Medienkünstler Pfeiffer Keiner foult schöner

Bei ihm zappelt nicht nur Tom Cruise in den Endlosschleifen: Der Medienkünstler Paul Pfeiffer in München.

Vielleicht sollte man die Geschichte der modernen Kunst als große Schlankheitskur verstehen. Weg mit dem Farb- und Formenspeck! Runter mit den Bedeutungspfunden! Nicht wenige Künstler der letzten hundert Jahre waren geniale Diätmeister: Sie entschlackten die Motive, bis nur noch waschbrettstramme Abstraktionen übrig blieben. Keine üppigen Erzählungen mehr, Schluss mit dem kalorienreichen Pathos des 19. Jahrhunderts. Auch der New Yorker Medienkünstler Paul Pfeiffer, Jahrgang 1966, scheint sich für diese Kunst der Entsagung zu begeistern. Noch das heißeste Spektakel wird bei ihm kalt serviert. Viel Mühe und Zeit investiert er, damit auf seinen Videos und Fotografien am Ende möglichst wenig zu sehen ist. Dennoch oder gerade deshalb: Die Bilder haften.

Bilder von den muskelbepackten Fußballmännern zum Beispiel, die in ihren bunten Leibchen über den Rasen stürmen, nur um im nächsten Moment böse zu straucheln, sich stürzend zu verbiegen und irrwitzig zu verrenken, so als hätte eine höhere Macht sie am Wickel und würde sie durch die Luft schleudern und niederwerfen, bis sie halb zerdrückt auf dem Gras liegen bleiben, geschlagen, erledigt. Keiner foult so schön, das ist unübersehbar, wie Paul Pfeiffer.

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Bei ihm ist das Foul kein Regelverstoß, nicht das übliche Gehakel und Geschubse. Es geht auch nicht um Bundesligapunkte oder Finaleinzug, Pfeiffer interessiert sich einzig für den Leib und seine brachialen Verformungen. Alles andere hat er aus den Aufnahmen getilgt: die Nummern der Spieler, die Bannerwerbung, sogar den Ball und die rempelnden Mitspieler. Zurück bleibt der krude Schmerz, Menschen, die sich winden und krümmen, immer wieder und wieder, in Endlosschleife. Keiner foult so hässlich, auch das unübersehbar, wie Paul Pfeiffer.

Er will, dass aus dem Kunstschauen ein Kunstschaudern wird. Bei ihm ist das vergängliche Spiel ewiges Drama: Pfeiffer entzeitlicht seine Szenen, enträumlicht sie, er entrückt das Vertraute in geradezu mythische Sphären. Und so erkennen manche in seinen Fußballern auch Inbilder der Geworfenheit.

Pfeiffer wäre eine solche Deutung schon wieder viel zu pathetisch. Er zählt zwar schon seit etlichen Jahren zu den wichtigsten Video- und Fotokünstlern, kommendes Jahr wird er, wie zu hören ist, auf der Documenta in Kassel ausstellen. Und schon jetzt richtet ihm die Sammlung Goetz in München eine umsichtig komponierte Retrospektive aus. Doch die eigene Bedeutung scheint ihm unheimlich. Er hält sich zurück, nicht nur in seiner Kunst, auch im richtigen Leben. Er will nicht festgelegt werden auf eine Rolle, will keine Medienfigur sein. Denn so paradox es klingt: Er ist ein Bildermensch, der Bildern misstraut.

Wohl auch deshalb scheint er seine Kunst mitunter als Befreiungskommando zu begreifen. Pfeiffer erlöst Marilyn Monroe ebenso wie Michael Jackson oder Muhammad Ali, er reißt sie aus jener Hölle, in der sie verdammt sind, immer nur Ikonen und Legenden zu sein. Mit gigantischem Aufwand schneidert er ihnen am Computer eine Art digitalen Tarnumhang, und unter diesem lässt er sie verschwinden. Wo zuvor die Monroe stand, auf den berühmten Bildern am Strand, da ist nun keine Monroe mehr, sondern nur blauer Himmel und gischtendes Meer. Und Alis bekannteste Kämpfe finden jetzt ohne ihn statt und ohne seine Gegner. Das Publikum glotzt dennoch gebannt auf den leeren Boxring, gelegentlich schwanken die Begrenzungsseile.

Leser-Kommentare
  1. Zu offenkundig ist die kunstkritische Belehrung, zu vordergründig der Versuchsabbau. Doch zeigt Rauterberg glücklicherweise auch ein Talent für das Gute und Absurde, etwa wenn er in langen Texten Werbung für sich selber macht: Als genialen Kunstkenner mit einem unfehlbaren Geschmack. Picasso aber erkannte: Kunst beginnt jenseits des persönlichen Geschmacks! ... Schreiben ist hier ebenfalls als Kunst zu werten (in hoffnungsvoller Erwartung). Da sehen die zeitgenössischen Kunsttheorien jedoch seit einigen Dekaden die monotone Wiederholung von bereits bekannten Mustern als typisch für das Handwerk und für die Industrie, nicht aber für die Kunst.
    So fehlt auch hier das Eigentliche. Und in gewissem Sinne ist das auch für die Leser eine Erlösung, wenngleich eine anstrengende.

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