Das menschliche Denkorgan kann Henry Markram in wunderbaren Metaphern beschreiben. »Eine ideale Demokratie« sei das Gehirn beispielsweise. Es bestehe zwar aus 100 Milliarden Individuen – den einzelnen Nervenzellen (Neuronen) –, die auf eingehende Signale ganz unterschiedlich reagierten. »Doch zugleich respektieren sich die Neuronen vollständig und gleichen permanent ihre Interpretationen miteinander ab«, schwärmt der Hirnforscher. So forme das Hirn am Ende aus höchst diversen Impulsen ein einheitliches Bild der Welt – »ganz anders als eine menschliche Gesellschaft, in der einer sagt, er habe recht und alle anderen unrecht«.

Ein Jammer nur, dass es nicht überall so harmonisch zugeht. In der Realität der europäischen Forschungspolitik zum Beispiel können eben nicht alle recht haben. Beim Wettbewerb um das künftige Forschungs-»Flaggschiff« der EU etwa wird es am Ende nur einen oder zwei Sieger geben. Und deshalb tourt Markram gerade durch Europa und kämpft dafür, dass er einer davon ist.

Der polyglotte Neurowissenschaftler – er wuchs in Südafrika auf, wurde israelischer Staatsbürger und arbeitet heute in der Schweiz – plant nichts Geringeres als die Verwirklichung einer Utopie: Ein künstliches Gehirn will er bauen, Zelle für Zelle, Molekül für Molekül, in Form einer detailgetreuen Simulation in einem gigantischen Supercomputer völlig neuen Typs.

Lange wurde Markram für solche Visionen belächelt – bestenfalls . Doch das ändert sich allmählich. Seit sein Human Brain Project in die Endrunde des EU-Wettbewerbs geraten ist, findet es immer mehr Unterstützer: Zu Markrams Kooperationspartnern zählen mittlerweile das Karolinska-Institut in Stockholm, das Institut Pasteur in Paris, das Sanger Institute in der Nähe von Cambridge, das Forschungszentrum Jülich, Universitäten in Madrid, Heidelberg, München, Innsbruck und Jerusalem... Die Liste seiner collaborating scientists liest sich fast wie ein Whos who jener Forscher, die an der Schnittstelle zwischen Neurowissenschaft, Informatik und Robotik arbeiten.

Zwar glaubt längst nicht jeder an die Machbarkeit eines Kunsthirns – doch die Chance, bei einem milliardenschweren, europäischen Vorzeigeprojekt dabei zu sein, wollen sich offenbar nur wenige entgehen lassen. Bekäme tatsächlich das Human Brain Project den Zuschlag, wäre dies eine gewaltige Aufwertung dieser Art von Forschung. Von einem »Apollo-Projekt des Geistes« schwärmt etwa der Münchner Robotiker Alois Knoll . Er hofft für die europäische Neurotechnik auf einen ähnlichen Begeisterungsschub, wie ihn in den sechziger Jahren die Mondmission der Nasa (Apollo-Programm) in den USA auslöste. »Wir Europäer stehen im Bereich der Hirnforschung, der kognitiven Robotik, der neuromorphen Rechnertechnik und der Simulationstechnik international schon sehr gut da«, sagt Knoll. »Diesen Vorsprung sollten wir ausbauen.«

Drei Pfund Hirnmasse leisten mehr als jeder Supercomputer

Mit einer Bündelung der Ressourcen in diesem Bereich würde sich Europa, so warben die beteiligten Wissenschaftler vergangene Woche auf einer Pressekonferenz in Berlin, einem zutiefst humanen Ziel verschreiben: das Gehirn, das zentrale Organ des Menschen, besser zu verstehen. Denn damit hielte man den Schlüssel zur Therapie vieler neurologischer Leiden in der Hand – von der Alzheimer- bis zur Parkinsonkrankheit.

Klar ist: Markram und seine Mitstreiter wissen, wie man Politiker und Öffentlichkeit für die eigenen Ideen gewinnt. Ehrlicherweise muss man allerdings zugeben: Ob ihr Traum je wahr wird und ob dies wirklich die Therapie von Hirnkrankheiten fördert, kann derzeit niemand sicher sagen.

Das weiß natürlich auch Henry Markram, der seit Jahren die Vision vom Kunsthirn verfolgt. Ihm geht es gar nicht so sehr um mögliche Anwendungen – geschweige denn um ein »künstliches Bewusstsein«, wie Journalisten manchmal schreiben –, sondern vor allem um ein besseres Verständnis des Gehirns. Denn trotz eines gigantischen Forschungsaufwandes (jedes Jahr werden rund 35.000 Neuro-Aufsätze veröffentlicht) ist das Geheimnis des Denkorgans nicht entschlüsselt. »Wollte man versuchen, einen Computer mit der Rechenkapazität des Gehirns zu bauen, würde der Tausende von Gigawatt brauchen und Milliarden Dollar kosten – in unserem Kopf schafft das eine drei Pfund schwere Masse, die auf 60 Watt läuft«, beschreibt Markram das Wunder in unserem Kopf.