Das Hotel Africa ist geschlossen. Ein Schild an einer weißen Metallabsperrung vor dem Haus verspricht, das Hotel werde »in Kürze« wieder den Betrieb aufnehmen. Das Fünfsternehaus im Zentrum von Tunis ist nicht wegen ein paar Umbauarbeiten abgesperrt, sondern wegen der Revolution. Oder genauer: wegen der neuen Offenheit, mit der jetzt auch in Tunesiens Wirtschaft miteinander gestritten wird.

Ein erbitterter Arbeitskampf hat zur Schließung des Hotels geführt. Die Direktion des Hauses wenige Meter neben dem Innenministerium auf der Prachtstraße Avenue Habib Bourguiba hat Hunderte internationaler Konferenzen organisiert und diskret auch so manches Geheimtreffen, als die PLO von Jassir Arafat ihren Sitz noch in der tunesischen Hauptstadt hatte. Doch mit den Folgen der Revolution im eigenen Land wusste sie nicht umzugehen. Anstatt auf die Forderung der 190 Mitarbeiter nach höheren Löhnen und der gesetzlich festgeschriebenen Entfristung der Arbeitsverträge nach vier Jahren Betriebszugehörigkeit einzugehen, machte sie das Hotel lieber zu. Er lasse sich nicht unter Druck setzen, ließ der Inhaber, Néji Mhiri, wissen. Ihm gehören rund zehn Prozent der Hotelbetten in Tunesien sowie ein Möbelimperium. Dass ihm hervorragende Beziehungen zu Ex-Diktator Ben Ali nachgesagt werden, macht den Arbeitskampf zusätzlich brisant.

Vier Monate nach der Jasmin-Revolution ist unklar, ob Tunesien auch ein wirtschaftlicher Aufbruch gelingt. Diktator Sein al-Abidin Ben Ali war so schnell und leicht vertrieben, dass Revolution wie ein Kinderspiel erschien. Am Sonntagnachmittag kommen viele Hauptstadtbewohner gerne auf die Avenue Bourguiba, um ihre neue Freiheit zu genießen. Sie bevölkern dort die Straßencafés, und dass auf dem Mittelstreifen ein Panzer steht und keinen Meter neben der Kaffeetasse Stacheldrahtrollen aufgetürmt liegen, hinter denen Militärs mit lässig umgehängten Maschinenpistolen das Innenministerium vor einer Demonstration schützen, kümmert niemanden. Doch der Neuanfang nach 23 Jahren Diktatur in Tunesien ist nicht so entspannt, wie er aussieht. Nicht in der Politik, wo es zuletzt erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Gegnern der Übergangsregierung kam und sich bereits mehr als 50 Parteien für die Wahlen zu der wegen der Unruhen nun unsicheren verfassungsgebenden Versammlung im Juli registrieren ließen. Und nicht in der Wirtschaft. Streiks und Straßenblockaden behindern seit Wochen immer wieder die Industrieproduktion und Anlieferung wichtiger Materialien.

Fast immer geht es dabei um die Höhe der Löhne und die Umgehung des Arbeitsrechts mithilfe von Subunternehmen oder anderen Tricks. Um 12,2 Prozent sei allein im ersten Quartal die Industrieproduktion gesunken, warnt Abdelaziz Rassaâ, Industrieminister der Interimsregierung. Der Tourismussektor , der in den vergangenen Jahren für 10 Prozent der Wirtschaftsleistung stand, ist aufgrund der ausbleibenden Urlauber gelähmt. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass Tunesiens Wirtschaft dieses Jahr um lediglich 1,3 Prozent wachsen wird – nach 3,7 Prozent 2010. Und so mancher ausländische Investor, der Tunesien in den vergangenen Jahren als Billiglohnland in Europas Nähe schätzte, fragt sich, ob er sich nach einer neuen Werkbank umsehen muss.

»Muss er ganz und gar nicht«, ist Claude Cheneval überzeugt. Gerade hat der französische Unternehmensberater, der seit Jahren im Land lebt und auch mit der deutsch-tunesischen Handwerkskammer zusammenarbeitet, in der Lobby eines Nobelhotels in Tunis ein Bewerbungsgespräch mit einer jungen Ingenieurin beendet. Trotz sechsjähriger Berufserfahrung, zwei Masterabschlüssen zusätzlich zum Studium und einer Position als Teamleiterin bei einem Autozulieferer verdient sie derzeit lediglich 900 Dinar brutto im Monat – umgerechnet nicht einmal 500 Euro.