Schriftsteller Das Prinzip Frisch
Der Schweizer Schriftsteller wäre jetzt 100 – Wiederbegegnung mit einem unverschämt jung gebliebenen Klassiker.
Der erste Impuls: Man glaubt ihm die hundert Jahre nicht. Frisch ist doch immer jung gewesen. Einer, der das Erwachsenwerden ablehnte. Einer, den man las, als man selber jung war und auch nicht erwachsen werden wollte. In jeder Hinsicht ein Jugendautor.
Dass Max Frisch 1991 gestorben ist, hat man missbilligend zur Kenntnis genommen. Dass er irgendwann alt und behäbig war, ein Schweizer Herr mit Hamsterbacken und Krötenhals, der in sehr preußischblauen Hemden an sehr kompakten Tessiner Steintischen saß und weißweintrinkend sein Leben Revue passieren ließ, konnte man im Fernsehen sehen. Dass er gegen dieses Alter aufbegehrte mit immer imposanteren Automobilen, mit immer jüngeren Frauen, war so üblich und ging niemanden etwas an. Für uns war und blieb er der Autor einer Lebensdringlichkeit, die man gerne für unsere eigene gehalten hätte. Er sagte: »Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, dass wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können.« Wenige konnten die Träume unserer in sich selbst verliebten, vorwärtsdrängenden Epoche besser beschwören als Max Frisch, geboren am 15. Mai 1911 in Zürich, Heliosstraße 31, gestorben am 4. April 1991 in Zürich, Stadelhoferstraße 28.
Ihn nun, weil er hundert wird, wiederzulesen, die großen Werke in der Reihenfolge ihres Entstehens – Tagebuch 1946-1949, Stiller, Homo faber, Mein Name sei Gantenbein, Tagebuch 1966-1971, Montauk, Der Mensch erscheint im Holozän –, ist ein Wiedersehen mit sanftem Schrecken. Nicht weil er, der ewig Junge, nun doch entgegen seinem lebenslangen Widerstand, man gestatte den Kalauer: entgegen seinen lebenslangen Frischhaltebemühungen, hinterrücks gealtert wäre. Im Gegenteil. Der Schrecken rührt daher, dass er wirklich noch so jung ist, wie er es immer sein wollte. Und dass wir es sind, die gealtert sind und die den Toten plötzlich für geradezu unverschämt jung halten. Woran liegt das?
Auf den ersten Blick ließen sich leichte Erklärungen finden. Da gibt es die Befremdlichkeiten im ersten Tagebuch aus den vierziger Jahren, die ihn in eine längst vergangene Zeit katapultieren. Die Bemerkungen über die »Neger«, die »pflanzenhaft vor sich hin dösen«, über den widerstandslosen Charakter des »Weibes«, das »sich formen lässt von jedem, der da kommt«, und andere Grobheiten, die uns diesen hemdsärmligen jungen Menschen fremd erscheinen lassen. Es gibt seine irritierende politische Indifferenz in der Kriegszeit, schon damals den Rückzug aufs Private, der verstanden werden kann als die literarische Variante der Schweizer Nichteinmischungsdoktrin. Wie eine Flaschenpost aus Märchenzeiten liest sich auch der nahezu verschollene Roman Antwort aus der Stille, den Peter von Matt vor zwei Jahren aus der Versenkung holte. Ein Bergmannsroman, der die »männliche Tat« verklärt, von der »kein Weibsbild« einen Kerl abzubringen vermag, wenn dieser auf der Suche nach dem »wirklichen Leben« ist. Frisch ließ das Buch 1937 in Nazi-Deutschland publizieren und hat es später nicht in seine Gesammelten Werke aufgenommen.
Doch an solchen Verschmocktheiten liegt es nicht, dass Max Frisch uns ein wenig entrückt ist. Dazu sind sie – auch im literaturpolizeilichen Sinn – zu unbedeutsam. Trotzdem erinnern sie uns daran, dass Frisch nicht nur unser Zeitgenosse, sondern auch ein Erbe der vorletzten Jahrhundertwende, ihres backenbärtigen Paternalismus und ihres vitalistischen Pathos war.
- Datum 15.05.2011 - 08:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.5.2011 Nr. 20
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werden und wurden bereits sehr viele Schriftsteller.
"nachdem die gemeinsame Tochter [...] an einem Schlangenbiss (ernsthaft: Schlangenbiss!) verendet ist"
Möglich, dass mir der Witz entgangen ist, aber sie starb an einer unentdeckten Schädelfraktur, nicht an dem Schlangenbiss. ;)
Blau ist die Tür von Frischs Haus am Ortseingang von Berzona. Und Schlangen gibt es dort zur Genüge und loses Geröll.
Frisch wird hundert und alle wollen ein bisschen recht haben. Klar.
"Erfahrung ist ein Einfall, nicht das Ergebnis aus Vorfällen. Der Vorfall, ein und derselbe, dient tausend Erfahrungen." (Max Frisch in Gantenbein)
Unerprobte Worte für nachwachsende Lesergenerationen. Der Frisch bleibt wohl noch lange frisch.
Entfernt. Im Streben nach einer ausgewogenen Diskussion, bitten wir auf das mehrfache Einstellen identischer Inhalte zu verzichten. Danke, die Redaktion/sc
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