Das hat wieder Diskussionen gegeben, als er kürzlich das kommunistische Asien betourte: Ob das eine oder andere Wort nicht Wunder bewirkt hätte. Eine Grußadresse vielleicht, oder eine klitzekleine Solidaritätsbekundung, schon Ai Weiwei zuliebe. Von der »historischen Chance, eine Botschaft des Friedens und der Freiheit zu überbringen«, sprach Brad Adams, Leiter der zuständigen Abteilung von Human Rights Watch. Was aber macht er, unser Herr Dylan? Stellt sich hin und spielt stur seinen Stiefel herunter.

Natürlich haben die zahllosen Experten im Internet die Sache umgehend richtiggestellt. Dass er niemals zu seinen Jüngern spricht, war zu lesen. Dass er sich seit den frühen Sechzigern schon vom Protestgesang abgekehrt und allenfalls dann, wenn es ihm selbst angebracht schien, spontan zu ihm zurückgefunden hat. Dass man auch in China keinen Wettermann braucht, um zu wissen, woher der Wind weht. Bob Dylan, dürfen wir zusammenfassen, versteht sich nicht als Überbringer froher Botschaften, und sei es für die noble Sache der Menschenrechte. Der Einspruch von dylanologischer Seite ist auf schwer zu bestreitende Weise zutreffend, erspart indes nicht die Frage: Welchen Dylan hätten S’ denn gern?

Bekanntlich ist es seit den Tagen, als Robert Zimmerman aus Duluth, Minnesota, seinen Künstlernamen annahm, zu einer wundersamen Dylan-Vermehrung gekommen. Aus Dylan, dem Sozialkritiker, entwickelte sich Dylan, der Songpoet, der um den elektrischen Dylan ergänzt wurde. Es folgten, in order of appearance, der besinnliche Landmann, der bleiche Entertainer, der wiedergeborene Christ, der Mystiker und der Apokalyptiker Dylan. Vom olympisch heiteren und doch seltsam sinistren Südstaatengentleman unserer Tage ganz zu schweigen. Sie alle sind in der Kunstfigur »Dylan« enthalten wie in einer russischen Puppe und können jederzeit reaktiviert werden, wenn die Situation es erfordert. Ein bisschen durcheinanderkommen kann man da schon einmal.

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Es ist die Figur eines großen Flüchtigen, die der Mann, den wir als Bob Dylan kennen, am Horizont unserer Zeit beschreibt: Selbst dort, wo er im Einklang mit seinen eigenen Glaubenssätzen zu handeln scheint, ist man vor Überraschungen nie sicher. Die Dylansche Karriere gleicht einem Dauermanöver, Werbung für Damenunterwäsche ebenso eingeschlossen wie der Verkauf eines seiner berühmtesten Songs an Apple. Kaum ist die Gefolgschaft ihm allzu dicht auf den Fersen, schlägt er einen Haken, um in einer neuen Metamorphose seiner selbst wieder aufzutauchen. Das goldene Band der Sympathie erwirbt man sich so nicht unbedingt. An den in ihn gesetzten Hoffnungen gemessen, ist Dylan, dies die schlechte Nachricht zum Siebzigsten, die größte Enttäuschung der Rockgeschichte. Jetzt die gute: Er tut es im Namen der Kunst. Sein permanenter Verrat ist eine Form der Treue.

Seit seiner Jugend saugt er die Stimmen seiner Vorbilder in sich auf

Die Künste in ihrem frei vor sich hin wuchernden Formenreichtum, sie sind der Stoff, den er den Geboten des Zeitgenössischen vorzieht, bedingungslos und von Anfang an. Dylan, der Geisterfahrer der Songkultur: In einem 57er Chevy Impala will er damals in New York eingetroffen sein, stilgerecht während eines Schneesturms, denn »ich kam aus dem frostgeplagten Norden«, einer Gegend, »in der man sich von dunklen, erstarrten Wäldern und eisglatten Straßen nicht schrecken lässt«. So kündigen Weitgereiste sich an, die einen noch weiteren Weg vor sich liegen sehen, getrieben von den Dämonen der amerikanischen Highways. Und tatsächlich werden sie der Reihe nach aus dem Nebel der Mythen hervortreten, die wankenden, von der Zeit vergessenen Gestalten: der sterbende Woody Guthrie, der finstere Robert Johnson, der blinde Seher Willie McTell.

Ob die Geschichte seiner Ankunft sich »wirklich« so zugetragen hat, wie von ihm selbst in den Chronicles berichtet – wen kümmert’s? Die Fakten bei- und nachzutragen ist Aufgabe der Biografen, entscheidend ist das Verfahren. Im legendengetönten Rückblick auf sein Leben variiert Dylan die Pointe eines halben Jahrhunderts im Dienst des Lieds: nicht über, sondern mit den Stimmen derer zu sprechen, die zu ihm selbst gesprochen haben. Immer schon hat er sie in sich aufgesogen, mit dem Ohr am Radio, als Sammler und notfalls auch Dieb alter Bluesplatten, er hat sich, zunächst oft bis an den Rand der Parodie, in den Idiomen seiner Vorbilder versucht: Dylan, der Bauchredner versunkener Traditionen. Dass der historische Dylan einer unauffälligen jüdischen Kleinbürgerfamilie entstammt, verblasst angesichts dieser Kraft der Anverwandlung. Singen heißt bei ihm immer, in Zungen zu reden.