bislang nur einmal öffentlich zu der Sache geäußert – in seinem eigenen Programm bei Zapp . Allerdings muss man fairerweise sagen, dass er dabei trotzdem nicht besonders gut wegkam. »Ich habe bei dem Herstellungsleiter in keinster Weise Verdacht schöpfen können«, antwortet Beckmann auf die Frage, ob er etwas von der Spielsucht gewusst habe.

Im Bericht, den die Revisoren von MDR und ZDF verfasst haben, liest sich das anders. Nach Angaben eines Kika-Redaktionsleiters soll es schriftliche Memos an die Programmgeschäftsführer gegeben haben. »Dieser Schriftverkehr sei dem Redaktionsleiter im Zeitraum Ende Oktober bis Anfang Dezember 2010 aber aus einem Ordner in seinem Büro entwendet worden.« Im November 2007 habe außerdem ein Kika-Mitarbeiter über eine mit ihm befreundete Casinomitarbeiterin von den Spielgewohnheiten des Herstellungsleiters erfahren. Er unterrichtete damals den Redaktionsleiter, der der Information jedoch nicht nachging. Programmgeschäftsführer Beckmann wurde damals ebenfalls informiert und soll geantwortet haben: »Ich kenne Marco, so ist er nun mal.« An Skatrunden bei seinem Mitarbeiter zu Hause hat Beckmann auch schon mal selbst teilgenommen.

Leser-Kommentare
  1. Das Grundproblem bei den Öff Rechtl Sendern ist der nicht vorhandene Kontrollapparat.

    Den Öff Rechtl Sendern ist durch die Verfassung die Sendung des Grundbedarfs zugestanden.

    Was heute mehr als zahlreiche Sender leisten, hat keinerlei Zusammenhang mehr zu dem Verfassungsauftrag.

    Die Öff Recht sind die einzigen Organisationen - außerhalb der Parlamente - welche frei jeder Kontrolle sind.

    Es gibt zwar eine rein rechnerische Kontrolle, es gibt aber keine Kontrolle in der Sache.

    Hier kontrollieren sich die Öff Recht selbst. Dass das ein Unding ist, weiß man seit Jahrzehnten.

    Die Öff Recht stellen natürlich auch einen Machtapparat dar, weshalb Politiker es nicht wagen, sich mit den Öff Recht anzulegen. Ein Staat im Staate.

    In einem solchen Basissysteme können natürlich obige Vorkommnisse leicht geschehen, gibt es doch keine Kontrolle.

    Seit Jahrzehnten hätte man die Öff Rechtl Anstalten einer Kontrolle unterstellen müssen.

    • Elite7
    • 16.05.2011 um 20:11 Uhr

    Ich mein wer bezahlt das ganze letztendlich? Natürlich der Gebührenzahler, bzw. der hat die Spielsucht ja längst bezahlt, mal sehen, was sonst noch so für Betrügereien ans Tageslicht komme. Das Programm des Kinderkanals ist sowieso eine Unverschähmtheit, jetzt weiß ich ja auch warum: Das Geld für ein ordentliches Programm fehlt wohl.

    • nicko
    • 16.05.2011 um 22:34 Uhr

    Es ist ein Grauen, Kinder überhaupt vor den Fernseher zu verbannen. Hier werden grosse Defiziete in der Entwicklung der Kleinen "programmiert".

    Eine Leser-Empfehlung
    • hmber
    • 17.05.2011 um 8:43 Uhr

    Hier ist nur ein alltäglicher Skandal abgelaufen. solche Vorfälle passieren öfter in unserer Wirtschaft. Es wird immer Menschen geben, die, auch erfolgreich, Bemühungen unternehmen an bestimmten Sachlagen zu verdienen, bestehende Kontrollen zu umgehen und sich ungefrechtfertigt zu bereichern. Das hat nichts mit dem System öffentlich rechtlich zu tun.
    So sind wir nunmal.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • LP
    • 17.05.2011 um 16:34 Uhr

    ...Korruption so bagatelisieren darf. Es wird doch nicht dadurch besser, dass es immer mehr Menschen gibt, die nur an sich selber denken.
    Sicher, den preussischen Beamten gibt es nicht mehr. Da wir uns in Deutschland aber immer noch darauf berufen ordentlich und korrekt zu sein, ist es wichtig, endlich eine breite Debatte über die Korruption in unserem Lande zu beginnen.

