Karl Immervoll zieht eine Lederbrieftasche aus der Hose und legt ein paar Scheine auf den Küchentisch. Zwei graue Einser, drei gelbe Fünfer, zwei rote Zehner, ein oranger Fünfundzwanziger. »Das gute Leben ist möglich!« prangt am oberen Rand. In der rechten unteren Ecke ist eine Seriennummer aufgedruckt. In der Mitte ein Bild von einem Baum, davor ein Granitfelsen, darüber ein geschwungenes W. Es steht für Waldviertler. Manche sagen dazu auch einfach nur »Geld«. Zwei, drei Abende im Wirtshaus gehen sich mit der Summe aus.

Betriebsseelsorger Immervoll sieht nicht aus wie ein Bankdirektor oder Manager: Dreitagebart, schwarzer Wollpullover, zerknitterte Jeans. Trotzdem liegen seine eigenen Banknoten auf seinem Mittagstisch. Auch wenn er sie nicht so nennen darf. »Rechtlich gesehen, sind wir ein Verein, der ein Gutscheinsystem für seine Mitglieder anbietet«, sagt der 55-Jährige, der hier geboren ist, in dem 4.000-Seelen-Ort Heidenreichstein im Waldviertel, zwei Autostunden nördlich von Wien.

Ganz Europa diskutiert in diesen Tagen über Geld. Ob der Euro noch etwas tauge, wenn man ihn nur mit einer Milliardenhilfe für Griechenland am Leben erhalten könne. Ob es nicht an der Zeit wäre, wieder nationale Währungen einzuführen. Doch Staatsanleihen, Aktien oder Dividenden sind Worte, mit denen sich einer wie Immervoll nicht beschäftigen will. Ihm geht es ums Prinzip. Darum, dass Geld für die Menschen da sein soll. Es soll im Dorf getauscht, nicht in Konzernzentralen gebunkert werden. Deswegen hat er ein Regionalwährungssystem gegründet, eines von dreien, die es in Österreich gibt. Mit zwei von ihnen kann man mittlerweile sogar Kommunalsteuern bezahlen.

Wer Vereinsmitglied ist, kann Euro in bunte Papierscheine wechseln, der Kurs ist eins zu eins. Das echte Geld wird auf ein Bankkonto gelegt, mit den Gutscheinen wird eingekauft. Soweit unterscheidet sich das Prinzip nicht von den Hunderten Werbetalern, Gulden, Münzen und anderen Einfällen findiger Tourismusbüros. Während diese Werbegutscheine allerdings nach jedem Einkauf abgerechnet werden, geht es bei der Regionalwährung weiter. Die fälschungssicher gedruckten Noten sollen laufend den Besitzer wechseln, vom Bäcker zum Fleischer zum Wirtshaus und wieder retour. Supermärkte, Modeketten oder Großimporteure können nicht mitmachen. Ihre Lieferanten aus aller Welt würden beim Anblick der Scheine wohl nur den Kopf schütteln. Will ein Besitzer von Regionalgeld lieber Euro sehen, geht er zur Bank und tauscht es zurück. Damit das nur selten geschieht, fällt dafür eine Gebühr von fünf Prozent an. Sie geht an soziale Einrichtungen im Ort. So oder so ähnlich läuft das auch beim steirischen Styrrion und einem Vorarlberger Regionalwährungsverbund, dessen einzelne Ableger Namen wie Walgauer, Klostertaler oder Leiblachtaler tragen.

