Bernard-Henri Lévy : "Puritanischer Irrsinn"

Bernard-Henri Lévy verteidigt mit Verve Dominique Strauss-Kahn.

DIE ZEIT: Wie haben Sie auf die Bilder reagiert, die Strauss-Kahn in Handschellen zeigten?

Bernard-Henri Lévy: Angeekelt. Gott weiß, wie sehr ich Amerika liebe. Aber hier gibt es ein Problem. Man wirft einen Mann nicht so den Hunden vor. Und man darf der Meute, diesen Kopfgeldjägern auf der Jagd nach Bildern, ein Schauspiel von solcher Grausamkeit nicht präsentieren.

DIE ZEIT:Dominique Strauss-Kahn ist wie jeder andere Verdächtige behandelt worden.

Lévy: Ja. Aber er ist nicht jeder andere. Wenn ein gewöhnlicher Mörder in Handschellen das Kommissariat verlässt, dann warten da eben nicht die Fotoapparate, ihn zu füsilieren. Aber wenn es Strauss-Kahn ist, dann ist die ganze Welt zur Stelle. So zu tun, als sähe man da keinen Unterschied, das ist die eigentliche Ungerechtigkeit.

DIE ZEIT: In Frankreich scheint sich jetzt eine gewisse Verachtung für die amerikanische Justiz zu verbreiten.

Lévy: Das ist kein Problem der Justiz, sondern eines der Politik. Einerseits sagt man uns, man wolle die Bilder des toten bin Laden nicht zeigen, um die Muslime nicht zu beleidigen. Andererseits werden die Bilder von Strauss-Kahn in der Wiederholungsschleife präsentiert, ohne dass sich jemand darum Sorgen macht, ob sie seine Frau, seine Familie beleidigen könnten.

DIE ZEIT: Gibt es einen Zusammenhang mit dem Fall Roman Polanski , in dem Sie den Beschuldigten verteidigten?

Lévy: Ginge es nach mir: nein. Der amerikanischen Justiz zufolge jedoch ja, denn der Name Polanski ist während der Anhörung am Montag gefallen. Und auch das ist untragbar. Als wollten die Amerikaner jetzt nicht einfach bloß urteilen, sondern sich rächen, und zwar konkret dafür, dass Polanski ihnen entkommen ist.

DIE ZEIT: Alle Welt, außer Marine Le Pen, betont derzeit die Unschuldsvermutung. In Frankreichs Medien wurde Strauss-Kahn gleichwohl umstandslos für politisch erledigt erklärt. Ein Widerspruch?

Lévy: So etwas nennt man nicht einen Widerspruch, sondern Heuchelei. Denn der Kern der Sache ist eine Treibjagd auf einen Mann, von dem viele Leute entzückt wären, wenn man ihn erledigte.

DIE ZEIT: Ein Komplott also?

Lévy: Nein. Aber schon eine ungewöhnliche Fügung. Sehen Sie sich mal all die Kommentatoren in den Talkshows an, diese tricoteuses, wie man einst jene nannte, die zusammenströmten, wenn guillotiniert wurde: Da ist ein Mann, der seine nackte Haut retten muss – und die sitzen währenddessen bequem auf ihren Sesseln und reden klug über die Zukunft der sozialistischen Partei, das Recht auf Transparenz und die Geheimnisse des Oralverkehrs. Das ist abstoßend.

DIE ZEIT: Frankreichs Medien diskutieren bereits seit zwei Wochen die Lebensführung von Strauss-Kahn...

Lévy: Das Feld wurde schon beackert. Vorbereitender Artilleriebeschuss. Und nun haben Sie das Ergebnis: Der Chef des IWF im Korsett des Schuldigen, das bereits für ihn angefertigt worden war.

DIE ZEIT: Lernen wir gerade Neues über das Verhältnis von Macht und Sex?

Lévy: Dass über die westlichen Gesellschaften der puritanische Irrsinn gekommen ist.

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Kommentare

93 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Wieso ist es ein gutes Interview?

Ist dieses Amerika dreckig und Strauss-Kahn nicht? Sind die us-amerikanische Medien dreckig und die französischen, welche frühere Vorwürfe gleicher Art gegen Strauss-Kahn "überhörten" nicht?

http://www.faz.net/s/RubF...

