Altersvorsorge Die Riester-BombeSeite 6/6

Riester ist gerade in Österreich, als wir telefonieren. Er hat sich dort ein Haus gebaut, in Kärnten, in schöner Lage, ist aber oft in Deutschland unterwegs. Riester hält Vorträge, er gibt Seminare, fast immer geht es um die Rente, die seinen Namen trägt. Er ist seiner Erfindung treu geblieben.

Ich erzähle ihm, dass mir dank der Riester-Rente jetzt eine völkerrechtswidrige Waffe gehört. Dass ich nicht der Einzige bin, dem es so geht. Riester schweigt einen Moment. Ich erwarte, dass er gleich von unglücklichen Verstrickungen spricht, das Thema klein macht. Dass er versucht, seinen Namen zu schützen. Riester-Bombe, das hört sich nicht gut an.

Walter Riester macht das Thema noch größer. Er war in seinen letzten Jahren als Bundestagsabgeordneter oft in Entwicklungsländern unterwegs, in Afrika, in Asien. Er sagt, er wisse um die Wirkung von Streubomben. Ihn störe nur eines: dass ich das Problem allein mit seiner Rente in Verbindung bringe. Er sagt, es gebe in Deutschland viel mehr private Lebensversicherungen als Riester-Verträge, sechsmal so viele. Wer wisse schon, wohin dieses Geld fließt, vielleicht auch in Streubomben. Und dann seien da noch die deutschen Banken. »Wem geben die ihr Geld?«, fragt Riester.

Ja, wem?

Thomas Küchenmeister, der ehemalige Leiter der Anti-Landminen-Kampagne, hat vor Kurzem eine neue Organisation gegründet. Sie heißt »Facing Finance – Finanzmärkte im Visier« und soll herausfinden, welche Geldinstitute gegen internationale Normen und Verträge verstoßen.

Gemeinsam mit der umwelt- und entwicklungspolitischen Organisation Urgewald und dem holländischen Analyseinstitut Profundo hat Küchenmeister einen Report über die Investitionen deutscher Finanzhäuser erstellt. Darin steht: Die Deutsche Bank und ihre Tochterunternehmen besitzen Aktien und Anleihen von Streubombenherstellern im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro. Die Bank hat außerdem im Auftrag von Streubombenherstellern mehrmals Aktien und Anleihen an die Börse gebracht und sich an einem Kredit für einen Hersteller in Höhe von einer Milliarde Dollar beteiligt.

Darin steht außerdem: Auch die Bayerische Landesbank, die Landesbank Baden-Württemberg, die Norddeutsche Landesbank und andere öffentlich-rechtliche Geldhäuser haben noch nach Unterzeichnung der Streubomben-Konvention in die Bombenhersteller investiert.

Nächste Woche wird Küchenmeister nach Frankfurt fahren, zur Hauptversammlung der Deutschen Bank. Gemeinsam mit Vertretern von Urgewald will er dort die Rede auf Muammar al-Gadhafi bringen.

Urgewald liegen Informationen vor, wonach die Deutsche Bank mithalf, das spanische Rüstungsunternehmen zu finanzieren, das den libyschen Diktator mit Streubomben versorgte. Vor wenigen Wochen ließ Gadhafi die Bomben auf Wohnviertel in der Stadt Misrata abwerfen. Konfrontiert mit diesem Vorwurf, sagt mir ein Sprecher der Deutschen Bank, die Bank äußere sich nicht zu einzelnen Kundenbeziehungen.

Finanzströme sind schwer zu überwachen. Sie beginnen und enden auf Computerschirmen, ausgelöst durch Tastenklicks, dazwischen durchlaufen sie ein paar Glasfaserkabel, das ist alles. Walter Riester sagt, das Problem lasse sich trotzdem lösen. Der Bundestag müsste ein Gesetz verabschieden, dann würde den Banken und Versicherungen das Risiko schnell zu groß. Investitionen in Streubomben sind verboten, müsste in dem Gesetz stehen, nichts weiter. Es wäre ein Beschluss, wie es ihn in Belgien, Irland, Luxemburg, Norwegen und Neuseeland bereits gibt.