Alle drei Monate verliert die lokale Währung ein wenig an Wert

Immervoll geht noch einen Schritt weiter. Damit niemand Scheine hortet, verliert der Waldviertler alle drei Monate zwei Prozent seines Wertes. Kontrolliert wird diese künstliche Inflation mit kleinen Pickerln, sogenannten Quartalsmarken auf den Geldscheinen. Sie sind eine Hommage an die berühmteste Zweitwährung der österreichischen Geschichte: das Wörgler Schwundgeld. Es entstand im Jahr 1932 in der gleichnamigen Stadt im Tiroler Unterinntal. Es waren die Zeiten der Weltwirtschaftskrise, in der Deflation wurde Geld auf einmal mehr wert und nicht weniger. Statt damit einzukaufen, blieb der Lohn auf der Bank liegen. Das ebenfalls mit echtem Geld hinterlegte Schwundgeld verlor jeden Monat ein Prozent seines Wertes. Die Wörgler gaben es freudig aus und kurbelten so ihre eigene Wirtschaft an. »Das hat nur funktioniert, weil die Deflation den falschen Anreiz gab, einmal verdientes Geld zu behalten«, sagt Veronika Spielbichler, die ein Dokumentationsinstitut leitet, das nach dem damaligen Bürgermeister von Wörgl, Michael Unterguggenberger, benannt ist.

Karl Immervoll brauchte weder auf eine Deflation noch auf die vor zwei Jahren ausgebrochene Wirtschaftskrise zu warten, um auf die Idee mit der eigenen Lokalwährung zu kommen. Im Waldviertel ist seit dreißig Jahren Krise, seit die Textilindustrie ihre Fabriken zusperrte. »Zuerst hat man uns gesagt, der Eiserne Vorhang würge uns ab. Dann waren die schlechten Straßen verantwortlich, anschließend die offenen Grenzen«, sagt der Theologe und Mathematiker. Es ist knapp fünf Jahre her, dass er sich auf die Parkplätze der Supermarktketten setzte, die Leute beim Einkaufen beobachtete und zusammenrechnete, welche Summen aus den örtlichen Geschäften getragen wurden. Er kam auf zehn Millionen Euro im Jahr. Geld, das in die Konzernzentralen fließt. »Wenn wir davon nur ein paar Prozent in der Region halten, ist das mehr als alle Förderungen von der öffentlichen Hand«, sagt er.

Er beschloss zu handeln, veranstaltete ein Treffen im Pfarrsaal. 150 Leute kamen – die meisten davon aus der globalisierungskritischen Szene: Studenten, Ärzte und ein paar Geschäftsleute aus dem Ort. Schon am nächsten Tag bastelten sie Entwürfe für ihre neuen Geldscheine, fünf Monate später rollte die erste Serie aus der Druckerpresse. Regionalwirtschaftsexperten der Arbeiterkammer unterstützten die Heidenreichsteiner. Im ersten Jahr wechselte der Verein bereits 15.000 Euro in Waldviertler um. Kurz darauf begannen die Zwistigkeiten: Die Fachleute wollten die Quartalsmarken abschaffen, mehr Noten drucken, mehr Orte beliefern. Die ehrenamtlich arbeitenden Waldviertler schafften das nicht mehr, viele verließen den Verein, die Arbeiterkammer räumte das Feld. Das Experiment stand vor dem Ende.

Doch Immervoll versuchte weiter, die Waldviertler von den Vorzügen seiner Regionalwährung zu überzeugen. »Damit so etwas funktioniert, muss man Monat für Monat die Betriebe besuchen«, sagt er. »Es braucht Vertrauen und Knochenarbeit.« Sein Einsatz lohnt sich: Heute liegen 36.000 Euro auf dem Konto von vier Volksbankfilialen, insgesamt 200 Betriebe nehmen Waldviertler an. Auch die Quartalsmarken sind geblieben. »Der Erinnerungszettel in der Brieftasche« nennt sie der Währungsgründer. »Der ist sichtbar, nicht so schleichend wie die Inflation.« Die Stadtverwaltung, die Unternehmer, die Arbeiter, die Kunden – viele von ihnen sind nur wegen des rastlosen Katholiken mit dabei. »Es ist eine gute Idee, auch wenn wir noch mehr Betriebe brauchten, bei denen wir die Scheine wieder ausgeben können«, sagt Günther Edinger, der am Stadtplatz eine Fleischerei betreibt und die Waldviertler seiner Kunden wieder ausgibt und nicht in Euro zurückwechselt. Vor allem in Heidenreichstein geht es langsam bergauf. Seit diesem Jahr können die fünfzig Geschäfte im Ort ein Drittel ihrer Kommunalsteuer mit den Gutscheinen zahlen. Die Stadtgemeinde leitet sie über die Förderung der lokalen Vereine wieder in den regionalen Wirtschaftskreislauf zurück.