Omertà ist übrigens glücklicherweise nicht us-amerikanisch.

Mein Meinung nach ist Ihr Kommentar ein wenig oberflächlich, sexistisch und sachfern geraten.

PS: Wieso ist es ein gutes Interview: Mich hätte interessiert, was die Marke BHL über Vergewaltigung denkt ...

Einige sind also gleicher

in den Augen Levys. Er ist der Meinung, das gewisse Menschen wie Strauss-Kahn eine andere Behandlung verdienen als der einfache Mann. Weiters ignoriert Levy die Tatsache, das Strauss-Kahn in dieser Sache vorsaetzlich gelogen hat und bagatellisiert den Vorwurf der versuchten Vergewaltigung (puritanischer Irrsinn). Irgendwelche Argumente, die mich ueberzeugen kann ich in seinen Aussagen nicht finden.

Ich weiss nicht,

die Tatsache das jemand so bekannt ist könnte man durchaus als Grund dafür sehen die Verhaftung etwas subtiler als bei anderen durchzuführen. Da sehe ich den Sinn eines formalistischen "jeder muss gleich behandelt werden" nicht, denn es ist ein deutlich anderer Sachverhalt, denn das Medienwirksame abführen grenzt in ihrer öffentlichen Wirkung an eine Vorverurteilung.

Das etwas anders zu gestalten würde ja noch lange nicht heissen, dass man DSK im juristischen Hauptverfahren anders bestrafen sollte und dagegen würde ich mich auch wehren.

Und puritanisch... naja in den USA ist man da halt strenger als in Frankreich.

Wenn man mal schaut was DSK konkret getan haben soll und das darauf nach Medienberichten 20 Jahre Gefängnis in den USA drohen dann liegt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit nahe, falls er wirklich so eine Strafe bekommen sollte, denn aus meiner Sicht sollte sexuelle Belästigung/versuchte Vergewaltigung nicht schwerer bestraft werden als zB vollendete schwere Körperverletzung aber da spekuliere ich nur haltlos über das amerikanische Rechtssystem und lehne mich da besser nicht weiter aus dem Fenster das sind eben nur ein paar Fragen, die sich mir stellen.

Dieses Gleichheitsdenken ist schon bemerkenswert

und auch etwas daneben. Levy hat völlig recht, wenn er behauptet, dass das Schauspiel um Levy (außerhalb des Gerichtsgebäudes und damit außerhalb der Gewalt der Jurisprudence) widerlich ist. Denn natürlich ist er nicht in der gleichen Liga wie Sie oder irgendeiner der Kommentatoren hier. Er ist bekannt und in den höchsten Ämtern. Deshalb ist es nur recht, auch über Maßnahmen nachzudenken, die die Familie, den IWF und Frankreich vor solch einer Diskreditierung schützen. Denn DSK repräsentiert alle drei gleichermaßen und in besonderer Weise. Darauf hat man keine Rücksicht genommen zugunsten einer Vorstellung Öffentlichkeit, die den Gleichheitsgrundsatz widerum in sein Gegenteil verkehrt. Denn durch die Bilder ist er ja nicht gleich wie alle anderen behandelt worden, sondern gleicher: weil die ganze Welt zuschaut. Wer das nicht sieht, ist durch diese Gleicheitsduselei völlig verblendet. Wer die Gleichheit als Ziel setzt, sollte sich die Mittel wohl überlegen.

Vor Gericht wird er sich wie jeder andere Bürger auch zu verteidigen haben und im Falle der Schuld, eine Strafe auf sich nehmen müssen.

Spiegelbild der Prominenz

So ist das nun mal mit Macht und Prominenz: Man kann die Bewunderung der Öffentlichkeit genießen, wenn man auf dem internationalen Parkett den großen Staatsmann markiert. Nur schaut die Öffentlichkeit eben immer noch hin, wenn man Fehler macht und als Verbrecher überführt wird. Die öffentliche Bewunderung ist nur Spiegelbild der öffentlichen Verachtung. Wer das eine will, muss mit dem anderen leben. Ich sehe es gern, dass Monsieur Supermächtig wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geholt wurde. Größenwahnsinne, die beim jonglieren mit Milliardenbeträgen und Händeschütteln mit Staatschefs jede Bodenhaftung verlieren, sind mir so ungeheuer unsympathisch, da habe ich wenig Mitleid.

denken Sie mal nach ...

