Hans-Peter Feldmann bei der Eröffnung seiner "An Art Exhibition" im Reina Sofia Museum, Madrid (Archivbild) © Juanjo Martin

Wohl in keinem anderen Künstleratelier stehen so viele kleine runde Tischchen. Auch gibt es dort zahllose Stühle, etliche Tassen, Zuckerstreuer, außerdem eine zischende Espressomaschine und überhaupt alles, was es für ein Eiscafé braucht, was nicht weiter verwundern sollte, denn es ist ja ein Eiscafé. Aber eben nicht nur, nicht für Hans-Peter Feldmann . »Ich habe zu Hause einen Schreibtisch, ich habe einen Lagerraum, ich habe auch ein richtiges Atelier«, sagt er. »Aber da bin ich nie.« Er ist immer hier, im Dolce Vita, schaut morgens auf einen Milchkaffee vorbei, am Nachmittag auf einen Milchshake. Und wenn das Wetter es zulässt, sitzt er draußen unter dem weiten Vordach und lässt das Leben der Düsseldorfer Friedrichstadt an sich vorüber- und in sich hineinziehen. Denn das ist recht eigentlich die Kunst des Hans-Peter Feldmann: dem Leben unverwandt zuzuschauen, im Mund den roten Strohhalm des Vanille-Shakes.

Das klingt nach wenig, und im Grunde ist es das auch. »Ich habe es gern einfach«, sagt Feldmann und ist gerade deshalb sehr mit sich zufrieden. Nein, ein Künstler will er nicht sein, ganz bestimmt nicht. Jedenfalls keiner dieser Spezialisten für das Abgehobene und Verwickelte, kein Bedeutungshuber, der sich immerzu um seinen Ruhm sorgt. »Ich war ja zwei Jahre auf der Kunstschule, damals in Linz. Da habe ich aber nur gelernt, dass ich das Malen und Zeichnen nicht lernen werde.« Seither ist Feldmann ein Nicht-Künstler mit einem Nicht-Atelier, und lange schien auch an seinem Nicht-Erfolg kein Weg vorbeizuführen. Jetzt aber, mit 70 Jahren, führt ihn der Weg nach New York, ins Guggenheim. An diesem Donnerstag eröffnet er dort, im Herzen der internationalen Kunstwelt, eine Ausstellung, deckenhoch angefüllt mit Feldmannscher Einfachheit.

Das Guggenheim hat ihm einen Preis verliehen, den Hugo Boss Preis, dotiert mit 100.000 Dollar. »Als ich ihnen sagte, ich würde gerne das viele Geld ausstellen, waren sie doch erst einmal befremdet«, sagt Feldmann und lacht sein Jungenlachen. Die Kuratoren mussten sich erst einmal beraten, sie mussten den Sponsor fragen, sie dachten wohl, Feldmann wollte sich über sie mokieren. Das denken auch viele amerikanische Zeitungen, die dieser Tage aufgeregt berichten, was für eine verrückte Idee dieser verrückte Deutsche ausgebrütet habe, sehr marktkritisch, sehr konzeptuell. »Dabei war es nur so ein Gefühl«, sagt Feldmann. Ein Gefühl der Freude, das er ausstellen wollte. Ein Gefühl, das nun grünlich schimmert und ein wenig säuerlich riecht.

Alle Wände und Säulen des großen Ausstellungsraums hat Feldmann mit seinem Preisgeld tapezieren lassen, mit 100.000 gebrauchten Eindollarscheinen, jeder einzeln mit Reißzwecken angepinnt. »Wie heißt noch einmal dieser reiche Onkel bei Walt Disney, der mit dem Geldspeicher, in dem er immer herumschwimmt?« Wie Onkel Dagobert, so glücklich sei er, sagt Feldmann, und zumindest etwas von diesem Glück wolle er mit allen teilen. Und wenn die Besucher einen der Dollarscheine mitgehen lassen? »Wäre auch in Ordnung«, sagt er.

»Making money is art«, hatte der laute Andy Warhol immer behauptet; beim stillen Feldmann ist nun das Geld selber Kunst. Kein beliebiges Tauschmittel mehr und nicht länger allverfügbar, vielmehr verwandelt es sich vor den Augen der Besucher in etwas, das ihnen ganz vertraut und doch seltsam fremd erscheinen muss. Der Geldwert wird überlagert vom Wert der Kunst, so sehr, dass Feldmann, wenn er wollte, seine Dollar-Installation verkaufen könnte, an einen Kunstsammler, vielleicht für eine Million neuer Scheine. »Nein, nein«, sagt er und reibt sich mit beiden Händen übers Gesicht, als wollte er einen Schrecken wegwischen, »nein, das will ich nicht. Das bleibt eine einmalige Sache.« Höchstens bei ihm daheim könnte er sich vorstellen, die Wände nochmals mit dem Geld zu behängen, nur so zum Spaß. »Wäre doch toll: Wenn man morgens zum Einkaufen geht, pflückt man sich einfach ab, was man so braucht.«

Schwierig wäre nur, in seiner Wohnung den nötigen Platz für die Wand-Dollars zu finden, höchstens über den Fernseher im Wohnzimmer würden einige hinpassen oder in den kleineren Raum nebenan, in dem Feldmanns zwei Arbeitstische stehen und viele Regale, angefüllt mit Büchern, CDs und den flachen, grauen Kartons, in denen er seine Bilderfunde verwahrt. Dort ist neben der Tür zur Küche ein Fleckchen frei, dort hängt er oft seine Kunst auf, zur Probe. »Mir fällt ja vieles ein, das muss sich dann erst einmal bewähren. Jeden Morgen gehe ich als Erstes hin, schaue nach, ob es mir noch gefällt.« Seine Bilder begleiten ihn, schauen ihm über die Schulter, der alte Avantgarde-Traum scheint sich für ihn zu erfüllen: Sein Leben ist in der Kunst und seine Kunst im Leben.