Die Bundesregierung steht auf einem anderen Standpunkt. Ein Sprecher des Außenministeriums teilt mir mit, man sehe Investitionen in Unternehmen, die Streubomben herstellten, nicht als Verstoß gegen den Vertrag zur Ächtung dieser Waffenart an.

Streng genommen habe ich auch nicht die CBU-105 gekauft, sondern nur die Aktie des Unternehmens, das die Bombe baut. Offenbar ist die Bundesregierung der Meinung, dass das ein großer Unterschied ist.

Ich sehe das anders. Ich habe meinen Vertrag mit dem Deutschen Ring gekündigt. Ich will mich nicht darauf verlassen, dass es Textron gelungen ist, eine Waffe zu bauen, die keine Zivilisten tötet. Ich will mich nicht freuen, wenn das Unternehmen seine Bomben rund um die Welt verkauft. Ich will keine höhere Rente kassieren, weil irgendwo ein Mann wie Naser Aayash sein Bein verliert.

Seit dem Ende des Krieges haben die israelischen Streubomben im Libanon knapp 400 Menschen getötet oder verletzt. Bis jetzt. Nach Schätzung der britischen Organisation Mines Advisory Group, die im Libanon nach Streubomben sucht, wird es noch vier Jahre dauern, bis alle Blindgänger gefunden und entschärft sind.

Der Mechaniker Naser Aayash kann nicht mehr unter Autos kriechen. Er lebt von dem Geld, das sein Bruder mit dem Verkauf von Reinigungsmitteln verdient. Die Werkstatt musste Naser Aayash schließen. Dafür gibt es in Harouf und anderen Städten des Südlibanon jetzt andere Werkstätten. Aus Leder und Kunststoff, Holz und Metall entstehen Produkte, die hier neuerdings recht gefragt sind. Es sind Prothesen.

Postskriptum: Konfrontiert mit den Recherchen der ZEIT, erklärt das Unternehmen Pioneer Investments, der U.S. Mid Cap Value Fund werde alle Aktien der Firma Textron mit sofortiger Wirkung verkaufen.

Nach Erscheinen der Druckversion wurde der Text aktualisiert und ergänzt.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Woher

    ...das Geld kommt ist vollkommen egal. Ich denke allein mit der Mehrwertsteuer werden wir "saubere" Projekte finanzieren, von denen wir lieber nichts wissen wollen.

  2. ...was hier geschildert wird. Aber ein großes Stück Journalismus. Mehr davon.

    19 Leser-Empfehlungen
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    Für soetwas regelmäßig würde ich mir sogar ernsthaft ein Zeitabo überlegen!

    Mich persönlich würde es ja interessieren, ob ... sagen wir einfach einmal Multiplikatoren wie der erwähnte CFO(?) Rod Wright es - wie die Basis, von der das Geld kommt - nicht wirklich wissen, was mit den Geldern hergestellt wird und nachhaltig auf solche Investitionen verzichtet wird oder ob nur Angst vor negativer, öffentlicher Aufmerksamkeit dahinter stecken?

    Für soetwas regelmäßig würde ich mir sogar ernsthaft ein Zeitabo überlegen!

    Mich persönlich würde es ja interessieren, ob ... sagen wir einfach einmal Multiplikatoren wie der erwähnte CFO(?) Rod Wright es - wie die Basis, von der das Geld kommt - nicht wirklich wissen, was mit den Geldern hergestellt wird und nachhaltig auf solche Investitionen verzichtet wird oder ob nur Angst vor negativer, öffentlicher Aufmerksamkeit dahinter stecken?

  3. Vorab, ein guter Artikel und erfreulich, dass mal jemand nachforscht wie Geldströme laufen.
    Leider, leider machen sich die Menschen keine Gedanken, was Banken, Versicherungen und Fonds mit Ihrem Geld machen.
    Und Sie kaufen den Politikern ihre als alternativlos eingeführte private Zusatzversicherung ab ohne selbst mal zu recherchieren und nachzudenken. Sämtliche "Sozial"leistungen einer Periode können nur von den in der Periode arbeitenden Menschen erwirtschaftet werden!
    Ein weiterer Ausbau der GRV hätte nicht solche Blüten getrieben. Leider ist dies nicht ein Problem von Riester, sondern ein Grundsatzproblem unseres Finanzsystems. Das Guthaben auf einer Bank ist ja auch nur eine Forderung. Mit welchen Methoden die Bank diese Forderung absichert, erschliesst sich auch nicht so schnell.