Bestrafung muss aber doch auch verhaeltnismaessig sein ... und das koennen Sie in dem Land getrost vergessen. Gerade wenn es in dem Land um irgendeine Form der Sexualitaet geht, reagieren die voellig gnadenlos ueberzogen und schizophren. Man hat auch schon 5-jaehrige in Handschellen abgefuehrt, und zwar wg. eines Kuesschens - stellen Sie sich mal dieses Stigma fuer die Familie vor. So ein Eintrag bleibt in den USA im Strafregister erhalten ... Und Bestrafung nach streng islamistischer Rechtsauffassung und in einer solchen Gesellschaft wuerde hier moeglicherweise zu einem voellig anderen Ergebnis fuehren. Da wuerde dann womoeglich die Frau auch noch gesteinigt. Also bitte nicht solche unbedachten Aeusserungen ...

@ 2 gleicher

Lévy sagt doch sehr klar, wieso DSK "gleicher" ist: weil im Zeitalter der Medien ein prominenter Mensch schon durch eine Anklage verurteilt ist. Dies ist bei normalen Leuten nicht der Fall. Gehören Sie aber zu den viel beneideten VIPs, ob Pop (wie Michael Jackson), TV (wie Kachelmann) oder Politik, bedeutet die Anschuldigung bereits die Vernichtung der Existenz. Wie kann man da Gleichheit behaupten. Das ist heuchlerisch.

"Puritanischer Irrsinn" trifft es ausgezeichnet. 75 Jahre Knast für einen Griff in den Schritt? Für das ungerechtfertigte Lostreten eines Krieges (Irak) schiene dies wohl angemessen, für Wahlfälschung (Florida)... die amerikanischen Staatsanwälte hätten genug echte Kriminelle zu verurteilen, die solche Riesenstrafen verdienten.

Und Herr Lévy hat doch unrecht, das nur für einen Prominenten...

...die Verhaftungs-Show vernichtend ist.

Wenn ein kleiner Mann in seiner Kleinstadt so vorgeführt wird, dann ist er in seiner Welt genauso unten durch, wie Herr Straus-Kahn in der seinigen.

DAS ist es was man Herrn Lévy vorwerfen kann:
Er sollte fordern das NIEMAND so vorgeführt werden darf, dann dürfte man es auch mit Herrn Straus-Kahn nicht.

Ich gehe zwar davon aus, dass an den Vorwürfen, was dran ist

- wegen der anderen auftauchenden Verdachtsfälle, dennoch ist er bisher ein Verdächtiger und keine "Verbrecher" wie Sie schreiben, auch wenn die US-Justiz so tut als er wäre er schon verurteilt.

Generell bleibt aber eine Problem, das bisher so wenig thematisiert worden ist. Es ist das Ausgeliefertsein gegenüber den Sie umgebenden Frauen,mit dem heute Männer umgehen müssen. Eien frau kann jederzeit und ohne irgendwelche beweise eine Mann der Vergewaltigung oder versuchten Vergewaltigung beschuldigen und bringt ihn damit ins Gefängnis. Auch wenn sich sich in der Folge herausstellt, dass der Mann unschuldig ist, ist sein Reputation wahrscheinlich für immer beschädigt.
Es handelt sihc um eine quasi legale Form der weiblichen Gewaltausübung: z.B. "Du hast mich betrogen, deshalb häng ich dir jetzt ein Sexualdelikt an." Das ist, denke ich, in seinen Auswirkungen mindestens so schlimm wie schwerwiegende häusliche Gewalt (die im Übrigen zu ca. 50% von Frauen ausgeht, aber das nur nebenbei). Das Problem ist, dass auch wenn es sich später um eine offensichtliche Falschbeschuldigung handelt der Beschuldigern /Täterin nur lachhafte Geldstrafen drohen.
Ich denke, das ist gesellschaftlich so gewollt: Alle Macht in jeder Beziehung den Frauen.

