Jugendmagazin: Elefant im Zeitungsladen
Frank Haring hat aus der sächsischen Schülerzeitung "Spiesser" ein bundesweites Jugendmagazin gemacht. Inzwischen sieht selbst die "Bravo" in ihm einen ernsten Konkurrenten.
© Screenshot ZEIT Online

Die Website des Magazins "Spiesser"
Da ist die Geschichte mit dem Kaffee-Automaten. Eine Mitarbeiterin hatte Münzen eingeworfen und ihr Wechselgeld vergessen. Als sie zurückkehrte, war das Fach leer. Verschwunden, die paar Cent. Frank Haring fackelte nicht lange. Er ließ die Videoüberwachungsbänder der Büroetage sichten, um den Dieb zu entlarven. Eine Stunde Bildmaterial. Selbst wenn es nur um Kleingeld geht, kämpft er mit der Verbissenheit eines Jungen, dem man sein Spielzeug weggenommen hat. Mit dieser Haltung hat er sein Unternehmen groß gemacht.
Frank Haring, Geschäftsführer und Mitinhaber der Jugendzeitschrift Spiesser in Dresden, ist als 34-Jähriger so etwas wie Deutschlands jüngster Pressepate. Angeblich fast 800.000 Mal liegt sein Spiesser bundesweit an Schulen aus. Ein Magazin, in dem Jugendliche für Jugendliche schreiben, angeleitet von Journalisten. Das Heft ist mittlerweile so bekannt, dass der Heinrich Bauer Verlag darin eine Konkurrenz zu seiner Jugendpostille Bravo sieht. Der Verlag zweifelt die Spiesser -Auflage vor Gericht an. »Das wird lustig werden«, sagt Haring und blättert in der einstweiligen Verfügung, die Bauer vor drei Wochen gegen ihn erwirkt hat. 250.000 Euro Ordnungsgeld werden ihm angedroht, falls er weiterhin mit seinen Auflagenzahlen wirbt. »Wir werden das ganz sicher nicht auf uns sitzen lassen«, sagt er.
Rein äußerlich würde Haring – schwarzes Shirt, braune Cordhosen – als Juso-Kreisvorsitzender durchgehen. Auch der Anblick seines Dienst-Toyotas vermittelt nicht den Eindruck von einem, der dick im Geschäft ist. Doch Haring verlegt nicht nur eine Jugendzeitung. Er hält Anteile an Dresden Fernsehen , verdient beim Elternmagazin Eltern, Kind + Kegel mit und ist an einem Jugendreisebüro beteiligt. Er engagiert sich bei einem Logistik-Dienstleister, einer Unternehmensberatung und beim »Schulkurier«, der den Spiesser zwischen Nordsee und Alpen verteilt. Kürzlich hat eine seiner Firmen fünf Millionen Euro in einen Solarpark investiert. Es war die Zeit vor Fukushima. Haring hatte mal wieder den Riecher für das richtige Timing.
Der Gegenspieler ist ein Konzern mit zwei Milliarden Euro Umsatz
Die meisten seiner Firmen haben dort ihren Sitz, wo auch der Spiesser zu Hause ist: im Dresdner Medienkulturhaus Pentacon. Es ist Harings Festung. Und sie wird angegriffen. Aus dem Hinterhalt, wie er meint. Schon im März habe der Bauer-Verlag versucht, bayerische Schulleiter einzuschüchtern, indem er anfragte, auf welcher rechtlichen Grundlage der Spiesser bei ihnen ausgelegt werde. Bauer ist ein Konzern mit zwei Milliarden Euro Umsatz und 8000 Mitarbeitern. Angesichts dieser Zahlen klingt es zunächst wie ein Witz, wenn es aus dem Unternehmen heißt: »Wir wollen, dass zwischen Bravo und Spiesser wieder Waffengleichheit herrscht.« Frank Haring meint: »Die wollen uns fertigmachen.«
Er lümmelt auf seinem Bürosessel wie in einem Liegestuhl, die Lehne weit hinten. Ein Provokateur, oft unterschätzt, sächsisch schlau.
Frank Haring war 17, als er mit seinem Jugendfreund Konrad Schmidt den Spiesser gründete. 5000 Exemplare brachten sie von 1994 an persönlich an die Dresdner Schulen. Die Redaktion traf sich im Keller des Hülße-Gymnasiums, wo hinter vergitterten Fenstern zwei Dutzend Computer standen. Täglich um 19.30 Uhr schaltete der Hausmeister den Strom ab, und Flüche hallten durch den Flur – von jenen Mitarbeitern, die ihre Texte nicht gespeichert hatten. 1997 bezog die Redaktion eine ausgediente Küche im Dresdner Pentacon, erster Stock, geflieste Wände. Die alte Einrichtung warf Haring einfach aus dem Fenster. In dem selbst renovierten Raum machte er mit zwei Partnern das kleine Gratisblatt groß. Es erschien fortan in ganz Sachsen. Auch bei McDonald’s wurde es ausgelegt. Zum Idealismus kam der Kapitalismus hinzu.
