Am 8. Mai 2011, 66 Jahre nach Kriegsende, feierte die Universität Lüneburg , die sich seit 2007 »Leuphana« nennt, die Grundsteinlegung für den Neubau ihres Zentralgebäudes. Nach dem Plan eines Stararchitekten jüdischer Herkunft, Daniel Libeskind, der auch das Jüdische Museum in Berlin entworfen hat. Auf einem Campus, der einst eine Wehrmachtkaserne war. Symbolischer, da waren sich alle Beobachter im Vorfeld des Festakts einig, ging es kaum noch.

Sie wurden eines Besseren belehrt: Nur Tage vorher sickerte nämlich durch, dass der seit Monaten schwelende und seit Wochen offen ausgetragene Streit um eine zweite Amtszeit der amtierenden Hochschulleitung ein Ende gefunden hatte. Uni-Präsident Sascha Spoun, den der Akademische Senat bereits im April für weitere acht Jahre bestätigt hatte, hatte seinen Verbleib im Amt von der Wiederbestellung seines umstrittenen Vizepräsidenten Holm Keller abhängig gemacht, dessen Bestätigung der Senat im ersten Anlauf verweigert hatte. Ein in letzter Minute gefundener Kompromiss ermöglichte es jetzt beiden weiterzumachen. Und so war die seit Monaten geplante Grundsteinlegung plötzlich nicht nur Symbol der Versöhnung einer Universität und einer Stadt mit ihrer Vergangenheit, sondern ein erster Beleg dafür, dass die Leuphana-Universität dabei ist, sich auch mit ihrer Zukunft anzufreunden.

Diese Zukunft kam Ende 2005 erstmals nach Lüneburg, trug den Namen Sascha Spoun und war 36 Jahre alt. Damals war jedoch weniger von Zukunft und mehr von letzter Hoffnung die Rede. Die Uni hatte gerade eine schwierige Fusion mit der benachbarten Fachhochschule hinter sich, ihr wissenschaftlicher Ruf war so erbärmlich wie ihre finanzielle Ausstattung. Sich auf einen geeigneten Präsidenten zu einigen, der auch noch bereit war, sich das Amt anzutun, erwies sich als nahezu aussichtslos.

Bis Spoun sich vorstellte, damals zuständig für die Studienreform an der Uni St. Gallen. Sein Lebenslauf – nie in Deutschland studiert, nicht habilitiert, kein eigener Lehrstuhl – war so ungewöhnlich wie die Pläne, die er für die Lüneburger Universität hatte: den Aufbau eines Colleges, in dem alle Bachelorstudenten unabhängig von ihrer Fachrichtung ein gemeinsames Einführungssemester besuchen, eine »Graduate School« für Master- und Doktorandenprogramme und eine »Professional School« für Weiterbildung und Technologietransfer, zum Beispiel mit von Unternehmen finanzierten, berufsbegleitenden Studiengängen. »Wir brauchen den gemeinsamen Neuanfang«, befand Spoun damals. »Die Rahmenbedingungen für Universitäten haben sich radikal verändert.«

Seine Pläne wiederum haben die Uni in den vergangenen Jahren radikal verändert und gelegentlich fast zum Zerbrechen gebracht. Sie haben Proteste der Studenten gegen die vermeintliche Ökonomisierung verursacht und Professoren zur Weißglut getrieben. Sie haben aber auch Dutzende neuer, zum Teil hochkarätiger Wissenschaftler nach Lüneburg geholt und der Hochschule mit ihrem PR-trächtigen neuen Namen zu einer deutschlandweiten Aufmerksamkeit verholfen , von der deutlich größere Universitäten – in Lüneburg studieren gerade mal 7000 junge Menschen – nur träumen können. Mindestens zwei der erzielten Erfolge gingen dabei sogar über Spouns Versprechungen hinaus: 86 Millionen Euro spendieren die EU und das Bundesland Niedersachsen für den von der Hochschulleitung erfundenen »Innovations-Inkubator«, der in 16 Teilprojekten Wissenschaftler der Universität, internationale Forscher und Unternehmen und Existenzgründer der Region zusammenbringt. Und dann das Zentralgebäude: Libeskind hat den Bau pro bono entworfen, die Kosten von 58 Millionen Euro hat die Uni in einem Kraftakt von staatlichen und privaten Geldgebern eingesammelt. Der Kopf hinter beiden wiederum bundesweit beachteten Projekten: Spouns Vize.

Das Problem: Während der verbindliche Spoun die massiven Anfeindungen der ersten Jahre diplomatisch gekonnt weglächelte, bediente sich der ehemalige McKinsey-Berater Keller gelegentlich eines aggressiveren Tons – und avancierte zur Hassfigur, besonders unter Studenten. Er beziehe ein astronomisch hohes Einkommen, sei faul und kümmere sich nicht um die Alltagsbelange der Universität, hieß es. Und: Er verquicke seine Arbeit als Vizepräsident mit persönlichen Interessen – ein Vorwurf, der sich auf den Umstand bezieht, dass Keller offenbar mit Libeskind auch Geschäftsbeziehungen unterhält. Ein konkretes Fehlverhalten konnte dem Vizepräsidenten nie nachgewiesen werden, doch Kellers Unbeliebtheit wurde zum deutlichsten Beleg für den Riss, der sich bis heute durch die Universität zieht – und führte dazu, dass selbst einige von Spouns Unterstützern den Kopf schüttelten, als er seinen eigenen Verbleib im Amt mit dem seines Vizes Keller verknüpfte. Der Kunstprofessor Pierangelo Maset, einer der profiliertesten Kritiker Spouns, spricht von einer »Drohkulisse«, die da aufgebaut worden sei.