TessinSein letztes Refugium

Vor 100 Jahren wurde er geboren – ein Zuhause fand Max Frisch erst spät, in einer wilden Gegend des Tessins. von Bernadette Conrad

Man fasst sich ein Herz, öffnet das unverschlossene Gartentor an der Straße und läuft die Stufen bis zum Haus hinunter. Wuchernder Baumdschungel zu beiden Seiten, eine leuchtende Azalee, hinter einem Gebüsch die alte Bocciabahn, schließlich das Klingelschild: »Max Frisch. Karin Pilliod«. Klingeln, lauschen, es bleibt still. So unheimlich still, wie es im Onsernone-Tal oft ist: Grillen, Vögel, irgendwo rauscht ein Bach.

Max Frisch ist seit 20 Jahren tot. Und doch steht am Anfang einer Spurensuche im Valle Onsernone auf dem Klingelschild in Berzona etwas wie ein Lebenszeichen: Hier wohnt, immer noch, zusammen mit seiner letzten Lebensgefährtin, Max Frisch. »Es ist der Ort, den ich am besten kenne, wo ich mich am ehesten zu Hause fühle, der mir am meisten vertraut ist. Auch wenn er nicht so bequem ist«, hat Frisch gegen Ende seines Lebens geschrieben.

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Anreise

Mit dem Zug nach Locarno (www.sbb.ch), von dort aus weiter mit dem Postbus oder Leihwagen www.europcar.ch

Unterkunft

In Loco, dem direkt neben Berzona gelegenen Hauptort des Valle, gibt es das nette kleine Ristorante Onsernone, DZ ca. 70 Euro, Tel. 0041-79/5191985. Komfortabel und originell am Ende des Tales, in Comologno: Palazzo Gamboni, Tel. 0041-91/7806009, www.palazzogamboni.ch, DZ ab circa 125 Euro

Ausstellung

»Max Frisch Berzona« zeigt Texte und Fotos im Museo Onsernonese in Loco bis zum 30. Oktober , Tel. 0041-91/7971000, www.onsernone.ch, Öffnungszeiten: Mi bis So, 14–17 Uhr (vor Juli auch freitags geschlossen)

Tipp: Das Atelier Pagliarte in Berzona ist dienstags (9.30–12 Uhr) und freitags (14.30–17 Uhr) geöffnet und bietet handgefertigte Flechtwaren aus Stroh an, Tel. 0041-91/7971022, www.pagliarte.ch

Literatur

Berzona spielt in diversen Frisch-Texten eine Rolle: »Montauk«, »Tagebücher 1966–71«, »Der Mensch erscheint im Holozän« (alle im Suhrkamp Verlag erschienen). Herrn Geisers Wanderung wird beschrieben in Beat Hächler (Hrsg.): Das Klappern der Zoccoli. Literarische Wanderungen im Tessin, Rotpunkt Verlag, Zürich 2000; 525 S., 26 Euro

Auskunft

Schweiz Tourismus, Tel. 00800/10020030 (kostenfrei), www.myswitzerland.com

Am Ort erhält man Auskunft beim Infopoint Auressio, Tel. 0041-91/7971000, www.onsernone.ch

Das Valle Onsernone ist das vielleicht wildeste der Tessiner Täler. Gut eine Viertelstunde hinter Locarno zweigt die Straße ab, windet sich in engen Schlingen um überhängende Felsen, halsbrecherisch die Kurven, hinter denen einem alles entgegenkommen kann, Postbus, Motorradstaffel, Rennräder. Nur keine Reisebusse. Denen verweigert sich das Tal. 20 Kilometer geht es hinein in die Schlucht; tief unten rauscht der Isorno. Acht Dörfer und ein paar Weiler liegen hintereinander aufgereiht wie auf einer Schnur, ganz am Ende: Spruga auf über 1000 Metern. Nur Berzona tanzt aus der Reihe. »Das Dorf, wenige Kilometer von der Grenze entfernt, hat 82 Einwohner, die Italienisch sprechen: kein Ristorante, nicht einmal eine Bar, da es nicht an der Talstraße liegt, sondern abseits.« So schrieb Frisch 1966 in sein Tagebuch.

Zwei Jahre zuvor war er zum ersten Mal von der Talstraße ins höher gelegene Berzona abgebogen. Der Dichterkollege Alfred Andersch, der seit Längerem dort lebte, machte ihn auf das verfallene Anwesen aufmerksam. Frisch, 53, kam dies gelegen. Nach fünf italienischen Jahren wollte er wieder in der Schweiz wohnen – »aber nicht ganz!«. Und er wünschte sich ein Haus zusammen mit seiner jungen Liebe Marianne Oellers. Er schrieb: »Was mir gefällt: das schwere Dach aus Granit und wie das Ganze in den Hang gestellt ist, das Haus und ein steinerner Stall, der beinahe ein Turm ist... das ist unbedacht und vollkommen. Ich bin begeistert... es soll kein Gefängnis werden, nur ein Zuhause, wenn Du dann bereit bist: Unser Zuhause.«

Der Schriftsteller Max Frisch (geboren am 15. Mai 1911 in Zürich, gestorben am 4. April 1991)

Der Schriftsteller Max Frisch (geboren am 15. Mai 1911 in Zürich, gestorben am 4. April 1991)  |  © Paco Junquera/Cover/Getty Images

