Lehre : Hier rein, da raus

Universitäten sollten endlich die Vorlesung abschaffen

Hochschulen pflegen wieder ihr Brauchtum. Das ist gut so. Hätte die Universität trotz aller Reformen nicht auch am Bewährten festgehalten, wäre sie heute (nach der katholischen Kirche) nicht die älteste Institution der westlichen Welt. Manche Tradition freilich hat sich nach fast tausend Jahren überlebt. Dazu gehört die Gepflogenheit, in einem Hörsaal Texte vorzulesen. Immerhin gibt es seit geraumer Zeit den Buchdruck. Und das Internet macht mittlerweile aktuelles Forschungswissen beinahe in Echtzeit zugänglich. Dennoch glauben viele Professoren bis heute, mit wöchentlichen »Vorlesungen« den Erkenntnisfortschritt ihrer Studenten befördern zu müssen. Und auch tatsächlich zu können.

Dass dies ein Mythos ist, zeigt eine Studie des Nobelpreisträgers Carl Wiemann von der University of British Columbia. Für einen Einführungskurs in Physik teilte er Studenten in zwei Gruppen ein. Die erste unterrichtete ein älterer Professor, der von den Studenten stets Bestnoten für seine Vorlesungen erhalten hatte. Die zweite betreute ein junger Nachwuchsforscher ohne jede Lehrerfahrung im Fach.

Während der Professor den Stoff als klassischen Frontalvortrag verabreichte, griff der Postdoktorand in die didaktische Methodenkiste: Er ließ die Studenten zu zweit oder in Kleingruppen diskutieren, testete mit Multi-Choice-Fragen per Knopfdruck ihren Wissensfortschritt und gab ihnen als Hausaufgabe Lesestoff, der anfangs jeder Veranstaltung wiederum mit einem Quiz abgefragt wurde. Obwohl – oder weil – sie deutlich mehr arbeiten und sich zwangsläufig stärker beteiligen mussten, machte dieses Lernen den Studenten deutlich mehr Spaß. Und schon nach drei Veranstaltungen wussten sie fast doppelt so viel wie ihre herkömmlich belehrten Kommilitonen. Noch wichtiger: Sie hatten grundlegende physikalische Konzepte wesentlich besser verstanden. Das Ergebnis kann niemanden überraschen. Nicht alles, was man hört, versteht man schließlich auch. Und nur ein Bruchteil dessen, was man verstanden hat, bleibt haften. Die Lernforschung weiß schon lange, dass unser Kurzzeitgedächtnis nur wenige Informationen speichern kann. Überraschend dagegen ist, wie viele Wissenschaftler diese (wissenschaftliche) Minimalerkenntnis ignorieren.

Der neue reformfeindliche Retrotrend an den Universitäten feiert die traditionelle Vorlesung neuerdings gar als besonders gelungene Form der Meister-Schüler-Beziehung. Doch selbst wenn ein Professor geballte Forscher- Kompetenz – schon das ist selten – mit glanzvoller Rhetorik vereint, macht ihn das noch lange nicht zu einem guten Hochschul- Lehrer . Gerade viele Einführungsvorlesungen schrecken ab, statt für ihre Disziplin zu werben.

Das Ergebnis kann jeder sehen, der sich einmal in die hintere Reihe einer Vorlesung setzt und auf die Bildschirme der aufgeklappten Laptops schaut. Statt dem Dozenten zu folgen, verschicken die Studenten E-Mails, mehren die Zahl ihrer sozialen Kontakte bei Facebook – oder laden sich das Skript der nächsten Vorlesung aus dem Netz. Sinnloser lässt sich akademische Zeit kaum vergeuden.

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Kommentare

123 Kommentare Seite 1 von 22 Kommentieren

plumpe verallgemeinerung

eine vorlesung ist so gut wie der dozent der sie hält.

warum studenten in der letzen reihe mails lesen, habe ich nie verstanden. schlechte vorlesungen habe ich einfach nicht besucht, ich bin nur 2-3 mal pro semester hingegangen, um zu checken, was in der klausur wohl drankommt und habe sie dann zu hause selbst vorbereitet.
gute vorlesungen habe ich mit begeisterung besucht und musste so gut wie nichts ergänzend arbeiten, weil das wissen gut da angekommen ist, wo es hinsollte.
dagegen habe ich auch schon lehrveranstaltungen mit vielseitiger didaktik miterlebt, die so konzeptlos waren, das die teilnehmer während der ganzen zeit nur herumdiskutiert haben, worum es überhaupt geht ("das wurde dann als begeisterete teilnahme interpretiert ;-)) und hinterher ist nichts hängengeblieben außer das alle genervt nach hasue gegangen sind um sich den stoff auch selbst zu erarbeiten.