»Bundes- oder Landesabgaben muss man aber weiter in Euro abliefern«, sagt Gernot Jochum-Müller. Der 41-jährige Unternehmensberater ist so etwas wie der Anwalt der Regionalwährungen. Er hat die Waldviertler beraten und in Vorarlberg selbst eine lokale Währung mitbegründet. Er kennt die Gesetze und ihre Lücken. Vor vier Jahren beschloss der ehemalige Sozialarbeiter, im Ländle eine Regionalwährung zu drucken, zentral gesteuert, aber je nach Region mit anderem Namen.

Vor einem Jahr musste er deswegen nach Wien, um sich mit Juristen der Finanzmarktaufsicht (FMA) zu treffen. Seine Notendruckmaschine läuft nämlich zu gut: In elf Gemeinden kann man mit den Gutscheinen zahlen, rund 120.000 Euro haben die Vorarlberger bereits umgewechselt. Jochum-Müller musste klären, ob er nun eine Bankkonzession braucht. Noch lässt ihn die FMA gewähren. »Man hat mir aber eines klar gesagt: Sollte man in ganz Vorarlberg mit einer Note zahlen können, wird eingeschritten«, berichtet der gebürtige Bregenzer, der auch kommerzielle Gutscheinanbieter genau beobachtet. »Wenn die Gutscheine der französischen Firma Sodexo (ein Anbieter von Geschenk- und Restaurantgutscheinen, Anm. d. Red.) in 12.000 Betrieben in Österreich akzeptiert werden, muss das für uns auch gelten.«

Immervoll will nicht staatliches Geld ersetzen, sondern Denkanstöße liefern

Aufmüpfige Landler gegen verwunderte Städter, so war das bereits 1933. Nach einem Jahr wurde das Wörgler Schwundgeld von Wien aus untersagt. Bis zum heutigen Comeback sind weitere Währungsexperimente ausgeblieben, trotz Ölkrise in den Siebzigern und trotz Börsencrashs. Die Notenbanken hatten ihre Lektion aus dem Laisser-faire der Zwischenkriegszeit gelernt und griffen rechtzeitig ein, wenn Schilling oder Euro in Gefahr waren. Noch dazu wurde bereits 1955 jede Art von Not- und Ersatzgeld verboten. In den sechziger Jahren verfolgte die Österreichische Nationalbank sogar kleine Bäcker, die gerade kein Wechselgeld parat hatten und ihren Kunden beschriebene Kartonplättchen in die Hand drückten. Als Jahre später große Betriebe damit begannen, Gutscheine zu verteilen, griffen die Notenbanker nicht mehr zu Strafen, sondern verfassten Merkblätter: Die Gesamtsumme müsse überschaubar bleiben, man solle nicht in allen Geschäften des Landes mit den Jetons zahlen können. »Heute sehen wir Gutscheine entspannt«, sagt Hubert Mölzer, Leiter der Rechtsabteilung der Nationalbank. Wer seine Scheine Geld nenne, könne zwar von einem Kunden wegen Betrug oder Täuschung angezeigt werden. Doch solange in der Hin- und Herwechselei eine lizenzierte Bank im Spiel sei, kümmere das die nationalen Währungshüter wenig. Nur Euro oder Cent dürfe nicht auf den Scheinen stehen.

Karl Immervoll hat nicht vor, staatliches Geld zu ersetzen. Für ihn sind die Gutscheine ein Denkanstoß, keine ökonomische Fallstudie. Er will, dass die Heidenreichsteiner nicht so oft zum Supermarkt gehen. »Es geht nicht darum, puristisch oder nationalistisch zu sein. Aber wenn die Großmutter ihren Lebkuchenteig beim Discounter kauft und nicht in der Konditorei im Ort, dann finde ich das schade.«