Montagmorgen. Blondschopf Tilman steht vor der Haustür und wartet auf sein Taxi. Sein Freund Ludwig sitzt schon drin. »Hallo, Ludwig!«, ruft Tilman fröhlich und steigt ein. Dann steht das Taxi wie jeden Morgen im Stau. Auch einige Autos vor ihnen bringen Kinder von ihrem Wohnort in eine weiter entfernte Schule. Kinder wie Tilman und Ludwig, die aufgrund einer Behinderung meist auf Förderschulen geschickt werden. Die beiden Jungen sind mit dem Downsyndrom zur Welt gekommen. Ihre Eltern wollten trotzdem, dass sie auf einer ganz normalen öffentlichen Grundschule lernen, gemeinsam mit Kindern, die keine Behinderung haben.

Ein Dreivierteljahr hat es gedauert, bis sie ihr Ziel erreicht haben, ein Dreivierteljahr, ausgefüllt mit unzähligen Telefonaten, E-Mails und Gesprächen mit Gleichgesinnten, Lehrern, Kommunal- und Landespolitikern, mit Veranstaltungen und Sitzungen im Freiburger Schulamt. Bisher durften Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Baden-Württemberg in der Regel nur in Modellschulen oder in sogenannte Außen- oder Kooperationsklassen allgemeinbildender Schulen integriert werden, oft nur stundenweise.

Seit September 2010 nun lernen Tilman, 7, und Ludwig, 8, an der Anne-Frank-Grundschule in Freiburg im Breisgau, sieben Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Die Schule in Tilmans Stadtteil war nicht bereit, ihn aufzunehmen. »Wir haben keine Ressourcen. Wir können die Kinder nicht betreuen. Die Kinder laufen weg. Wir sind nicht dafür ausgebildet«, hieß es dort. Eine Mischung aus Unwissenheit und der Angst, über das bereits hohe Maß an Belastung hinaus keine weiteren Anforderungen mehr bewältigen zu können.

Die Anne-Frank-Schule hat schon seit acht Jahren Erfahrung mit gemeinsamer Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung. Als die Anfrage vom Schulamt kam, nach einjähriger Pause wieder einige Erstklässler mit Behinderung aufzunehmen, zögerte Schulleiter Edgar Bohn keine Sekunde: »Für mich bedeutet Inklusion der vollständige Einbezug der Kinder in die Klasse. Halbe Sachen mache ich nicht.«

Als das Taxi auf dem Parkplatz der Schule ankommt, werden die Kinder von Mirjam Ketterer empfangen. Sie macht ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Schule, und es ist morgens ihre erste Aufgabe, Tilman und Ludwig ins Klassenzimmer zu begleiten. Auf dem Weg dorthin erklimmt Tilman viermal zwölf Stufen, eine gute tägliche Übung für einen Jungen, dessen Körper chronisch unterspannt ist – dann steht er vor seinem Klassenlehrer Stefan Schmidt-Riese. »Guten Morgen, Tilman. Schön, dass du da bist.« Selbstständig zieht Tilman seine Jacke aus, stopft sie in sein Schließfach, stellt seine Schuhe ins Regal und schlüpft in seine Hausschuhe. Dann schnappt er sich seinen Schulranzen und geht an seinen Platz.

Ein leises Murmeln erfüllt bereits den Raum. Zwei Mädchen heften den Stundenplan an eine Magnettafel. Tilmans Klasse ist eine sogenannte Familienklasse. Kinder der Jahrgangsstufen 1 bis 4 werden hier gemeinsam unterrichtet, frei nach dem Montessori-Prinzip, dass Kinder untereinander die besten Lehrer sind. Dennoch muss der Tagesablauf auf den Fächerkanon der Klassenstufen abgestimmt sein. Neben gemeinsamen Unterrichtsstunden werden die Kinder deshalb immer wieder aufgeteilt, um stufenspezifisch differenzierten Unterricht zu bekommen.

Für Kinder wie Tilman und Ludwig kommt Birgitta Wilhelm drei Tage in der Woche als sonderpädagogische Fachkraft mit in die Klasse. An den zwei übrigen Tagen übernimmt ein Lehrer der Grundschule ihre Aufgabe. »Merkwürdig ist das schon«, sagt Klassenlehrer Schmidt-Riese, »als ob die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an den zwei anderen Tagen keinen Förderbedarf hätten.« Letztendlich ist es eine Frage des Geldes, wie viele Sonderpädagogen die Schulverwaltung an inklusive Schulen schicken kann.

Durch die Mitarbeit der Sonderpädagogin ist der Abstimmungsaufwand unter den Lehrern höher geworden. »Das ist anstrengend. Nach 15 Jahren Unterrichtspraxis musste ich mich durch den Teamunterricht völlig umstellen«, sagt Klassenlehrer Schmidt-Riese. »Jeder Handgriff, der bisher gut funktionierte, wird nun abgestimmt, weil jeder von uns seinen eigenen, individuellen Stil hat.« Missen möchte Schmidt-Riese die Zusammenarbeit aber nicht mehr. In jeder Unterrichtsstunde passiere so viel Neues, von dem alle profitierten.

Der Montagmorgen beginnt mit dem Stuhlkreis. Schmidt-Riese holt seine Gitarre und fängt an zu singen. Mädchen und Jungen aus über mehr als sieben Nationen sitzen vor ihm, Migrantenkinder, Akademikerkinder, Hartz-IV-Kinder, Hochbegabte und Kinder mit besonderem Förderbedarf. Jedes Kind mit seiner persönlichen Geschichte, seinen Bedürfnissen und Sehnsüchten. Was für eine Herausforderung für die Lehrer! Wie lässt sich diese Vielfalt, die doch so normal ist, unter einen Hut bringen und jedes Kind so individuell wie möglich fördern?