MenschenrechteJäger der Wahrheit

Er kennt die Folterkeller und Gefängnisse der schlimmsten Diktatoren – trotzdem ist Manfred Nowak Optimist geblieben. von 

Manfred Nowak auf Mission in Griechenland und Nigeria und als UN-Sonderberichterstatter

Manfred Nowak auf Mission in Griechenland und Nigeria und als UN-Sonderberichterstatter  |  © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Wenn Manfred Nowak auf Reisen geht, ist er meist ein unangenehmer Gast. Im Jänner dieses Jahres dokumentierte er die skandalösen Zustände in griechischen Flüchtlingslagern. Trotz aller Warnungen, verfrachteten EU-Staaten gemäß dem Dublinverfahren zahllose Asylwerber nach Griechenland. Erst die Bilder und Berichte des Wiener Völkerrechtlers machten auf die dramatische Situation aufmerksam.

Es war nicht das erste Mal, dass er mit seinen Untersuchungen für Aufsehen sorgte: In China fand er geheime Folterkeller, und in Bosnien sammelte er Beweise für ethnische Säuberungen. Nowak legt den Finger auf Wunden, von denen Regierungen nichts wissen wollen. Als Professor für Menschenrechte, als UN-Diplomat, als Jäger der Wahrheit – in den hintersten Winkeln der Welt und in Österreich, wo er sich stets zu Wort meldet, wenn er die Menschenrechte in Gefahr sieht. Dabei wirkt der 60-Jährige wie ein Geschäftsmann aus der Top-Etage und nicht wie einer, der die Regierungen dieser Welt unter Beobachtung hält. In seinem Büro im Wiener Juridicum lässt er sich in die Polster einer Sitzecke fallen. Perfekt sitzender Anzug, gelbe Krawatte, leichte Föhnwelle, gepflegter Schnauzer.

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Erst im Februar dieses Jahres ist er hier eingezogen, leitet aber nach wie vor das Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte, das er 1992 gegründet hat – weil sich die Universität damals nicht für Menschenrechte interessierte, wie er sagt. Angebote ausländischer Universitäten lehnte er stets ab, aus Rücksicht auf seine Frau und die zwei kleinen Kinder.

Nowaks Telefon läutet oft in diesen Tagen. Nachdem ein Kommando der Navy Seals den Terrorpaten Osama bin Laden liquidiert hat, ist seine Expertise gefragt: Was darf ein Staat? Wo endet die Legitimität der eingesetzten Mittel?

»Mir ist immer noch nicht klar, was der genaue Auftrag war«, sagt Nowak. Er kann seine Enttäuschung über US-Präsident Barack Obama nicht verhehlen. »Natürlich darf ich mich als Einzelperson wehren, wenn mich der, den ich festnehmen will, angreift«, erklärt er mit ruhiger, sonorer Stimme. Allerdings müsse dabei das »gelindeste Mittel« eingesetzt werden. In einem ähnlichen Fall, als 1988 britische Agenten Terroristen auf Gibraltar erschossen hatten, urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, ein Beinschuss hätte gereicht, um die Männer dingfest zu machen. Bloße Tötung, das sei Blutrache, keine Gerechtigkeit.

Die Erzählungen der Folteropfer lassen den Juristen nicht mehr los

Die Dekade seit den Anschlägen vom 11. September, als die Regierung von George Bush begann, bei Verhören Folter zu billigen, sieht er als ein verlorenes Jahrzehnt. 2006 erstellte Nowak einen für die USA vernichtenden UN-Bericht über die Zustände im Gefangenenlager in Guantánamo. Eine Aufarbeitung sei auch der neue US-Präsident bis heute schuldig geblieben. »Obama will nicht, dass die Wahrheit ans Licht kommt.« Und wer das nicht will, bekommt es mit Manfred Nowak zu tun. Der Professor mit dem Wiener Charme kann auch anders. Er wolle fair sein, sagt er. Doch wenn er das Gefühl hat, jemand lüge ihn an, wird er ungemütlich – und laut.

Gefängnisdirektoren in aller Welt können das bezeugen. »Darf ich in euren Keller gehen?«, fragte er bei einem Rundgang 2005 im Lager Urumqi in der chinesischen Provinz Xinjiang, die er im Auftrag der UN besuchte. »So etwas haben wir nicht«, erwiderten die Wärter. Nowak deutete auf eine Treppe. »Nur ein Gemüselager!« – »Dann kann ich ja runtergehen.« Im Schein der Taschenlampe fand er eine dreifach versperrte Holztür und kommandiete schroff: »Aufmachen!« Dahinter verbarg sich, wonach er gesucht hatte: ein Betonbecken, gefüllt mit dreckigem Wasser. Genau so, wie es eine Dissidentin beschrieben hatte, als sie ihm von der Wasserfolter erzählte, bei der Häftlinge so lange untergetaucht werden, bis sie fast ersticken. Über Foltermethoden spricht Nowak allerdings nicht gern. Obwohl wahrscheinlich kein Jurist der Welt so genau darüber Bescheid weiß wie er.

Ursprünglich träumte Nowak, geboren 1950 in Bad Aussee, aufgewachsen in Leonding bei Linz, davon, Filme zu machen. Doch der Vater drängte den »sportlichen Hippie« zu einem Jusstudium. Begeistert ist er davon zunächst nicht, talentiert aber schon. Bereits 1973 wird er Assistent am Institut für Verfassungsrecht. Mit Felix Ermacora, der Mitglied der UN-Menschenrechtskommission ist und den Putsch in Chile beobachtet, diskutiert er viel, bereitet Unterlagen für ihn vor, auch für die Uno. Zwei Jahre später verlässt er Wien in Richtung New York, um an der Columbia-Universität zu studieren.

Als Mitherausgeber der Zeitschrift lateinamerika anders interviewt er ein Folteropfer des Putsches in Chile – und kann dessen Schilderungen kaum ertragen. Das Thema lässt ihn nicht mehr los. Allein für seine Habilitation über politische Grundrechte lässt er sich zehn Jahre Zeit.

Leserkommentare
  1. und seine unerschütterliche Ausdauer, die der Sonderberichterstatter Nowak für Menschen, denen Unrecht geschieht, einsetzt, ist gar nicht hoch genug anzusetzen.

    Wer gut sieht und gut hört, wird auch im eigenen engsten Umfeld schon die geistige Bereitschaft bis hin zur Zustimmung zur Menschenrechtsverletzung erkennen, und wissen, wie die Reaktionen aufgenommen werden, wenn man auf diese Wahrheit hinweist.

    Die westliche Welt, der Trendsetter USA, übt außer in Guantamo eine unsoziale u. unchristliche Kultur u. a. in den Gefängnissen der Gesellschaft, die wir uns hier noch nicht vorstellen können. Ergebnis einer Gesellschaftspolitik, die von den christlichen Kirchen mehr beeinflußt als mitgetragen wird.

    Christlich-demokratischer Faschismus? Mir fällt keine mildere Formulierung ein. Wer hat den Mut, den Religionen ihre Wahrheit der Menschenrechtsverletzungen vorzuhalten?

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