Fortsetzung:

Mir ist schon klar, dass zu harte Strafen bei Falschanzeigen dazu führen würden, dass weniger tatsächliche Vergewaltigungen angezeigt würden - aber es ist nicht klar, wieso bei offensichtlichen bzw. bewiesenen Intrigen so lasch gestraft wird.
Das hat natürlich mit der inzwischen alles unterwandernden feministischen Ideologie zu tun, dass Männer Täter sind und Frauen Opfer - egal wie die Realität aussieht.

Vorverurteilung des Opfers

Sie vergessen, dass auch das Opfer regelrecht vorgeführt wird von den Medien. Betrachtet man den Tenor vieler europäischer Medien und Reaktionen in europäischen Leserforen, so muss man erschreckt zur Kenntniss nehmen, wie der Ruf des Opfers nicht nur vernichtet wird, sondern das Opfer regelrecht fertiggemacht wird.

Betrachtet man den europäischen Medientenor, so wird BSK genauso wie Kachelmann sogar gestärkt aus der "Affäre" hervorgehen. Sie stehen in den Medien ja vorwiegend als arme Opfer rach- oder geltungssüchtiger Frauen dar. Keine Angst, diese Herren sind schnell rehabilitiert - selbst bei einer Verurteilung. So wie viele Medien zurzeit eingestellt sind, werden sie eine Verurteilung sicher auf die gute "Inszenierungen" der Opfer und die "beeinflussbaren" Richter schieben. Der Ruf der Opfer aber wird sogar im Falle einer jeweiligen Verurteilung in Europa für immer Zunichte sein. So wie viele Medien in Europa eingestellt sind, werden sie es den Opfern auf immer nachtragen, dass sie das abstossende Verhalten ihrer Idole ans Tageslicht gebracht habe.

Ich empfinde allertiefste Bewunderung für den Mut der Opfer von BSK und Kachelmann, dass sie trotz absolut abstossender Hetzkampagnen und Rufmorden an ihrer Anzeige festhalten.

Bärendienst

"Dominique Strauss-Kahn ist wie jeder andere Verdächtige behandelt worden."

"Ja. Aber er ist nicht jeder andere"

Doch er ist wie jeder andere auch, und es ist gut, dass er wie jeder andere auch behandelt wird. Ich kann langsam manche Vorurteile, die über die französische Politik kursieren nachvollziehen. Der Eindruck, den Lévy hier erweckt ist der, dass man in Frankreich ab einer gewissen Ebene oder sozialen Stellung als über dem Gesetz stehend betrachtet werden kann - oder zumindest mit gewissen Sonderrechten versehen, die für Normalsterbliche offenbar nicht gelten (was einen aber offenbar nicht davor schützt politisch demontiert zu werden, obwohl die Schuld des Delinquenten noch gar nicht erwiesen ist). Seinem Land hat Lévy damit einen wahren Bärendienst erwiesen.

Und sorry, von "puritanischem Irrsinn" zu sprechen, wenn es um einen Fall von möglicher Vergewaltigung geht, halte ich für mehr als fragwürdig. Immerhin geht es hier nicht um eine neuzeitliche Variante des "Parc-aux-Cerfs", sondern ein mögliches Verbrechen. Strauss-Kahn pauschal Sonderrechte zuzuerkennen ist letztlich genauso falsch und dumm wie ihn pauschal zu verurteilen.

La Gauche platin s'emporte

Danke für der Kommentar , Sie sprechen aus was ich empfindet , BHL als " Gauche caviar " oder heute " Platin"
kommt nicht auf die Idee über die ( möglische )Opfer zu sprechen . Ja es tut wehe als Französe DSK zu sehen aber DSK soll in keinen Fall besser gestellt als jede Burger in die US oder sonst wo. Und wass betrifft Polenski ( die ich als Regisseur sehr gut und fantastisch finde )der , ein Erwachsen mit seiner Macht , mit Alkool und Droge ein noch-Kind zu missbrauchen, find ich überhaupt nicht lustig. Dass bestimmt Intellektuelkreise Polenski verteiligen, ist peinlich.
Wenn es ist wahr dass DSK seiner Hormon nicht unter Kontrolle hatte über seiner Gehirn , denn wass ist mit die Opfer Herr BHL . Verdammt ! Schwarz , Putzfrau geliefert zu der Press und Anwalten . Der Job wird weg sein. Wass für une Gauche haben wir in Frankreich. Bitte BHL nachdenken le "droit de cuissage" is over auch in der Lubéron .