Anwesenheitspflicht

Beim Bachelor - zumindest ist es bei mir so - besteht in allen Vorlesungen Anwesenheitspflicht, was mit einer Anwesenheitsliste überprüft wird. Selbst wenn man einen Kommilitonen für sich unterschreiben lässt, ist man gezwungen, öfter als 2-3 mal pro Semester hinzugehen, auch deswegen schon, weil viele Dozenten ihre Skripte nicht online zur Verfügung stellen oder es sich dabei um arg abgespeckte Powerpoint-Folien handelt.

Abgesehen davon haben Vorlesungen ihre Daseinsberechtigung. Wenn sie schlecht sind, nutzt man die Zeit eben für ein Nickerchen oder sonstiges. Wenn sie gut sind, hört man aufmerksam zu und macht sich Notizen - gerade das Mitschreiben fördert das Haftenbleiben im Gedächtnis. Allerdings eignen sich die Vorlesungen hauptsächlich für Überblicksthemen, bei denen es auch nicht schlimm ist, wenn man Einzelheiten wieder vergisst, bei denen es aber auch nicht angebracht wäre, sie in Kleinstgruppen mit jedem einzelnen Studenten methodisch zu erarbeiten.

Das...

...mag für geisteswissenschaftliche Fächer vielleicht gelten, spätestens bei den naturwissenschaftlichen ist es damit vorbei.

Weder schafft man es, mal eben, aufgelaufene 90-min Vorlesungen mit massenweise Herleitungen und Beweisen nachzuarbeiten und zu verstehen (dafür kann man ruhig mind. einen Tag pro Vorlesung rechnen), noch kann man sich bei der dritten vollgeschriebenen Tafel überhaupt noch auf irgendwas außer auf's abpinseln konzentrieren.

Gerade dort, wo die Informationen also besonders dicht sind, versagen Vorlesungen am heftigsten. Und dabei bleibe ich, denn ich habe auch viele didaktisch gute Vorlesungen gehört (auch wenn die immer in der Minderheit waren), auch bei denen blieb letztlich nur wenig hängen.

Es mag wenige Teilbereiche geben, wo sie sinnvoll sind, keine Ahnung. Als gutes Wissen-vermittelndes Werkzeug sind sie in der Mehrzahl der Fälle extrem uneffektiv und Stand von vorvorgestern.

Aber eben: sehr bequem für den Herrn Prof. und außerdem saubillig. Nicht umsonst wollen Unis ja für nichts haften und schieben jegliche Anstrengungen allein auf das Selbststudium (außer bei Erfolg versteht sich, dann haben alle mitgeholfen).

Stimmt nicht

Ich selbst studiere an einer Uni, um meinen B.Sc. zu erwerben und wir haben keine Anwesenheitspflicht. Mag sein, daß viele Hochschulen dies so eingeführt haben, aber in unseren Vorlesungen haben die Dozenten besseres zu tun, als Listen herumzugeben. Und vom Dekan hieß es zur Begrüßung auch explizit, daß wir nicht zu den Vorlesungen hingehen müssen. Ausnahmen sind Arbeiten in Forschungsgruppen sowie Projektwerkstätten. Und nein, es handelt sich nicht um eine Geistes-, sondern um eine Ingenieurswissenschaft.

An meiner Uni im B.A.-Studium ist es genauso.

Egal, wie unrelevant die Vorlesungen auch für die Klausuren sein mögen (im WiSe gab es eine Vorlesung, die Null Relevanz für die Modulabschlussklausur hatte, was bei der 3. Sitzung auch klargestellt wurde), darf man maximal 2 mal fehlen, beim 3. Mal muss das Modul - selbst mit ärztl. Attest - wiederholt werden.
Diejenigen, die keine Lust auf die Vorlesungen haben und die Anderen stören, die sich bemühen, sich auf den Inhalt der Vorlesung zu konzentrieren, sind also gezwungen, trotzdem zu kommen und anwesend zu sein. Man sollte normalerweise annehmen, dass man spätestens bei der Klausur sowieso sieht, wer anwesend war und wer nicht, zumal viele Dozenten keinerlei Materialien zur Verfügung stellen.

Vorlesungen haben schon ihren Platz im Studium

Also ich gehe gerne in die Vorlesung und lerne dort zumindest passiv doch durchaus einiges. Außerdem ist es in gewisser Weise eine soziale Veranstaltung in der man auch durchaus das gerade gehörte/gesehene reflektieren kann und mit anderen (leise) besprechen kann. Wenn's keine Massenveranstaltung ist dann sogar mit dem Prof. selbst.

