GeschichteZorn der Vernunft

Kämpfer, Skeptiker, Aufklärer: Erinnerungen an die Avantgardisten der Anti-Atom-Bewegung von Mathias Greffrath

Der Bundesgrenzschutz versucht Mitte der 1970er Jahre eine Demonstration auf dem Gelände des damals in Bau befindlichen AKW Brokdorf aufzulösen.

Der Bundesgrenzschutz löste sich Mitte der 1970er Jahre immer wieder Demonstrationen gegen den Bau des AKW Brokdorf auf. Hier bereiten sich die Beamten auf ihren Einsatz vor.  |  © Keystone/Getty Images

Auch ich war für die Verlängerung der Laufzeiten. Aber dabei haben nie ideologische Gründe eine Rolle gespielt, sondern rein ökonomische Betrachtungen. Ich habe bis zum Unfall in Japan geglaubt, dass die Kernkraft eine sichere Energie ist. Jetzt hat sich herausgestellt, dass diese Annahme falsch war.

Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, am 7. Mai 2011

Viel kommt auf die Lehrer an. "Dem Schüler der Klasse 10c, Mathias Greffrath, für gute Leistungen und gutes Verhalten in der Schule überreicht" – die Widmung ist auf das Vorsatzblatt des blauen Buches geklebt: Die Zukunft hat schon begonnen von Robert Jungk, erste Auflage 1952. Das letzte Kapitel enthält eine Reportage aus dem amerikanischen Plutoniumwerk Hanford: über die Verseuchung weiter Landstriche, die Strahlenkrankheit, die Zäune und Kontrollen, die dem Autor das Wort vom "nuklearen Totalitarismus" eingeben, die atomaren Friedhöfe für Spaltprodukte, die noch Jahrmillionen strahlen werden.

Robert Jungk war ein Reporter, und das Wort vom "Atomstaat" ist deshalb nicht am Schreibtisch entstanden. "Zum ersten Mal", sagte Robert Jungk, "habe ich es in Brokdorf benutzt." Es war im Herbst 1976, auf der großen Demonstration gegen die ersten Spatenstiche für das Atomkraftwerk an der Elbe. "Ich wusste noch nicht, was ich sagen würde, und ging ein paar Schritte zur Seite, sah den Zaun, sah die Polizei mit ihren Helmen und Stöcken und Hunden." Da sei ihm Eugen Kogon eingefallen, der linkskatholische Publizist, KZ-Häftling, Verfasser des SS-Staates, und "auf der Tribüne sprach ich dann zum ersten Mal vom ›Atomstaat‹. Es war eine spontane Eingebung."

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Am Anfang der Aufklärung steht die Empörung vor Zäunen, das war schon bei Jean-Jacques Rousseau so, und nun in Brokdorf oder auch in Hanau, wo die Umweltschützer gegen das undichte Plutoniumlager protestierten. "Macht kaputt, was euch kaputtmacht", lautete Jungks Antwort auf ein industriefinanziertes Flugblatt mit dem Satz: "Wehren Sie sich, daß Ihre heimische Industrie kaputtgemacht werden soll." Der Richter, vor dem Jungk später stand, hatte alle seine Bücher gelesen, und der Gerichtsdiener holte einen Wassereimer für die vielen Blumen, das Verfahren wurde eingestellt.

Robert Jungk, Günther Anders, Jürgen Dahl: Sie haben der Empörung Worte gegeben. Prophetische, skeptische, ironische. Trauernde und aggressive. Laut oder leise haben sie gekämpft gegen Atomwaffen und Atomkraft, gegen die Verwüstung der Welt und der Seelen. Pioniere einer anderen Zukunft, hatten sie die Gabe, Gedanken und Leiber in Bewegung zu bringen, Horizonte zu öffnen, Lebensläufe zu verändern.

