Dienstag, 10. Mai: Ankunft in Nizza. Blauer Himmel. Der Taxi-Fahrer interessiert sich für Carla Bruni-Sarkozys Auftritt in Woody Allens Eröffnungsfilm Midnight in Paris . Er hat auch schon von La Conquête gehört, einen Spielfilm über Nicolas Sarkozys Weg zur Macht. Ansonsten hält der Mann nicht viel vom Kino: »Weil die immer alles mehrmals aufnehmen und dann auch noch beim Schneiden schummeln.«

Wie viele andere Festivalbesucher teilen wir uns in Cannes eine Wohnung. Wir, das sind: zwei befreundete Kolleginnen, ein Festivalorganisator, eine koreanische Produzentin, ein deutscher Filmverleiher, der auch mein liebster Freund ist. Man kennt und mag sich und hat schon einige Cannes-Ausgaben auf engstem Raum bestritten. Das Appartement ist die praktischste und günstigste Lösung: Oase, Hafen, Rückzugsort, ein kleines, warmes Soziotop inmitten des Trubels. Nach einem hektischen Cannes-Tag und einer Million Bilder im Kopf hat es etwas Erholsames, Petersilie zu schnippeln.

Eine freundliche Einheimische übergibt die Schlüssel und empfiehlt ihren Schönheitssalon, der um die Ecke liegt. Unsere Bleibe hat den Stil aller Ferienwohnungen in Cannes: eine Mischung aus Denver Clan und Côte-d’Azur-Schwulst. An der Heizung in der Küche hängt ein Steinbockschädel, das Bett wird von einem Kuhfell bedeckt. Dafür gibt es eine Riesenterrasse mit Tischtennisplatte. Ich wohne in einer Art Wurmfortsatz der Küche. Von meinem liebsten Freund, der auf einem schwarzen Ledersofa in der Küche schläft, teilt mich eine verspiegelte Schiebetür aus Sperrholz. Überall liegen iPhones, iPads, MacBooks. »Unsere WG wird die Weltherrschaft von Apple nicht verhindern«, sagt mein liebster Freund. Die Stereoanlage wurde allerdings weggeräumt, da die englischen Mieter während des Festivals im vergangenen Jahr Dauerparty machten. Wir haben eine Preisermäßigung bekommen, weil wir versprochen haben, leise zu sein und uns nicht ständig über die Brüstung zu übergeben.