2006 hatte Haring die Idee, es bundesweit zu versuchen – was manche übermütig fanden. Mit Großverlagen sprach er über eine Beteiligung am Spiesser. Doch es kam keine Kooperation zustande. »Viele wollten den Spiesser irgendwo in ihre Strukturen einsortieren und hätten das Projekt damit sehr wahrscheinlich gegen die Wand gefahren«, frotzelt Haring. Im Herbst 2007 brachte die Spiesser GmbH ihr Blatt im Alleingang in ganz Deutschland heraus, Druckauflage: eine Million Exemplare. Überregionale Zeitungen, auch die ZEIT, zollten Respekt. Ein neues Printprodukt. Aus dem Osten. Für Jugendliche. Es klang märchenhaft.
Vor Ort in Dresden sahen es viele seiner Mitarbeiter nüchterner. Wenn Haring Fehler fand, zog er die Betroffenen noch Wochen später damit auf. Seinen neugeborenen Sohn stellte er Kollegen halb ironisch als »Junior-Chef« vor.
Haring, heißt es, sei genial – aber auf Dauer nicht auszuhalten
Immerhin bezahlte er leidlich und schulte junge Journalisten, die er eines aber nicht lehrte: die strikte Trennung von Redaktion und PR. Mehrfach vergaß der Spiesser, werbliche Inhalte im Blatt zu kennzeichnen. Noch im November verurteilte das Landgericht Berlin die Zeitung, weil eine Sonderveröffentlichung der Supermarktkette Kaufland nicht als Anzeige ausgewiesen war. Er bewundere Stefan Raab, sagt Haring, weil über dessen Sportsendungen »Dauerwerbesendung« stehe und die Quoten trotzdem stimmten.
Wer Haring begegnet, vergisst ihn so schnell nicht mehr. Er ist ein Getriebener, der nicht lockerlässt. Auch einer, der einschüchtern kann. Und er ist voller Ideen. Haring hat sich die »Spiesser-WG« ausgedacht: Abiturienten arbeiten ein Jahr für Haring, verdienen kleines Geld, wohnen aber kostenlos. Er erfand die Vertretungsstunde mit Prominenten. Das Prinzip: Musiker, Schauspieler oder Politiker geben in einer Schule Unterricht – und der Spiesser schreibt darüber. Haring initiierte auch den Jugendbildungsverein Sachsen. Redakteure gaben Workshops, Vereinsleute organisierten Anzeigen. Es war für Außenstehende ein ziemliches Durcheinander. Kommerziell? Ehrenamtlich? Schwer zu sagen.
Wie viel Geld sie mit dem Blatt verdienen, müssen Haring und seine zwei Partner nicht offenlegen. Fest steht, dass er selten mehr ausgegeben hat als nötig. Um Dienstreisen billig zu halten, teilt er sich mit Kollegen auch mal ein Doppelzimmer. Im Intranet, erzählt ein Mitarbeiter, informierte er im vorigen Jahr über die Vorzüge von Rabatten für Journalisten. Dadurch habe er selbst in seinem Urlaub 300 Euro gespart. Man darf annehmen: Das Geld floss in neue Projekte.
»Ich bin«, schreibt Haring in einer E-Mail, »sowohl von meinem Körpergewicht als auch vom Gedächtnis her der Kategorie Elefant zuzuordnen. Das heißt, ich vergesse selten.« Vor vier Jahren bemühte er sich um Aufträge der Bundesagentur für Arbeit. Doch den Zuschlag erhielt die Bravo – für eine Anzeigenserie unter dem Titel »Job- Attacke«, Auftragswert: etwa 700.000 Euro jährlich. Frank Haring war über seine Schlappe dermaßen sauer, dass er eine eigene Attacke startete. Er schrieb dem Deutschen Presserat, die Bravo habe die Inhalte womöglich nicht ausreichend als Anzeige gekennzeichnet. Das Gremium erteilte in erster Instanz eine Rüge. Auch der Bundesrechnungshof prüfte die Angelegenheit. Zuvor hatte Haring über einen Bundestagsabgeordneten der Grünen eine Kleine Anfrage initiiert. Schließlich wurde sogar Agentur-Chef Frank Weise zur Anhörung nach Berlin geladen.
Den Bauer-Verlag verärgerte das alles. Haring sagt: »Ich hatte bei denen noch einen gut.« Bereits 2008 hatte Bauer ihm gerichtlich untersagen lassen, den Spiesser als »größte Jugendzeitschrift Deutschlands« zu bewerben. Denn der Spiesser erscheine nur alle zwei Monate; die Bravo aber jede Woche. Zuletzt mit einer verkauften Auflage von etwa 400.000 Exemplaren.
Die jetzige Auseinandersetzung trifft Haring zur Unzeit. Er hat kürzlich seinen Verlagsleiter, die Anzeigenleiterin, die Verantwortliche für Sonderpublikationen und einen langjährigen Redakteur verloren. Die Fluktuation beim Spiesser war immer schon hoch. Mehrere, die gingen, sagen: Haring sei genial, aber auf Dauer nicht auszuhalten. Ein Mann, der seit seiner Pubertät immer nur Chef war, dem seine Firma alles bedeute. Haring deutet die häufigen Personalwechsel ins Positive um: Sie passten doch gut zu einem Blatt, das jung bleiben wolle.
