Marie NDiaye ist eine der Autorinnen, die öfter auf den Umschlägen ihrer Bücher abgebildet werden. Auf dem Cover eines jetzt erschienenen Bändchens steht sie am rechten Bildrand angeschnitten, das Gesicht im Halbprofil schwebt über ihrem Nachnamen. Sie blickt nach links in ein weißliches Licht. Schwarzer Rollkragenpullover, die Arme verschränkt, die Lippen rot geschminkt, dunkelhäutig – die Erscheinung einer Schriftstellerin, die auch für geeignet erachtet wird, Käufer in Buchhandlungen für sich zu interessieren. Der Titel des Buches Selbstporträt in Grün verspricht diese Person autobiografisch zu erschließen.

Es müsste einen fast enttäuschen, wenn diese Erwartung eingelöst würde. Denn Marie NDiaye wird spätestens seit dem Roman Drei starke Frauen sehr viel Begeisterung zuteil für die subtile Art, in der sie die Identität ihrer Charaktere verunsichert, bricht, verwischt. Damit entdeckt sie zugleich eine ganz überraschend heitere Form von Freiheit in den wenig heiteren Menschenleben, die ihr Gegenstand sind. Und auch dies Selbstporträt ist ein meisterhaftes Genreexperiment. Es unterläuft auf geradezu beschämende Weise die etwas plumpe Deixis des TitelbildesVoilà, da ist die Frau, die das Buch geschrieben hat. Denn was heißt das schon? NDiaye zeigt, wenn überhaupt ein »Selbst«, dann höchstens dieses »Selbst« wie in einem zersplitterten Spiegel. Sie zeichnet ihr Porträt vermittelt durch eine Reihe changierender Frauenfiguren »in Grün«, wobei nicht einmal die Qualität dieses Attributs eindeutig zu benennen ist.

Da gibt es eine Frau, die aus dem Grün einer Bananenstaude auftaucht, nur für die Erzählerin sichtbar, aber doch in der Lage, sie auf einen Kaffee ins Haus zu bitten. Im Dorf nennt man ihr den Namen dieser Frau, die, wie es heißt, seit zehn Jahren tot ist. Eine Grundschullehrerin fällt ihr ein, die unter ihren grünen Ärmeln die Kinder zur Bestrafung einen dunklen Flur entlangzerrte. Dann ihre ehemals beste Freundin, die plötzlich zu ihrer Stiefmutter wird und seitdem grüne Kontaktlinsen trägt, entsetzlich teure, während der Vater mehr und mehr abmagert: »Tatsächlich amüsierte mich diese Geschichte überhaupt nicht. Ich sage mir: Jetzt geht das wieder los. Wieder die Unsicherheit, das Herumtasten, die unbeantworteten Fragen um all dieses Grün.« Eine Freundin namens Jenny trifft einen verflossenen Geliebten und dessen Frau, die ihr dann tagelang von dem Leben erzählt, das sie mit dem Mann hätte haben können. Bis die Frauen auf mysteriösem Wege die Rollen tauschen: »Jenny sagt mir, glaube ich, dass diese Frau sich stets in Grün zeigt.« Schließlich die eigene Mutter, die »sich mit einem Schlag ganz von selbst in eine Frau in Grün verwandelt und unter diesen Figuren zu einer der verwirrendsten, fremdesten wird«. Umrahmt werden die Episoden von der Beschreibung einer bedrohlichen Flut des Flusses Garonne, der freilich »nicht irgendein alter Vater«, sondern unzweifelhaft »vom Wesen her weiblich ist«. So endet das Buch mit der Frage: »Ist die Garonne eine ... ist sie eine Frau in Grün?«