Dass es durchaus sehr viele schlechte Vorlesungen gibt möchte ich gar nicht abstreiten, deswegen gleich alle abzuschaffen ist aber übertrieben, und Seminar etc. sind auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Ein gutes Studium sollte immer einen Mix aus allen Lehrmethoden bieten, was nur folgerichtig ist da auch alle Studenten andere Lernformen bevorzugen (manche lernen lieber in der Bibliothek, andere zu Hause, in Gruppen, alleine etc. pp...und manche eben auch durch Vorlesungen).

Vorlesung hat nichts mit vorlesen zu tun

ich bin seit nunmehr 9 Jahren als Hochschullehrer taetig (momentan in England, davor in den Niederlanden und Deutschland). Eine Vorlesung hat nichts mit vorlesen zu tun. Das Internet oder Buecher sind kein Ersatz. Das Problem ist nicht, dass es nicht genug Information gibt. Das Problem ist, dass es zuviel gibt. Als Students weiss man nicht wo man anfangen soll. Eine gute Vorlesung gibt eine Struktur vor, ein Plan zum Selbststudium. Ich habe als Student sehr viel von Vorlesungen gelernt. Es liegt auch an der Art der Studenten. Manche lernen besser durch Lesen, andere bevorzugen praktische Erfahrung (problem based learning).

Glück...

Vorlesung hat nichts mit vorlesen zu tun

Dann haben Sie während Ihrer Ausbildung schlichtes Glück gehabt...

Eine Vorlesung hat nichts mit vorlesen zu tun.

Dass Sie das selbst noch nicht erlebt haben, bedeutet noch lange nicht das Ihre Verallgemeinerung zulässig ist.

Aber ja doch, eine Vorlesung ist keine solche - hoffentlich.

Das Problem ist nicht, dass es nicht genug Information gibt. Das Problem ist, dass es zuviel gibt.

In der Tat, weswegen schon seit über 10 Jahren bekannt sein sollte, dass statistisch von einer Vorlesung ~14% hängen bleiben.

Als Students weiss man nicht wo man anfangen soll. Eine gute Vorlesung gibt eine Struktur vor, ein Plan zum Selbststudium.

Exakt! Nur ändert das nichts am Ergebnis, dass dies aus Sicht mancher ein zu dürftiger Output einer Veranstaltung ist. Manch ein Dozent denkt darüber nach wie er die besagten 14% steigern kann, auf das mehr als eine nackte Orientierung in der Thematik hängen bleiben möge.

Ich habe als Student sehr viel von Vorlesungen gelernt. Es liegt auch an der Art der Studenten. Manche lernen besser durch Lesen, andere bevorzugen praktische Erfahrung (problem based learning).

Interessanterweise führen auch Sie nicht 'besprochen werden' als Lernform an.

QED.

sehe ich genau so

Ich habe in Vorlesungen im Durchschnitt weit mehr gelernt als in Seminaren. Grund: wo die Dozenten selbst im Mittelpunkt stehen, bereiten sie sich auch eher vor und machen sich Gedanken, welche Informationen wichtig sind, welche aufeinander aufbauen usw.

Der Blick in die Laptops sagt mir eher etwas über Leute, die an ihrem eigenen Fach wenig interessiert sind. Farmville überdauert jede noch so spannende Lehrveranstaltung.

Es ist aller Ehre wert, dass die Hochschuldidaktik (dort wo man überhaupt von einer sprechen kann) sich mit Motivations- und Lernfragen beschäftigt. Das tut sie aber nur deshalb, weil sie Motivation nachholen muss, die schon in der Schule flöten gegangen ist.

Schade eigentlich. Gerade die Studierenden klagen doch über die Verschulung der Lehre und das Aussterben von Humboldt. Wenn aus der Schule mehr Kompetenzen in selbständigem Arbeiten da wären, bliebe die Aufgabe des Motivationstrainers überflüssig.

Das das Vorlesen ausformulierter Texte völlige Zeitverschwendung ist, ist eh klar.

Es kommt immer darauf

an, was man von einer Vorlesung erwartet und wie gut der Dozent ist.

So verstehen es manche Professoren durchaus, einen geeigneten Überblick über die Thematik zu geben. Vertiefung ist natürlich immer nötig, denn so anspruchslos ist wahrscheinlich kein Studium, dass es ausreicht mal einige Stunden etwas anzuhören.

Die klassische Vorlesung könnte aber oft durch neue Medien erweitert werden (z.B. Direktübertragung am Rechner). Allerdings setzt das Selbstdisziplin voraus, woran es insbesondere jungen Studenten oft mangelt.