Ichheißebläsfortünuntichbinbürgaderfranzöschenrepublikdasisdiereinewaheit" – mit diesem mühsam auswendig gelernten Satz macht sich ein Junge aus dem Kaukasus auf den Weg nach Frankreich – ins Land der Freiheit und der Menschenrechte. Der Junge heißt Kumaïl, und er glaubt tatsächlich, was er sagt. Man hat ihm erzählt, er sei Franzose, als Baby habe die junge Russin Gloria ihn vom Schoß seiner Mutter aus einem zerbombten Zug gerettet. Auch den Pass habe sie mitgenommen. Darin steht der Name Blaise Fortune. Gloria, die ihren Schützling "Monsieur Blaise" nennt, ihn umsorgt und aufmuntert, kann über seine Rettung eine wunderbare Geschichten erzählen. Auch vom paradiesischen Obstgarten ihrer Familie und Glorias Liebe zu Zem Zem lässt sich Kumaïl immer wieder berichten, wenn ihn die Sehnsucht nach seiner französischen Mutter packt. Oder die Verzweiflung.

Gloria und Kumaïl leben in einer Flüchtlingsunterkunft am Rande der Stadt Tbilissi in Georgien. Später kommen sie auf einer vergifteten Müllhalde unter. Denn sie versuchen vergeblich, mit dem Schiff nach Westen zu gelangen. Schleuser, die sie über den Landweg nach Frankreich bringen wollten, betrügen sie. Jahre gehen dahin mit der Flucht auf Straßen durch Osteuropa. Immer wieder holen die Kriegswirren der Kaukasus-Unruhen in den neunziger Jahren die beiden ein.

So wächst Kumaïl/Blaise in einer Welt voller Ungewissheit vom vertrauensvollen Kind zum zweifelnden Jugendlichen heran. Nur Gloria gibt ihm Schutz und spielt herunter, wie krank sie selbst ist, ausgezehrt von den Entbehrungen, die Lungen vergiftet von der Arbeit auf dem Müllberg. Doch als der Junge endlich vor französischen Zöllnern seine Identität bekennen kann – "Ich bin Blaise Fortune und ich bin Bürger der französischen Republik..." –, da ist Gloria verschwunden. Sie erlebt nicht mit, wie er in langen acht Jahren fließend Französisch lernt, schließlich einen gültigen französischen Pass besitzt und sogar ein Studium beginnt.

An all dies erinnert sich der zwanzigjährige Blaise, als er im Flughafen auf eine Maschine nach Tbilissi wartet: Er hofft, Gloria dort zu finden. Das gelingt tatsächlich. Doch die todkranke Frau hält für den erwachsenen "Monsieur Blaise" bittere Wahrheiten bereit: über sich, über Zem Zem und über Kumaïls eigene Herkunft. Erschüttert erkennt der junge Mann, dass die Hoffnung und Zuversicht seiner Kindheit auf falschen Vorstellungen beruhten, dass seine französische Mutter ein Traumbild war und dass er das Glück des Lebens nur Glorias Liebe, ihren erfundenen Geschichten und ihrem klugen Fluchtplan zu verdanken hat. Die Tragödie seiner Beschützerin und ihres tschetschenischen Geliebten hatte er nicht gekannt. Man darf mit Monsieur Blaise – oder besser doch Kumaïl? – weinen, wenn er endlich erkennt, was und wer eine Mutter ist.

Die 1971 geborene, erfolgreiche und vielseitige Kinder- und Jugendbuch-Autorin Anne-Laure Bondoux hingegen muss man bewundern. Ihre Geschichte ist keine Dokumentation, sie erzählt beispielhaft, was in unserer von regionalen Kämpfen heimgesuchten Welt täglich tausendfach geschieht: Eine Frau mit durchaus problematischer Rebellen-Vergangenheit und ein kleiner Junge machen sich auf den Weg, um dem Kind eine Überlebenschance in einem freien Land zu ermöglichen. Frankreich ist das Land der Freiheit für den russisch-tschetschenischen Jungen mit dem gefälschten Pass. Die politisch geschulte Gloria hat die Voraussetzungen dafür geschaffen. Die wundersame Rettung des "Monsieur Blaise" ruft nicht nur französischen Lesern ins Bewusstsein, wie hoch die von uns oft für selbstverständlich gehaltenen Werte der Demokratie dort eingeschätzt werden, wo man sie mit Füßen tritt.

Die Autorin erzählt in drei Zeitebenen: In der Gegenwart wird der erwachsene Blaise Fortune mit seiner wahren Identität konfrontiert. Seine eigene Erinnerung beginnt mit dem siebten Lebensjahr und führt ihn zurück in die Leidenszeit einer fünfjährigen Flucht. Glorias Erinnerungen aber reichen bis in die Zeit vor Kumaïls Geburt. Die Grausamkeiten, die Blaise erlebt, erfährt der Leser aus dem Blickwinkel des klugen, gefühlvollen Jungen – zunächst naiv, später staunend, zuletzt ratlos und suchend. So können selbst Brutalitäten, Mord und Verrat glaubhaft Teil einer Flüchtlingsgeschichte werden, die auch Freundschaft und die ersten Verliebtheiten kennt.

Nicht ohne Humor endet fast jedes Kapitel mit einer kleinen lehrhaften Pointe. Oft sind dies Glorias Kommentare, wie ihre Antwort auf die Frage, ob man im Krieg glücklich sein dürfe. "Glücklich sein wird zu jeder Zeit empfohlen, Monsieur Blaise", sagt sie. Manche Passagen – wie die, die im romantisch gezeichneten rumänischen Zigeunerlager spielt, verschaffen dem Leser eher unterhaltsame Lektüre. Doch selbst sie sind sorgfältig ausgewählt und verweisen jeweils auf Vorurteile oder menschliche Grenzbereiche.

Bondoux und ihrer guten Übersetzerin Maja von Vogel gelingt es, die Gefühle von Blaise und Gloria zum Mittelpunkt und zum Erklärungsmuster eines politischen Dramas zu machen. Der Leser erhält dadurch ein authentisches, lange in Erinnerung haftendes Bild vom Leid, vor allem aber den Wundern einer gelungenen Befreiung.