Ein knappes Jahrzehnt nach der Brokdorf-Demonstration, im Winter 1985, saß ich mit Jungk in seinem Salzburger "Bergwerk", der Arbeitswohnung im vierten Stock eines Hauses an der Salzach, inmitten bizarrer Gebirge von Büchern, Zeitschriften, Halden von "grauer Literatur", Flugschriften, Pamphleten, die er gesammelt hatte. Atomstaat und SS-Staat, die zivile Nutzung der Atomkraft und der Faschismus – ist das nicht fast so etwas wie Blasphemie, fragte ich ihn. Robert Jungk überlegte lange. "Nein", sagte er dann. Natürlich könne man es nicht gleichsetzen. Er wusste, wovon er sprach: Seine Frau Ruth hatte all ihre Verwandten in Auschwitz verloren. Aber "hinter dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt verbirgt sich etwas, das zur Unterdrückung führt, menschenverachtend ist und im staatlichen Terrorismus endet... Natürlich wollen diese Menschen das Gute. Den Fortschritt, in der Medizin, der Energieversorgung, der Chemie. Sie behaupten kühn: Wir schaffen das. Aber sie setzen Zäune, brauchen Gewalt."

Robert Jungk war kein Apokalyptiker. Eher schon ein chronisch Zukunftsverliebter. An der Wand seines Arbeitsraumes, mit Reißzwecken befestigt, hing die Fotokopie eines Holzschnitts, den er aus Amerika mitgebracht hatte: Zwei Indianer hocken auf dem Boden und sammeln die Scherben der Sonne ein, die unter der Macht des Bösen zerplatzt ist. "Ein Zukunftsbild", lachte er, und ich fragte ihn: "Hast du eigentlich einmal eine Atombombenexplosion erlebt?" Fast unwillig und zerstreut kam die Antwort: "Jaja"; denn eigentlich wollte der große Ermutiger lieber über die solare Weltgesellschaft und die Entstehung einer Internationale der neuen Bescheidenheit reden. Aber dann, während es Abend wurde und einige der tausend Salzburger Glocken zu läuten begannen, erzählte er, und es entstand, wie immer bei ihm, ein Film. "Sie haben uns auf einen Berg gefahren in der Wüste, irgendwo bei Las Vegas. Es ist wirklich unvorstellbar. Und wenn man hundertmal sagt: heller als tausend Sonnen... Jedes Wort verharmlost das. Überhell – das erinnert immer noch an hell. Man müsste eine neue Sprache erfinden. Es war, als ob das Himmelszelt zerspalten wurde in diesem Augenblick. Und dazwischen war ein Loch. Ein Himmelsloch. Da wird eine Sicherheit zerstört. Das, was uns seit unserer Kindheit sicher scheint, diese Kuppel über uns, die reißt gewaltsam auseinander."

Leserkommentare
    • spacko
    • 20. Mai 2011 13:38 Uhr

    ... schafft ihre Apostel. Wie schön.

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    ... nachdem die Heilsverkünder des Atoms nicht mehr ernst genommen werden. Ja, den Betontechnokraten gehen die Schäflein abhanden. Hoffen wir, dass sie sich nicht radikalisieren sondern ihre Gesinnung schnell endlagern.

    • fennek
    • 20. Mai 2011 13:50 Uhr

    Der alt 68er Müslibewegung. Hurra, volle Kraft zurück, den Scherbenhaufen sammeln dann die Enkel (sofern vorhanden) ein.

    *tränenlach*

    Zumindest bis sie wirklich kommen. Danke auch für soviel Selbstgerechtigkeit...

    Eine Leserempfehlung
    • Guido3
    • 20. Mai 2011 15:34 Uhr

    Am Sonnabend sind nur noch 4 AKWs am Netz. Wenn die AKW-Betreiber (aus wirtschaftsstrategischer Sicht) clever sind, dann lassen sie am Wochenende mal 24 Stunden den Strom ausfallen, so dass den Leuten die Vorräte im Kühlschrank weggammeln, sie abends nicht Fussball oder Volksmusik im Fernsehen schauen können und auch ISDN-Telefon, Computer und Elektroherd nicht mehr funktionieren.