In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Spiesser noch heute das Produkt engagierter Schüler. Nach dem Prinzip lässt Haring im Pentacon auch das Magazin Schekker der Bundesregierung erstellen. Außerdem denkt er über ein Jugendmagazin nach, das am Kiosk verkauft werden soll. Das dürfte den Bauer-Verlag noch mehr erzürnen. Doch Haring braucht das Kämpfen zum Leben. Der Gegner ist groß, aber er sollte sich abwehren lassen. Irgendwie hat Haring ihn sich ja auch erarbeitet.
Korrektur: Der Text wurde im ersten Absatz der zweiten Seite wegen Unklarheit leicht gekürzt







eigentlich nach dem ersten Absatz noch weiterlesen?
Ich hab´s getan.
Muss man nicht!
Selbst schuld! ;-)
.. das sehe ich überhaupt nicht so.
.. das sehe ich überhaupt nicht so.
... wer derart zwanghaft kontrollierend auf seine Umgebung einwirkt hat ein Problem damit andere, vielleicht allen voran sich selbst, einfach als Menschen mit Fehlern und Schwächen zu akzeptieren.
Autoritäre Chefs, denen man es nie recht machen kann, die denken _nur_ sie wissen die besten Lösungen, weil andere nicht genau jene Lösungen präsentieren, die im eigenen Kopf vorschwebten, glauben dass alles den Bach runtergeht, wenn sie es nicht ganz dolle fest kontrollieren und lenken.
Offenere Unternehmenskonzepte beweisen das Gegenteil. Autonomie der Mitarbeiter in für sie klar ersichtlichen Bereichen schafft immense Motivtion und bringt Talente ein, die einer allein gar nicht in sich selbst vereinen KANN. Das heißt, jedes Unternehmen, jeder Unternehmensleiter kollabiert früher oder später, wenn er nicht lernt zu deligieren, Freiheiten zu gewähren, weniger verbissen alles zu beherrschen.
Ich weiß jetzt nicht, ob er wirklich so schlimm in seinen Unternehmen herrscht, aber um fünf vor Dienstbeginn am Eingang zu stehen und auf EINMAL einen riesen Anteil des gesamten Führungsstabs auf einmal zu verlieren, das spricht wirklich Bände. Schade, doch kein sächsisches Märchen. Vor allem sollte die Zielgruppe keinesfalls Wind von der Haltung und dem Führungsstil des Leiters dieser Zeitschrift bekommen. Jugendliche verabscheuen zwanghaftes Kontrollieren und autoritäres Führungsgebaren.
Respekt dennoch für das Aufmucken gegen den großen Bauer-Verlag!
.. das sehe ich überhaupt nicht so.
Er hat ja auch "maNN" geschrieben. *scnr*
Er hat ja auch "maNN" geschrieben. *scnr*
Er hat ja auch "maNN" geschrieben. *scnr*
Ich habe kürzlich mal ein Exemplar des Spiessers aus unserer Stadtbücherei mitgenommen und zu lesen versucht: Das war kein Vergnügen. Das Produkt schien mir vielmehr von A bis Z banal.
Nun ja, vielleicht liegt das auch daran, dass ich 3 x so alt wie das Zielpublikum bin.
ja wahrscheinlich lag es daran
spricht für das magazin: zielgruppengerecht eben und für sie - denke nicht dass sie sich für die gleichen themen wie die teenies so brennend interessieren müssen :)
ja wahrscheinlich lag es daran
spricht für das magazin: zielgruppengerecht eben und für sie - denke nicht dass sie sich für die gleichen themen wie die teenies so brennend interessieren müssen :)
Entfernt. Bitte verstehen Sie, dass wir auf politisch indizierte Inhalte nicht verweisen wollen. Danke, die Redaktion/se.
das Magazin, auf das ich verwiesen habe ist nicht "indiziert".
das Magazin, auf das ich verwiesen habe ist nicht "indiziert".
ja wahrscheinlich lag es daran
spricht für das magazin: zielgruppengerecht eben und für sie - denke nicht dass sie sich für die gleichen themen wie die teenies so brennend interessieren müssen :)
Ellenbogen raus und ohne zu grosse Ruecksicht auf Konkurrenz, Mitarbeiter und sogar eigenes Wohlbefinden dem grossen Mammon hinterherhecheln. Und sich alle noetigen Freiheiten nehmen ohne dass der Andere merkt, dass seine Freiheiten dadurch massiv beeintraechtigt werden. Das ist der neue Typus Mensch unserer globalisierten Zeit.
Es darf jedem anderen Menschen dabei durchaus auch mal das Kotzen kommen. Das ist ganz normal und unvermeidlich.
Bitte achten Sie auf eine sachliche Ausdrucksweise. Danke. Die Redaktion/wg
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