  4. Kampfmittel verstümmeln oder töten Menschen, wer hätte das Gedacht?

    Aber erstmal eine Frage an den Herrn Autor:

    Gibt es Sie wirklich?

    Hintergrund meiner Frage ist die Tatsache das dem östr. Art.-Offz. Franz Uchatius nachgesagt wird ab 1848 die ersten dokumentierten Bombenabwürfe mit sog. "Uchatius-Bomben" aus Papierballonen vorgenommen zu haben.....

    Zu den Kampfmitteln informiert ihr Artikel, nun ja , etwas unbefriedigend.

    1. Die Auslösemechanismen älterer Cluster-Typen (Vorkonventionszeit) hatten immer eine Zweitfunktion, nämlich area denial und wirken daher an sich wie gewünscht.

    2. Cluster-Munition ist nicht per se verboten! Sondern nur solche Zündertypen die sich nicht selbst deaktivieren, hätten mann spätestens seit den Leserkommentaren zur MAT-120 wissen können.

    3. Brandstoffmunition ist ebenfalls nicht verboten, lediglich bestimmte Nutzungsvarianten solcher Incs!

    Wer, aus welch fragwürdigen Gründen auch immer, glaubt es gäbe "böse" oder "gute" Kampfmittel, der hat leichte Probleme mit der Wirklichkeit.

    Das Banken in Rüstungsgeschäfte involviert sind ist ein uralter Hut. Weil extrem viele Wirtschaftsgüter "dual-use" Eigenschaften aufweisen, gibts auch keine Möglichkeit dem zu entgehen.

    Wer glaubt durch Vermeidung von Cluster Herstellern etwas Gutes zu tun, glaubt auch das es im Sahel mehr Trinkwasser gibt, weil er in Europa welches einspaart!

    MfG Karl Müller

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    1. Es ist sch...egal, wie die Zünder dieser Bomben aufgebaut sind. Denn in dem Artikel geht es darum überhaupt nicht.

    Der Autor versucht einzig dem Anleger und Sparer vor Augen zu führen, dass er sich informieren muss. Und dass jeder eine Verantwortung für sein Handeln trägt.

    2. In dem Artikel hab ich keine Unterscheidung in "gut" und "böse" gefunden. Aber ihrem Beitrag nach haben Sie den ja eh nicht gelesen. Einzig die Gefährdung für Zivilisten wird als Unterscheidungsmerkmal herausgestellt.
    Und das Streubomben leichter neben dem "richtigen" ein "falsches" Ziel treffen als eine Lenkrakete oder Gewehrkugel ergibt sich aus der Funktionsweise der Waffe.

    3. Ja, ich glaube, dass ich mit der Nichtfinanzierung von Waffenherstellern etwas Gutes tue. Denn wenn diese Konzerne keine Anleger hätten, hätten Sie auch keine Mittel zum arbeiten und würden keine Waffen bauen. Jetzt kommt vermutlich die "Tu ich es nicht, tut es jemand anderes"-Nummer.
    Leider ist diese Aussage ein absolutes Armutszeugnis und Zeichen für enorme Charakterschwäche (Egoismus, Gier) und/oder Dummheit, ich rate also direkt von der Platzierung des Spruches ab.

    4. Sie scheinen eher an Informationen über Waffen interessiert zu sein als an dem eigentlichen Hintergrund des Artikels. Ich empfehle Waffen-HQ.de statt Zeit.de.

    Ich kann garnicht mehr aufhören mit dem Kopf zu nicken. Sehr schön argumentiert. Wenn doch nur jeder eine solche Weitsicht hätte..

    1. Es ist sch...egal, wie die Zünder dieser Bomben aufgebaut sind. Denn in dem Artikel geht es darum überhaupt nicht.

    Der Autor versucht einzig dem Anleger und Sparer vor Augen zu führen, dass er sich informieren muss. Und dass jeder eine Verantwortung für sein Handeln trägt.