Berzona wurde das Refugium, an dem Frisch »außerhalb von allem« sein konnte. Und noch immer sind Haus und Garten perfekt vor neugierigen Blicken geschützt. Keine Chance, den steinernen Tisch zu sehen, an dem die Frischs viele Gäste bewirteten und an dem auch der »Toggel« saß, eine zusammengebastelte lebensgroße Puppe. Auch die Granitsäule, »die unsere kleine Loggia hält«, bleibt verborgen. Wald umschließt das große Grundstück vollkommen. Ein Jahr dauerte der Umbau: mit Saunaofen, Weinkeller und einem Studio im Turm. Max und Marianne Frisch, seit 1968 verheiratet, reisten zwar weiter durch die Welt, mieteten Wohnungen in Amerika, Zürich, Berlin. Doch immer kamen sie zurück nach Berzona, Frisch am Steuer seines Jaguars. Er notierte: »Siebenmal im Jahr fahren wir diese Strecke, und es tritt jedes Mal ein: Daseinslust am Steuer. Das ist eine große Landschaft.«

Die anderen Häuser des Dorfes stehen eng zusammengekauert, scheinen sich der Vorherrschaft des Waldes entrissen zu haben. Mit kleinen Gebäuden aus Granit und Gneis, die durch Treppen, Übergänge ineinander verschlungen sind, zieht sich der Ort den Hang hoch. Handtuchschmale Balkons, Gärtchen, kein Platz zu klein, als dass nicht doch noch eine Palme, Azalee oder ein Jasmin da blühen könnte. »Das Gelände ist steil«, heißt es im Tagebuch, »Terrassen mit den üblichen Trockenmauern, Kastanien, ein Feigenbaum, der Mühe hat, Dschungel mit Brombeeren, zwei große Nussbäume, Disteln usw.« Seit dem 17. Jahrhundert investierten die Frauen des Dorfes ihre ganze Arbeitskraft in das einzige Gewerbe, das in diesem armen Tal je blühte: die Strohflechterei. Auf den terrassierten Hängen wuchs Roggen, dessen Halme die Frauen verflochten; man habe sie, so geht die Legende, noch im Einschlafen flechten sehen.

Diese Zeit war vorbei, als Max Frisch und Marianne Oellers kamen. Schon da gab es etliche Zugezogene, Aussteiger, Künstler wie Andersch oder Golo Mann. Dass durch die stranieri, meist Deutsche und Deutschschweizer, das aussterbende Tal wiederbelebt, Häuser renoviert würden, sei nicht von Schaden, fand Frisch. Zu widerstehen gelte es allerdings jeder Versuchung von Arroganz. »Wenn ich einkaufen gehe, versuche ich mich immer auf Italienisch«, berichtete er. Zum Einkaufen in Berzona gab es einzig den kleinen Dorfladen der Einheimischen Marta Regazzoni. Marta läutete auch die Glocke im großen frei stehenden Kampanile, der imposant neben der Kirche am Ortseingang aufragt. Ihr Laden ist längst aufgegeben. Von 82 Einwohnern kann keine Rede mehr sein. »Vielleicht 35?«, vermutet eine junge Frau, die mit ihrer Familie hergezogen ist und nun mit fünf anderen Frauen zusammen das alte Handwerk des Strohflechtens in einem kleinen Atelier wieder betreibt.

An die Stelle des Krämerladens – als einzigem öffentlichen Ort Berzonas – ist eine kunsthandwerkliche Kooperative getreten. Will man Marta Regazzoni treffen, muss man zwei Dörfer weiter fahren, vorbei am Friedhof von Berzona, die Straße hinunter bis zur Talstraße und durch Mosogno. Im Wintergarten des Altersheims von Russo sitzt Marta, eine zierliche Frau, eng neben einer Freundin aus Berzona. Und für beide scheint das Sprechen so ungewohnt geworden, dass nur noch ein heiseres Flüstern herauskommt. Bei Marta ist aller Ausdruck in die riesigen braunen Augen gewandert. Die glänzen vor Freude über Besuch. Max Frisch? Ja, natürlich, er kam oft in den Laden, »molto gentile«, ein freundlicher Mann. Es ist still im Raum. Durch die verglaste Außenwand blicken sie auf den dichten Wald, in vertrautes Gelände. Ein schönes Tal. Marta Regazzoni strahlt, jetzt voller Stolz: »Una valle selvaggia!«, ein wildes Tal! Wild, wie es der jüngere Frisch erlebte, wenn er heimkam von irgendwo, mit dem Auto über den San Bernardino: »Vor allem in den Kurven: der Körper erfasst Landschaft durch Fahrt, Einstimmung wie beim Tanzen«, schrieb er ins Tagebuch. Zehn Jahre später dominierte bei ihm eine andere, eine beklemmende Wildheit: In der Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän (1979) lässt Frisch den 74-jährigen Herrn Geiser ein Unwetter im Valle Onsernone erleben, ein sintflutartiges Gewitter, das existenzielle Angst auslöst. Wird mit dem Berg auch das Leben wegrutschen? Das Jahrhundertgewitter gab es wirklich. Im August 1978 wurden fast alle Brücken des Tals fortgerissen. Und ähnlich wie Geiser machte Frisch eine Krise durch: 1979 war das Jahr der Scheidung von Max und Marianne Frisch.

Leserkommentare
  1. danke. sehr schöner eingefühlter artikel.

    maxsensei

  2. Dichter unbekannt

  3. In der Tat ein wunderbarer Artikel, mit einer sprachlichen Ungaunauigkeit. Eine Krebsdiagnose an sich kann nicht tödlich sein. Tödlich ist allein die Krankheit selbst.

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