Einfach so, aus Neugierde? Der Mann neben mir im Flugzeug schüttelt den Kopf. Das habe er ja noch nie gehört, dass jemand Detroit besuche, weil da angeblich kulturell so wahnsinnig viel los sei. Früher, vor 30, 40 Jahren vielleicht. Heute führen normale Menschen nur nach Detroit, wenn sie da wohnten oder ein Footballspiel anschauen wollten. Der Mann stellt seinen Sitz gerade. »Sind Sie Künstlerin?«, fragt er. Es klingt wie: »Sind Sie noch ganz dicht?«

Dann beginnt der Landeanflug auf die einst wichtigste Industriestadt der Welt, hoch im Norden der USA. Von oben sieht sie aus wie eine gigantische Einfamilienhaussiedlung. Viereckige Holzhäuser mit überdachten Veranden, so weit das Auge reicht. Die Straßen davor mit riesigen Autos zugeparkt. Eigentlich wollte ich mir am Flughafen einen kleinen Wagen mieten, doch das kommt mir nun unpassend vor. Ich entscheide mich für einen Jeep Liberty, der in diesem Teil Amerikas als mittleres Stadtauto gilt. Er verbraucht fast 20 Liter, aber egal. Der Chevrolet Suburban, der vor mir den Parkplatz verlässt, dürfte um einiges darüber liegen.

Es ist erst früher Abend, im Radio läuft Michael Jackson, der in Detroit mit zehn seine erste Platte aufgenommen hat. Und die Autobahn, die achtspurig in die Stadt führt, ist schon so leer wie eine brandenburgische Allee nach Mitternacht. Das ist praktisch, wenn man sich an das größte Auto seines Lebens gewöhnen muss. Aber auch ein wenig unheimlich in einer Stadt, in der mit dem Ford T das Auto für jedermann erfunden wurde. Hier gingen bis in die sechziger Jahre neun von zehn amerikanischen Autos vom Band, hier verdiente ein Fließbandarbeiter mehr als ein deutscher Ingenieur, weshalb er, so die Logik des Fordismus, keinen Grund hatte aufzubegehren. Als Nikita Chruschtschow bei einem Detroit-Besuch erfuhr, dass all die Autos auf dem Parkplatz der Fordwerke den Arbeitern gehörten, soll er sehr schlechte Laune bekommen haben.

Fünfzig Jahre später macht Detroit nicht den Anschein, als habe Amerika den Kalten Krieg gewonnen. Sobald man die properen Vororte hinter sich hat, springt einem der Verfall ins Gesicht: Industrieruinen und ausgeweidete Tankstellen verschwinden im Rückspiegel, dazwischen halb ausgebrannte Wohnviertel und Gegenden, in denen kein Haus mehr steht. Fünf Hollywoodfilme wurden letztes Jahr hier gedreht, drei davon aus dem Horrorgenre. Großkünstler wie Björk und Matthew Barney fanden grandiose Kulissen für Endzeitspektakel. Und natürlich war Banksy hier. Das berühmteste Detroit-Bild des britischen Graffitikünstlers zeigt einen traurigen Jungen mit einem Pinsel in der Hand. »I remember when all this was trees« steht daneben.

Dabei sind in der gefallenen Industriestadt Bäume gar nicht mehr so selten. Selbst downtown, wo sich die gläsernen Türme der General-Motors-Zentrale so eitel im Abendrot sonnen, als wäre der letzte Detroiter Großkonzern nicht erst kürzlich an der Pleite vorbeigeschrammt, hat seine ländlichen Seiten bekommen. Viele der leer stehenden Wolkenkratzer haben Moos angesetzt, manche sind so baufällig, dass ich mich nicht traue, den Jeep davor zu parken. »Es ist die Dritte Welt«, hatte der Mann im Flugzeug geraunt.

Was das krasse Nebeneinander von Niedergang und Pomp angeht, trifft es das ganz gut. Meine Pension liegt in einem pseudoviktorianischen Schlösschen in Zentrumsnähe, das die Universität vor sieben Jahren renoviert hat, um Gäste unterzubringen. Die Zimmer sind mit Antiquitäten eingerichtet, im Frühstücksraum brennt ein Kaminfeuer. »Das alte Detroit«, sagt der Pförtner und bietet gleich an, mir zu zeigen, was aus dieser Zeit noch übrig ist: die großen Kunst- und Geschichtsmuseen , das goldflirrende Fox Theater.

Aber ich suche nicht nach der Geschichte der Stadt, ich suche nach ihrer Zukunft. In Detroit , habe ich gelesen, nehme Amerika langsam Abschied vom eigenen Way of Life. Hunderte Künstler und andere Kreative sind in den vergangenen Jahren auf der Suche nach neuen Möglichkeiten in die Hauptstadt des rust belt gezogen. Eine von ihnen ist die Kunststudentin Kate Daughdrill. Wir sind am nächsten Tag am Eastern Market verabredet, einem der Hotspots des neuen Detroit, wie man hört. Er liegt nur einen Fußmarsch von meiner Pension entfernt, aber Fußwege gibt es hier nicht. In Detroit nimmt man den Highway.