    2. In dem Artikel hab ich keine Unterscheidung in "gut" und "böse" gefunden. Aber ihrem Beitrag nach haben Sie den ja eh nicht gelesen. Einzig die Gefährdung für Zivilisten wird als Unterscheidungsmerkmal herausgestellt.
    Und das Streubomben leichter neben dem "richtigen" ein "falsches" Ziel treffen als eine Lenkrakete oder Gewehrkugel ergibt sich aus der Funktionsweise der Waffe.

    3. Ja, ich glaube, dass ich mit der Nichtfinanzierung von Waffenherstellern etwas Gutes tue. Denn wenn diese Konzerne keine Anleger hätten, hätten Sie auch keine Mittel zum arbeiten und würden keine Waffen bauen. Jetzt kommt vermutlich die "Tu ich es nicht, tut es jemand anderes"-Nummer.
    Leider ist diese Aussage ein absolutes Armutszeugnis und Zeichen für enorme Charakterschwäche (Egoismus, Gier) und/oder Dummheit, ich rate also direkt von der Platzierung des Spruches ab.

    4. Sie scheinen eher an Informationen über Waffen interessiert zu sein als an dem eigentlichen Hintergrund des Artikels. Ich empfehle Waffen-HQ.de statt Zeit.de.

    Ich kann garnicht mehr aufhören mit dem Kopf zu nicken. Sehr schön argumentiert. Wenn doch nur jeder eine solche Weitsicht hätte..

  5. Ich möchte Wolfgang Uchatius danken für seine engagierte Recherche und sein großes erzählerisches Talent. Investigativer Journalismus hat in den Tages- und Wochenzeitungen kaum noch einen Platz. Diktiert von der Fondsmentalität der Verlage ist aufklärender Journalismus ein Relikt. Die Zeit sollte sich überlegen, ob sie diese Nische nicht wieder besetzt. Exzellent!

    14 Leser-Empfehlungen
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    Was mich an dem Beitrag eigentlich beeindruckt, ist die Haltung des Autors - bzw. die Konsequenz.

    Was mich an dem Beitrag eigentlich beeindruckt, ist die Haltung des Autors - bzw. die Konsequenz.

  6. mit unseren Kaufentscheidungen. Frau Busses Buch greift etwas auf, das schon lange im Gespräch ist und für viele immer noch völlig gleichgültig ist. Jede unserer Entscheidungen hat Einfluss.

  7. Ich habe dort von Dezember 1991 bis Ende 1998 viele Einsätze in Krankenhäusern mitgemacht. Obwohl der Einsatz immer abgestritten wurde! Abgerissene Kinderhände und Kinderfüße, unzählige Amputationen überwiegend bei Kindern die die kleinen Dinger mit Spielzeug verwechselten - oder einfach nur neugierig aufgehoben hatten.

    Eine Dokumentation eines Bosnischen Ärzteteams wurde von führenden Verlagen abgelehnt. Keine politische Aussage sondern eine rein medizinische Dokumentation.

    Mehr möchte ich hier dazu nicht sagen. Kann sich jeder vernünftige Mensch selbst seine Gedanken machen wozu dieser Dreck gut ist.

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    mit Ihrer Sachverhaltsdarstellung git es einige Schwierigkeiten:

    Alle Cluster die von der Ladungsmasse über eine PFM-1 hinausgehen werden ein Kind sehr wahrscheinlich töten, wenn schon bei Erwachsenen schwere Verstümmelungen die Regel sind.

    Haben Sie dazu nähere Informationen wer dort welche KMverwendet haben soll?

    MfG Karl Müller

    mit Ihrer Sachverhaltsdarstellung git es einige Schwierigkeiten:

    Alle Cluster die von der Ladungsmasse über eine PFM-1 hinausgehen werden ein Kind sehr wahrscheinlich töten, wenn schon bei Erwachsenen schwere Verstümmelungen die Regel sind.

    Haben Sie dazu nähere Informationen wer dort welche KMverwendet haben soll?

    MfG Karl Müller

  8. ...wie er sein sollte. Wegen solch solider Artikel habe ich die Zeit im Abo.

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    obwohl ich mich in letzter Zeit öfter mal ärgere behalte ich die Zeitung

    obwohl ich mich in letzter Zeit öfter mal ärgere behalte ich die Zeitung

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