Es ging nicht um den Gemüsekarren, sondern um die Menschenwürde. Dem kleinen Händler Mohammed Bouazizi, der sich im Januar in einer tunesischen Provinzstadt selbst verbrannte, hatte die Polizei seinen Verkaufsstand umgeworfen und seine Waren beschlagnahmt, sodass er seinen Lebensunterhalt nicht mehr verdienen konnte. Aber was ihn in den Freitod trieb, war etwas anderes. Er brachte sich so demonstrativ um, nachdem er im Büro des örtlichen Gouverneurs abgewiesen worden war. Er wollte sein Recht einfordern – doch die Vertreter des Staates, dessen Bürger er doch war, hörten ihn nicht einmal an. Sie zeigten kein Verständnis, sondern verhöhnten ihn.

Erst dann, als er weder sich noch seine Geschwister mehr versorgen konnte und die politischen Vertreter seine Würde mit Füßen traten, ging er zum Protest über. Seine Selbstverbrennung war der Funke, an dem sich die großen Demonstrationen im Land entzündeten. Denn die meisten Tunesier litten unter der gleichen materiellen Not und teilten seine politische Frustration.

In den Monaten, die seither vergangen sind, hat eine Reihe von Aufständen die arabische Welt erschüttert. Der Arabische Frühling hat sich so rasant ausgebreitet, weil er von einer explosiven Mischung aus materieller Not (Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne, hohe Mieten, schlechte medizinische Versorgung und ein Mangel an Frischwasser) und einer über Jahre angestauten politisch-psychologischen Frustration angetrieben wurde. Die Frustration hat etwas mit dem Gefühl des Einzelnen zu tun, nicht als vollwertiger Bürger und Mensch behandelt zu werden – in der eigenen Gesellschaft; deswegen spielten antiwestliche Slogans auf den Demonstrationen kaum eine Rolle. Das Individuum fühlt sich abgewertet, missbraucht, verwundbar und gedemütigt – kurz: entmenschlicht.

Die Revolutionen gelingen in den Ländern der Region unterschiedlich gut, die Regime wehren sich verschieden erfolgreich dagegen. Daraus ergeben sich zwei scheinbar widersprüchliche Schlüsse. Erstens: Die »arabische Welt« gibt es nicht, zu unterschiedlich sind die Beziehungen zwischen Staat und Bürger in den einzelnen Ländern. Die historischen Umstände, die soziokulturellen Bedingungen, die Legitimität des Regimes und die Forderungen der Demonstranten auf den Straßen – all das unterscheidet sich von Land zu Land. Zweitens: Es gibt gleichwohl ein Gefühl tiefer Unzufriedenheit, das die Menschen der Region teilen, wobei sich die Mischung aus materiellen und immateriellen Forderungen verändert hat. An der Schnittstelle dieser zwei Faktoren – Art des Regimes und Maß an Unzufriedenheit in der Bevölkerung – wird sich entscheiden, welchen Verlauf die Dinge in den arabischen Ländern nehmen.

Drei Modelle für die Zukunft sind denkbar. In zwei Ländern, Tunesien und Ägypten, sind die Regime und ihre Präsidenten gestürzt worden. In beiden Ländern gibt es Bestrebungen, das vergangene Unrecht aufzuarbeiten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, zumal diese oft umfangreiche Vermögen beiseitegeschafft haben. Die anderen arabischen Regime haben die Erfahrung gemacht, welche Konsequenzen es in Tunesien und Ägypten hatte, dass der Staat nicht massiv zurückgeschlagen hat. Libyen und Bahrain haben daher mit großem Militäraufgebot und Massenverhaftungen reagiert. Jemen ist eine Variante dieses Modells: Die jemenitische Regierung versucht einerseits, die Demonstrationen gewaltsam zu unterbinden und jeden Freitag eigene Massenaufmärsche zu organisieren. Gleichzeitig verhandelt sie mit der Opposition über mögliche Lösungen.