In Libyen haben sich die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten auf eine Strategie besonnen, die bereits in früheren Konflikten erfolgreich war: Anstatt sich wie in Somalia, Afghanistan oder im Irak mit dem Einsatz von Bodentruppen auf das Risiko eines langwierigen und verlustreichen Krieges einzulassen, setzt der Westen in Nordafrika auf die Überlegenheit seiner Luftwaffe und unterstützt mit Geheimagenten, Spezialeinheiten, Militärberatern und Waffenlieferungen die Streitkräfte der verbündeten Konfliktpartei vor Ort.

Eine ähnliche Strategie brachte bereits im jugoslawischen Bürgerkrieg die Wende: Es waren nicht allein die Bombardements der Nato, die Bosniens Serben und ihre Helfer in Belgrad zur Waffenruhe zwangen – es war vielmehr die Entscheidung von US-Präsident Bill Clinton, die kroatischen Streitkräfte im Kampf gegen die serbischen Truppen von einer amerikanischen Beratungsfirma für Militärfragen ausbilden zu lassen; und es war der Beschluss Washingtons, zusammen mit einer internationalen Koalition, die schon damals islamische Staaten einschloss, das UN-Waffenembargo zugunsten von Bosniern und Kroaten de facto aufzuheben.

Diese indirekte Form westlicher Kriegsführung zeigte Wirkung. Nur wenige Wochen nach dem serbischen Massaker in Srebrenica waren die bosnischen und kroatischen Truppen im Sommer 1995 in der Lage, eine Gegenoffensive zu starten und mehr als die Hälfte von Bosnien-Herzegowina zurückzuerobern. Die Operation – bei der es ebenfalls zu schweren Kriegsverbrechen kam – war militärisch so erfolgreich, dass sich die Serben zu Verhandlungen bereit erklärten. Ergebnis war der Vertrag von Dayton. Doch um Symmetrie auf dem Schlachtfeld und dann später am Verhandlungstisch zu erreichen, waren keine Bodentruppen des Westens eingesetzt worden.

Im Kosovo-Krieg beschränkte sich die Nato gleichfalls auf Luftschläge. Wie heute in Libyen schreckte der Westen auch damals aus guten Gründen vor dem Einsatz von Bodentruppen zurück. Ihre Rolle übernahm die Kosovo-Befreiungsarmee UCK. Gemeinsam startete man koordinierte Angriffe. Zwar mussten Washington und Brüssel dafür 78 Tage Bombenkrieg politisch rechtfertigen. Aber den Kampf zwischen UCK, serbischen Truppen und der Nato entschied die Allianz aus Albanern und westlichen Interventionsmächten schließlich für sich.

Anstatt sich die Strategie in Bosnien und im Kosovo zum Vorbild für kommende Interventionen zu nehmen, beschloss Washington 2001 in Afghanistan und 2003 im Irak den Großeinsatz der eigenen Infanterie – mit fatalen Konsequenzen: Bis heute sind Tausende alliierter Soldaten gefallen, Zehntausende wurden verwundet. Auch ökonomisch sind derlei Einsätze ein Desaster. Allein der dritte Golfkrieg hat den amerikanischen Steuerzahler nach Berechnungen von Joseph Stiglitz drei bis fünf Billionen Dollar gekostet – Mittel, die anderswo schmerzhaft fehlen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger sieht in der ökonomischen Schwäche seiner Heimat eine unmittelbare Folge des Waffengangs im Irak.

Dabei hätte die amerikanische Strategie auf dem Balkan auch am Hindukusch und am Golf zum Erfolg führen können: Zu Beginn des »Krieges gegen den Terror« beschränkten die USA ihre Operationen gegen dieTaliban und al-Qaida auf den Einsatz von Air Force und Spezialeinheiten – wie nun erneut bei der Tötung Osama bin Ladens. Den Krieg am Boden führte die Nordallianz in Afghanistan. Es waren ihre Truppen, die in Kabul einmarschierten. Erst danach begann die Stationierung von größeren Verbänden westlicher Infanterie – rückblickend ein schwerer Fehler. Das ursprüngliche Ziel nach dem 11. September 2001, Afghanistan den islamistischen Terrorgruppen als Rückzugsraum zu nehmen, war bereits erreicht worden. Die Nordallianz und weitere verbündete Afghanen hätten einen Staat aufbauen können, der zwar nicht einer mustergültigen Demokratie geglichen, aber zumindest keine Bedrohung für den Westen dargestellt hätte. Heute, zehn Jahre später, haben UN und Nato ebenfalls nicht viel mehr erreicht – aber um welchen Preis?

Auch im Irak hätte sich ein neuer Staat ohne amerikanische Invasion aufbauen lassen – und das bereits direkt nach dem zweiten Golfkrieg. Die Schiiten wurden von den USA nach der Befreiung Kuwaits 1991 und angesichts der stark geschwächten Armee von Saddam Hussein zu offenem Widerstand ermutigt, dann aber im Kampf gegen die verbliebenen Panzer und Kampfflugzeuge des Bagdader Regimes im Stich gelassen – ein Fehler, der sich heute in Libyen nicht wiederholen darf.