Henri-Nannen-Preis: Der große Preis
Nach dem Wirbel um den Henri-Nannen-Preis stellt sich die Frage: Was darf die Reportage?
Was ein Bäcker tut, glaubt man zu wissen. Ein Bäcker backt. Und ein Lehrer? Ein Lehrer lehrt. Ganz einfach. Ein Anstreicher streicht an. Ein Dachdecker deckt Dächer. Aber was tut ein Reporter?
Diese Frage stellt sich seit dem 6. Mai, als im Hamburger Schauspielhaus der Henri-Nannen-Preis vergeben wurde, der als höchste Auszeichnung im deutschsprachigen Print-Journalismus gilt. In der Kategorie Reportage, dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, wurde der Spiegel - Redakteur René Pfister geehrt, der ein kenntnisreiches Porträt des Politikers Horst Seehofer geschrieben hatte. Eine Schlüsselrolle im Text spielt die Modelleisenbahn in Seehofers Hobbykeller. Als Pfister auf der Bühne des Schauspielhauses erzählte, er sei nicht in Seehofers Keller gewesen, sondern habe die Keller-Passage aus Gesprächen mit Seehofer rekonstruiert, passierte etwas, an das sich Journalisten später als »angespannte Stille« erinnern sollten. Die Ruhe vor dem Sturm. Der brach mit Verzögerung los: Die Jury erkannte den Preis ab , dagegen protestierte der Spiegel , die Bild-Zeitung erklärte den Vorfall zum »peinlichsten Medienskandal des Jahres« und zur »Märklin-Affäre«.
Von Tag zu Tag schwoll die Zahl der Reportage-Fachleute an, die schon immer wussten, was eine Reportage darf und was ihr verboten ist . Ein Reporter muss bei allem, was er beschreibt, persönlich dabei gewesen sein. Ein Porträt ist doch keine Reportage. Über Nacht entwickelte sich eine Expertokratie, die sich in erbitterte Diskussionen stürzte – wie eine Kolonie von Kleingärtnern, die darüber streiten, dass man die hübsche Götterblume keinesfalls verwechseln dürfe mit der gewöhnlichen Grasnelke. Nie war der Kisch-Preis so umstritten wie seit dem Tag, als er dem Preisträger genommen wurde.
Was also tut ein Reporter?
Oft rieten mir Freunde und Kritiker, mich nicht selbst einen Reporter und meine Produkte nicht Reportagen zu nennen, nicht zu betonen, dass meine Stoffe mit wirklichen Ereignissen übereinstimmten. »Lassen Sie doch Daten und Namen weg, und schreiben Sie als Untertitel ›Novelle‹ hin. Dann werden Sie literarisch beurteilt werden, als Mann von Phantasie.« »Von Phantasie!« Bedarf die Gestaltung der Wahrheit keiner Phantasie?
Diese Textpassage stammt von Egon Erwin Kisch (Von der Reportage, ein Kapitel in seinem Buch Marktplatz der Sensationen). Das Buch kam im Jahr 1942 heraus, da war er schon lange ein bekannter Reporter. 1948 starb er. Viel später, 1977, wurde zum ersten Mal der nach ihm benannte Journalistenpreis verliehen, für Spitzenleistungen der Reportage. Gestalten ihre Autoren tatsächlich die Wahrheit, wie Kisch schrieb, und was bedeutet Gestaltung? Ist »Gestalten« ein vornehmes Synonym für Verdrehen, für Erfinden? Ist es das, was Reporter tun: die Wirklichkeit biegen, so lange, bis sie passt?
Die meiste Arbeit, die im Handwerk des Reporters steckt, sieht man nicht
Vor sechs Jahren wurde mir der Kisch-Preis für ein ZEIT- Dossier verliehen , in dem es um Chinesen ging, die in Dortmund eine Kokerei demontierten, um sie in China neu aufzubauen. Ich hatte dort, über Monate hinweg, viel Zeit verbracht. Oft saß ich neben der Männertoilette der stillgelegten Fabrik und wartete auf einen Chinesen, Herrn Mo, den Bauleiter, der gegenüber der Toilette sein Büro und sein Schlafzimmer hatte. Die Verabredungen mit mir vergaß er oft, also musste ich warten. Ich hätte eine womöglich aufschlussreiche Geschichte schreiben können über die unterschiedlichen Toilettengewohnheiten chinesischer und deutscher Arbeiter. Ich glaube, ich hätte die Nationen am Ende allein an den Geräuschen erkannt. Aber darüber habe ich dann nur einen einzigen Satz verloren – dafür viele Sätze über Mo. Ich wollte seine Geschichte erzählen. Mo war wichtig für mich, die Wirklichkeit bis zu seinem Eintreffen war unwichtig. Ich habe Hunderte Chinesen reduziert auf einen, die Wirklichkeit stark verengt, einen Menschen ausgewählt, die meisten anderen am selben Ort weggelassen – um der Klarheit und der Erkenntnis willen.






