Jede Woche gibt der Coach Martin Wehrle Tipps für den Erfolg im Job in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn"

Neulich empfahl ich einem Manager, der die irrationale Grüppchenbildung in seinem Team verstehen wollte: »Lesen Sie doch mal die Wahlverwandschaften von Goethe.« Erstaunt sah er mich an: »Ich wusste gar nicht, dass Goethe auch was über Teams geschrieben hat.« Als ich ihm erklärte, wovon der Roman tatsächlich handelt, schlug sein Staunen in Ärger um: »Liebespaare? Gegenseitige Anziehung? Für so einen Quatsch habe ich keine Zeit!«

Die Mehrzahl der deutschen Führungskräfte liest keine Bücher mehr, ergab 2007 eine Umfrage. Keine Sachbücher, keine Romane, nicht einmal Management-Novellen, in denen auf Kinderbuch-Niveau erklärt wird, was Führungskräfte von Fischverkäufern oder hungrigen Mäusen lernen könnten (obwohl diese Schmalspur-Literatur noch am ehesten den Weg ins Regal findet).

Nun arbeitet ein Manager als Führungskraft, nicht als Literaturkritiker. Aber wäre es ein Fehler, wenn diejenigen, die Menschen führen, über ein Mindestmaß an humanistischer Bildung verfügten? Stimmt nicht die Aussage Mark Twains, dass Bildung auch dann bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist?

Besser als in schöngeistige Literatur können Manager (und Mitarbeiter) ihre Zeit nicht investieren. Nehmen Sie Seelenarbeit, einen frühen Roman Martin Walsers. Der unscheinbare Chauffeur Xaver Zürn löscht seine Identität geradezu aus, indem er sich zum Ebenbild dessen schwindelt, was sein Chef Dr. Gleitze erwartet.

Dieses Lügengebäude lastet tonnenschwer auf seiner Seele, erdrückt ihn fast. Zürn will sich befreien durch ein klärendes Gespräch. Doch der Weg vom Mitarbeiter zum Chef , obgleich nur vom Fahrersitz zur Rückbank, scheint weiter als eine Reise von der Erde zum Mond; sein Chef hört immerzu Opern per Kopfhörer. Wer dieses Buch als Manager liest, bekommt ein neues Ohr für die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter.

Der Prozess von Kafka: ein Plädoyer für mehr Transparenz, allen Konzernlenkern empfohlen. Der Michael Kohlhaas von Kleist: eine Demonstration, wozu vernünftige Menschen (auch Mitarbeiter!) fähig sind, wenn man sie unfair behandelt. Wilhelm Meisters Lehrjahre von Goethe: ein Beispiel, dass sich Menschen von innen heraus entwickeln – und nicht ausschließlich in ihrer Funktion entwickelt werden können, wie es der Begriff »Personalentwicklung« fälschlicherweise assoziiert.

Ob Romane, Lyrik oder Sachbücher: Literatur macht reich. Wer das nicht verstanden hat, bleibt ein armer Wicht. Auch mit Millionengehalt.