Essay Im Zorn geschrieben
Eberhard Straubs Essay "Zur Tyrannei der Werte" vibriert vor Angriffslust.
Werte stehen in einem schlechten Ruf. Sie verlieren an Wert in ebendem Maße, wie sie beschworen werden. Das kann man an politischen Diskussionen sehen, wenn sie sich dem Punkt der Letztbegründung nähern. Wenn nichts mehr hilft, hilft das christliche Menschenbild, die humanistische Tradition, die europäische Aufklärung, Goethe und die Weltliteratur und alles zusammen oder in verschiedenen Legierungen. Und wenn dies dann als Wertesubstanz des Grundgesetzes aufgerufen wird, dann treibt es einem Polemiker alteuropäischer Provenienz wie dem Journalisten Eberhard Straub die Zornesfalten ins Gesicht, und er schreibt ein Buch über Die Tyrannei der Werte.
Straub sieht die formale Reinheit der rechtlichen Regel durch bloße Meinungen überlagert, die sich durchsetzen und andere niedermachen wollen. Eigentlich hätte Straub immer dann ein Fest zu feiern, wenn wieder einmal deutsche Leitkultur ausgerufen wird. Ebendas passiert aber nach diversen Stemmversuchen von Helmut Kohls geistig-moralischer Wende bis zur Ausländerpolitik des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch kaum mehr. Die neuen alten Werte sind mal auf der langen Bank des politischen Alltags, mal an der moralischen Empörung gescheitert. Nicht nur deshalb lobt man heute statt traditioneller Werte lieber kompetitive Stärken. Und das auch noch in jener Mischung aus Ernsthaftigkeit und Ironie, die einst durch Heinrich Heine in die deutsche Welt kam.
Ebendies, die Differenzierung der Gesellschaft und die Ironisierung aller Verhältnisse, will Eberhard Straub nicht anerkennen, weil er als Bildungsbürger alter Schule um die Anerkennung von Derivaten ehemals tauglicher Allgemeinbegriffe ringt. Er tut dies nach Art einer negativen Theologie. Es sei heute unmöglich, eine positive Idee des Menschen verbindlich zu machen, da die Geschichtlichkeit, der Relativismus und damit der Nihilismus alles, auch die Ideen und Vorstellungen des Zusammenlebens, verflüssigt hätten. Da denkt der Ideenhistoriker aus dem Geist des 19. Jahrhunderts. Aus demselben Jahrhundert stammt die zweite, die handfestere Deduktion der Ent-Wertung von Fraglosigkeiten: Die Marxsche politische Ökonomie erkennt die Abhängigkeit einer jeden Wertschöpfung von der Mehrwertproduktion und jeder Wertsetzung vom Handeln auf dem Markt. Straub operiert also im Wesentlichen mit Nietzsche und Marx, leiht sich dort Furor und Polemik. Deshalb klingt immer nach frühem 20. Jahrhundert, was da verhandelt wird. Tatsächlich liegt ein Schwerpunkt der Überlegung in jener Zeit vor 1900, als Neurasthenie als Krankheit Mode war, die Industrialisierung auf dem Gipfel und Nietzsche seine unzeitgemäßen Betrachtungen schrieb.
Eberhard Straub ist ein strategischer Gedankenanarchist, der sich hütet, aus einer historischen oder intellektuellen Festung heraus seine Angriffe vorzutragen. Er zieht eine Guerillataktik vor, taucht an unerwarteten Stellen der Geschichte auf, zitiert gerne quer zum herrschenden Kartell und verbündet sich mit seinen Feinden bis zur Ununterscheidbarkeit. Auch immer gerne mit dem Antikapitalismus Marxscher Prägung. Wie ein Materialist alter Schule sieht Straub den Begriff des Wertes geprägt von den Produktions- und Tauschverhältnissen des kapitalistischen Warenverkehrs. Der Markt generiert den einzelnen Wert und das System der Werte, über das eine Gesellschaft sich organisiert. Straub fahndet nach weiteren Kandidaten für seine Angriffslust. Da ist der moderne Staat, der auf immer weiteren Feldern versucht, dem Individuum seine Wertsetzungen aufzuzwingen. Und aktuell zorntreibend wirkt der Naturalismus der Biowissenschaften mit seinem deterministischen Angriff auf die Würde des Menschen. Bei deren Verteidigung bekommt sogar die Tierwelt ihr Fett ab, weil sie es nicht bis auf die Höhe der unantastbaren Individualität ihrer Einzelexemplare gebracht hat.
Gebildet im Sinne verschwenderischer Zitatkunst und höherer Kavaliersreisen in die europäische Geschichte, hat der Abendlanddenker Eberhard Straub allerhand zu geißeln, doch die Werte sind der schlechteste Kandidat dafür. Sie sind so gut wie alles, was uns frommt und uns belästigt, vor und nach dem Kapitalismus. Sie sind so nahe an Platons Ideen wie an Rabattmarken. Sie sind religiös und numerisch zu fassen. Sie sind Joker, keine Tyrannen. Sie können nerven, nicht töten. Grimms Wörterbuch weist sage und schreibe sechzehn Spalten allein für das Adjektiv »wert« auf, zehn für das Substantiv und vierunddreißig Spalten für Komposita von »Wertabstufung« bis »Wertzuwachs« – zusammen fast so wertvoll wie ein kleines Buch. Der schönste Eintrag darunter ist zweifellos der unmittelbar vor »Werthöhe«. Das Lemma lautet »werther(i)sch« und ist wie folgt belegt: »es wäre nicht nur eine impolitesse gewesen, ...eine Sünde wider den heiligen geist, nämlich der sentimentalität und der Wertherschen gelben hosen, das lustige pläsier mutwillig zu zerstören« (Wilhelm Raabe).
- Datum 25.05.2011 - 11:47 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.5.2011 Nr. 20
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Wer tyrannisiert wen?
Strategie der Gedanken oder der Gedankenlosigkeit ist all-
tägliches Geschehen.
Die Individualität des Einzelnen ist durch nichts zu ersetzen.
Die Gedanken der Freiheit, der Solidarität und das Miteinander
sind höher zu bewerten als die Joker, als die religiösen Fanatiker
und als politische Parteien.
Wenn die Würde der oder des Menschen durch einige egoistische
Despoten zu Grabe getragen werden soll, durch mutwillige Zerstörung,
durch Tyrannen des Bösen ist jede Gemeinschaft aufgefordert Wider-
stand aufzuzeigen.
Nicht als einzelner unter vielen sondern in Gemeinschaft mit vielen.
Kleiner Tipp für den Autor der Artikels: Man muss kein Kenner sein, um sich an Carl Schmitts "Die Tyrannei der Werte" erinnert zu fühlen. Schmitts Büchlein in der Rezension nicht zu erwähnen, ist ein grober Schnitzer.
Warum Hubsi den Schmitt-Titel nicht erwähnt: wohl weil er ihn nicht kannte.
Eine typische Kollegen-Kritik: wann wird zurückgelobt?
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