warum sagt Lorenzo nichts dazu?
Der hat die entsprechende Erklärung mit unterschrieben.
Sie haben in den letzten Monaten sehr viel über Fukushima geschrieben (jetzt nicht mehr, weil SuperGAUs werden auf die Dauer langweilig).
Wer von Ihnen war eigentlich schon mal dort? Zumindest in der Nähe?
Gelungen!, der Vergleich mit der Kleingärtnerkolonie!
Zitat: "Ganz sicher ist er [der Reporter] kein Künstler, der sich über die Realität hinwegsetzen darf. Ganz sicher ist er auch kein Stativ, auf dem eine Panoramakamera ruht." - tolle Gegenüberstellung!
Genial!, die Verdeutlichung mit der Story vom Elektriker!
Genau!, Beckenbauer war mal gut - heute aber wird anders gespielt ohne schlechter zu sein.
Das ist des Pudels Kern:
ZITAT: "Denn jeder Reporter weiß, dass die ungeschriebene Wirklichkeit voll ist von Widersprüchen, solchen, die man aushalten muss. Texte schleifen kann nicht bedeuten, die Wirklichkeit zu schleifen, bis die letzten Unebenheiten verschwunden sind. Die Grenze vom Kisch-Preis zum Kitschpreis wäre überschritten, wenn die Liebe zur Geschichte umschlagen würde in eine Ästhetik der Glätte. Diese Versuchung begleitet die Reportage wie kein anderes journalistisches Genre. Ein Reporter ist verführbar."
Schönes Ende im Artikel! - das mit dem "Schattenwurf".
Dieser Artikel ist auch etwas ganz besonderes! - René Pfister wird es dem Autor wohl danken.
„Warum sollte die Reportage bleiben, wie sie war?“ Weil die Medien sonst ihre Kunden verlieren, wenn die merken, dass sie nicht Informationen, sondern Märchen serviert bekommen.
Auch mir hat der Artikel stilistisch gut gefallen, wie uebrigens auch der Pfister-Text. Die Schlussfolgerungen von Herrn Willeke sind trotzdem voellig falsch: Die Reportage ist eben gerade keine Kurzgeschichte, sondern ein aus subjektiver Perspektive geschriebener Text, der den Leser in die WIRKLICHKEIT mitnimmt.
Wenn man von diesem Grundsatz abweicht, kann man es gleich bleiben lassen und Schriftsteller werden.
Gerade in einer immer komplexer werdenden Welt, in der es wichtig ist, dass sich Menschen eine differenzierte Meinung bilden koennen ueber Dinge, die z.B. in China passieren, muss der Journalist praezise Detailbilder zeichnen und nicht seine Weltsicht in Form von Interpretationen von angeblichem Allgemeinwissen verkaufen. Wenn ich eine originell formulierte Meinung lesen moechte, dann doch im Original bei der HuffPo und co.
Ja, zu Beckenbauers Zeiten hat man langsamer gespielt. Aber die Spielregeln waren die gleichen. Auch damals war ein Foul ein Foul - auch wenn Beckenbauer es begangen hat. Und selbst wenn E.E. Kisch geglaubt hat, dass Journalisten Freiheiten in der Gestaltung der Wahrheit haben, bleibt es Unsinn.
Vielen Dank aber fuer so viel (Klar-)text.
Schoenen Gruss aus China
P.S: Ich habe gerade in einem Zeitungslektuere-Seminar fuer chinesischen Studenten die Gattung "Reportage" erklaert. Wenn die hier vertretenen Ansichten zum Konsens werden, muss ich wohl Vieles, was ich im Unterricht gesagt habe, revidieren. Die Ansicht meiner Studenten, dass es auch in den deutschen Medien wenig Ansprueche an Objektivitaet gibt, scheint sich zunehmend zu bestaetigen. TNX dafuer
Habe ich das jetzt richtig verstanden? Ein Baecker backt, ein Lehrer lehrt und in Ermangelung eines Taetigkeitswortes bleibt fuer den armen Reporter in Deutschland nur noch eins: Er schwurbelt.
Gut, aberkannt, puffpeng und weg, wie mit den Karrieren gewisser Menschen wegen Plagiatsvorwürfen bei Doktorarbeiten. Welche Reportage, welcher Reporter, ist danach gekürt worden?
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