    Ich wette ziemlich viel darauf, dass die Anti-Atom-Stimmung im Land dann schnell kippt. Die Medien treten eine gigantische Stromausfalls-Hysterie los. Fukushima ist bestenfalls alle 3 Tage noch eine Randnotiz in den Nachrichten. Und wenn die Leute letztlich die Wahl haben, zwischen einer theoretischen, diffussen Atomangst und sehr praktisch fühlbaren Komforteinbußen, dann dürfte die Wahl der Mehrheit klar sein. Praktischerweise sind die AKW-Betreiber ja auch noch zum großen Teil die Netzbetreiber, so dass sich ein Ausfall gut orchestrieren lässt.

    Wie komme ich darauf: Hier gab es gerade eine Stunde Stromausfall. Kann Zufall sein. Kann auch mit beginnender Netzinstbilität zusammenhängen, weil gerade noch ein paar AKWs zu planmäßigen Wartungen herunter gefahren werden.

  1. Klicken sie doch einfach wieder zurück zu Bild, Welt oder FAZ, wo sie zweifellos hergekommen sind.

    @ZEIT: Mir hat dieser Artikel gut gefallen, denn ich lese gern auch über die Anfänge und Geschichte solcher Protestbewegungen. Vielen Dank.

    • Halapp
    • 20. Mai 2011 18:48 Uhr

    China, Indien, Indonesien, Brasilien.... werden die wirtschaftliche Führung global ansteuern.
    Ihr Energiehunger ist gewaltig. Die 10 Mio. Einwohnerstädte
    der Erde können mit Windrädern und Solardächern wohl nicht versorgt werden.
    Nichteinmal die kleine Bundesrepublik mit ihrer dezentralen Siedlungsstruktur wird in Europa eine Insellösung schaffen.
    Fotovoltaik für New York? Schlicht lächerlich.
    Die Sichheit der Kernenergieanlagen wird weiter verbessert
    werden. Die Weiternutzung und Lagerung der Brennstoffe wird
    verbessert und gelöst werden. Wohl nicht in der Bundesrpublik aber in andern Ländern. Deutschland koppelt
    sich von der Entwicklung ab, aber wie in der Gentechnologie
    geht es dann halt ohne uns weiter. Ist nicht weiter schlimm.
    Die Engländer haben ihre industrielle Entwicklung schon vor 20 Jahren aufgegeben. Seither sinkt ihr Lebenstandart mit zunehmender Geschwindigkeit.

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    • ASasse
    • 20. Mai 2011 22:31 Uhr

    "... In Deutschland sollen Reaktoren abgeschaltet werden. Das Zeitalter der Hybris aber ist damit noch nicht zu Ende."

    Sollen. Irgendwann. Vielleicht in 10 Jahren. So war das nach Harrisburg in Schweden auch per Volksentscheid entschieden worden.

    Und wurde nie umgesetzt, überdauerte Tschernobyl. Überdauerte Fukushima.

    Durchgesetzt ist es noch lange nicht.

    • Atan
    • 21. Mai 2011 8:55 Uhr

    hätte ernsthaft den "wissenschaftlichen" Prognosen vertraut, und Billionen Euro für völlig überflüssige 150 Reaktoren und Brüter verschwendet - wir hätten heute unbezahlbare Energiekosten & mit zehnfacher Wahrscheinlichkeit irgendwo eine Atomwüstenei. Ehrlich: lieber der rückwärtsgewandte und hilflose Spott einiger Betonköpfe über "Müslis" als in einer ruinierten Hochsicherheitszone zu leben und nach der Pfeife fanatischer Atomideologen tanzen zu müssen.

    via ZEIT ONLINE plus App

  2. ... nachdem die Heilsverkünder des Atoms nicht mehr ernst genommen werden. Ja, den Betontechnokraten gehen die Schäflein abhanden. Hoffen wir, dass sie sich nicht radikalisieren sondern ihre Gesinnung schnell endlagern.

    Antwort auf "Die Ökoreligion..."

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