    Das fängt bei Vitamin B an und hört bei Siemens auf. Ein übles Gift ist das, welches letztlich uns allen schadet. Wenn ich in meinem Bekanntenkreis soetwas mitbekomme, dann leidet die Freundschaft.
    Wenn z. B. jemand eine Stelle ausschreibt und eh schon weiss, wen er einstellt, dann werde ich misstrauisch. Mit solchen Leuten möchte ich nichts zu tun haben, weil ich nicht weiss, ob ich ihnen vertrauen kann. Da rufe ich dann einfach nicht mehr an und man entfremdet sich mit der Zeit.

    Ich bin aber froh, dass meine guten Freunde ehrlich sind. Dieser Wert scheint vielen Menschen nur leider nicht mehr bewusst zu sein. Oder sie merken es erst was ihnen fehlt, wenn sie ganz tief im Schlammassel stecken.

    • LP
    • 17.05.2011 um 16:34 Uhr

    ...Korruption so bagatelisieren darf. Es wird doch nicht dadurch besser, dass es immer mehr Menschen gibt, die nur an sich selber denken.
    Sicher, den preussischen Beamten gibt es nicht mehr. Da wir uns in Deutschland aber immer noch darauf berufen ordentlich und korrekt zu sein, ist es wichtig, endlich eine breite Debatte über die Korruption in unserem Lande zu beginnen.

    Das fängt bei Vitamin B an und hört bei Siemens auf. Ein übles Gift ist das, welches letztlich uns allen schadet. Wenn ich in meinem Bekanntenkreis soetwas mitbekomme, dann leidet die Freundschaft.
    Wenn z. B. jemand eine Stelle ausschreibt und eh schon weiss, wen er einstellt, dann werde ich misstrauisch. Mit solchen Leuten möchte ich nichts zu tun haben, weil ich nicht weiss, ob ich ihnen vertrauen kann. Da rufe ich dann einfach nicht mehr an und man entfremdet sich mit der Zeit.

    Ich bin aber froh, dass meine guten Freunde ehrlich sind. Dieser Wert scheint vielen Menschen nur leider nicht mehr bewusst zu sein. Oder sie merken es erst was ihnen fehlt, wenn sie ganz tief im Schlammassel stecken.

    • LP
    • 17.05.2011 um 16:34 Uhr

    ...Korruption so bagatelisieren darf. Es wird doch nicht dadurch besser, dass es immer mehr Menschen gibt, die nur an sich selber denken.
    Sicher, den preussischen Beamten gibt es nicht mehr. Da wir uns in Deutschland aber immer noch darauf berufen ordentlich und korrekt zu sein, ist es wichtig, endlich eine breite Debatte über die Korruption in unserem Lande zu beginnen.

    Das fängt bei Vitamin B an und hört bei Siemens auf. Ein übles Gift ist das, welches letztlich uns allen schadet. Wenn ich in meinem Bekanntenkreis soetwas mitbekomme, dann leidet die Freundschaft.
    Wenn z. B. jemand eine Stelle ausschreibt und eh schon weiss, wen er einstellt, dann werde ich misstrauisch. Mit solchen Leuten möchte ich nichts zu tun haben, weil ich nicht weiss, ob ich ihnen vertrauen kann. Da rufe ich dann einfach nicht mehr an und man entfremdet sich mit der Zeit.

    Ich bin aber froh, dass meine guten Freunde ehrlich sind. Dieser Wert scheint vielen Menschen nur leider nicht mehr bewusst zu sein. Oder sie merken es erst was ihnen fehlt, wenn sie ganz tief im Schlammassel stecken.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service