Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Die Welt – ein Werden und Vergehen. Den Beruf des Seifensieders gibt es nicht mehr, so wenig wie den Harzer oder den Haderlump. Mir fallen im Fernsehen aber oft neue Berufe ins Auge, zum Beispiel Terrorexperte. Das ist für junge Leute heutzutage sicher nicht die schlechteste Perspektive. Alle Sender beschäftigen, spätestens seit dem Anschlag auf das World Trade Center, einen eigenen, offiziellen Terrorismusexperten. Der CNN-Experte gilt als führend, er heißt Peter Bergen. Michael Ortmann zieht seine Bahn als Terrorexperte bei RTL. Das ZDF geht mit Elmar Theveßen an den Start. Die ARD leistet sich, wahrscheinlich wegen der föderalen Struktur dieses Senders, sogar zwei Terrorexperten, nämlich Joachim Hagen und Holger Schmidt. Daneben gibt es den Typus des freiberuflichen, senderunabhängigen Terrorismusexperten, zu dem Berndt Georg Thamm zu zählen ist, der nicht unumstrittene Dr. Udo Ulfkotte und der ehemalige ZEIT- Kollege Michael Lüders.

Für die Ausbildung zum Terrorexperten gibt es noch keine Norm, auch kein Studienfach Terrorforschung. Einstweilen darf ein historisches Studium als ideale Voraussetzung gelten, diesen Weg sind unter anderem Theveßen und Hagen gegangen. Thamm ist gelernter Diplom-Sozialpädagoge und hat als Streetworker den Umgang mit unberechenbaren Individuen sozusagen hautnah gelernt. Hagen war Reporter bei der Kieler »Welle Nord«. Den originellsten Einstieg in diesen jungen Beruf hat der Terrorwart des Senders RTL gefunden. Bevor Michael Ortmann sich der Terrorforschung zuwandte, hat er sich als Regisseur künstlerisch mit misslingenden menschlichen Beziehungen befasst, im Jahre 2000 inszenierte er den Film Die frechsten Seitensprünge der Welt . Bergen dagegen hat 1997 ein Interview mit dem damals noch unbekannten Osama bin Laden geführt, das ideale Eintrittsbillett zum Terrorismusexpertentum.

Der Beruf des Terrorismusexperten ist von einer stark schwankenden Auftragslage gekennzeichnet. Deshalb haben die meisten Experten sich ein zweites oder sogar mehrere weitere Standbeine geschaffen. Thamm ist im Zweitberuf Drogenexperte. Theveßen arbeitet in terrorismusarmen Phasen als Experte für Wirtschaftskriminalität und stellvertretender Chefredakteur des ZDF. Lüders schreibt Romane (zuletzt: Blöder Hund). Der Terrorismusexperte muss, neben einer guten Allgemeinbildung, Fremdsprachenkenntnissen und sicherem Auftreten vor der Kamera, eine gewisse seelische Stabilität mitbringen. Immerhin verdient er sein Brot mit einer sehr unerfreulichen Zeiterscheinung. Diese Eigenschaft teilt er freilich mit den Juristen, den Medizinern und den Bestattern, deren Angehörige ohne Verbrechen, Krankheit und Tod ja ebenfalls arbeitslos wären. Auffällig ist, dass es unter den deutschen Terrorexperten keinen einzigen Bartträger, keine Person mit Migrationshintergrund und auch keine einzige Frau zu geben scheint. Rufe nach einer Frauenquote wurden bisher nicht vernommen, es handelt sich also um den letzten echten Männerberuf.

Der Boom ist auch in der Unterhaltungskunst nicht unbemerkt geblieben, so hat es die Figur »Terrorexperte Marcus Heuser« in der Fernsehserie GSG9 zu einem gewissen Ruhm gebracht, und im Internet tritt gelegentlich, als Parodie, der »Terror- und Kunstexperte Dr. Illmar Ernesto von den Wicken« auf. Darüber, wie sich ein Terrorismusexperte am Feierabend entspannt, hat bisher allein Joachim Hagen, ARD, Auskunft gegeben. Nachdem er den Menschen an den Bildschirmen den Terror erklärt hat, hört er zu Hause Opern.

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