All dies Geisterhafte wird mit schwebender Ruhe und Aufgeräumtheit berichtet. Marie NDiaye kann nur deshalb ganz und gar einnehmend von untergründigen Strömungen und unsichtbaren Wesenheiten sprechen, weil ihr Ton nichts Geheimniskrämerisches hat. Man muss sich ihrer nüchternen Feststellung überlassen: »So sehe ich die Dinge.« Zwar streut sie Details in die Erzählung, die nachvollziehbar ihrem realen Leben entstammen, wie den Vornamen ihres Mannes Jean-Yves oder die Gironde-Landschaft, in der sie lange gelebt hat. Aber jene Größen, auf denen für gewöhnlich biografische Berichte gründen, Zuhause, Vater, Mutter, Geschwister, Freunde, sind fluktuierende Gestalten, die zurückweichen und verschwimmen, sobald der Blick auf sie gerichtet ist. Die Erzählerin erkennt die Ihren nicht wieder oder findet sie als ganz andere vor, als sie sie in Erinnerung hatte. Fremde Verwandte verschiedenen Grades tauchen plötzlich auf, verschwinden wieder. Nur wirkt diese Frau darüber keineswegs beunruhigt. Höchstens enerviert es sie, dass sie selbst, Mutter von fünf Kindern (NDiaye hat drei) und Schriftstellerin, von ihren Gegenübern kaum wahrgenommen wird. Sie beschließt dann fast erleichtert, »nie mehr wiederzukommen«, und verliert die fremdvertrauten Leute ohne Bedauern aus den Augen.

 

Für dies tiefgründige Porträt braucht Marie NDiaye kaum mehr als hundert Seiten, einfache Sätze, viele Fragen und Szenen von zum Teil rührender Alltäglichkeit. Claudia Kalscheuer, zuletzt zweifach preisgekrönt für ihre Verdienste um Marie NDiayes Werk, hat auch hier in ein kristallklares Deutsch übersetzt. In Frankreich ist Autoportrait en vert schon 2005 erschienen, also vor dem Roman Drei starke Frauen, dem Prix Goncourt und der öffentlichen Aufmerksamkeit, die Marie NDiaye für die Bemerkung zuteilwurde, die üble Atmosphäre in Sarkozy-Frankreich sei ihr Grund gewesen, nach Berlin umzuziehen. Es erschien dort in einer Reihe, die die Schriftstellerin Collette Fellous im Verlag Mercure de France herausgibt. Unter dem Titel Traits et Portraits werden da Schriftsteller, Lyriker, Cineasten, Maler und Modeschöpfer angehalten, sich in der eigentümlichen Übung des Selbstporträts zu versuchen. Beigegeben sind den Texten jeweils Bilder, die laut Verlag »die Bücher bewohnen wie die andere Stimme eines Echos und beinahe eine unterirdische Erzählung bilden«. Hier erscheint das Büchlein in der vom Kritiker Denis Scheck herausgegebenen Reihe Arche Paradies, der kein vergleichbares Konzept anzumerken ist.

Marie NDiayes Text durchkreuzen Fotografien, einesteils historische von nicht genannter Herkunft, Motive der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Aus einigen der kleinen schwarz-weißen Reproduktionen blicken die Abgebildeten neugierig, als imitierten sie den Blick des Betrachters. Den technischen Bedingungen der Fotografie gemäß müssen sie zumindest im Augenblick der Aufnahme physisch präsent gewesen sein, was ja immerhin mehr ist, als man von manchen der grünen Frauen der Erzählung wissen kann. Dazu kommt eine Reihe von Bildern der französischen Fotografin Julie Ganzin, einer bemerkenswerten Porträtistin jener französischen Provinz, die an heißen Sommertagen so selbstzufrieden, satt und saftig daliegt, dass man glaubt, sie saugte die Menschen osmotisch in sich auf. Das sähe wohl reichlich grün aus, wenn es hier nicht ebenfalls schwarz-weiß wiedergegeben wäre. Im Vordergrund wabern da unscharfe Gestalten, während das Objektiv des Apparats offensichtlich auf die Landschaft im Hintergrund eingestellt war.

Diese Bilder fügen dem grünen Personal des Buchs noch einige Spektren hinzu, wobei auffälligerweise alle diese Figuren weibliche sind. Bilder und Text entziehen sich gemeinsam ebenjener Art scharf gestellter Evidenz, wie sie zum Beispiel auf dem Umschlag der deutschen Ausgabe zu finden ist. Vielleicht weil so ein Porträt ja immer auch auf den Porträtierten zurückschaut, ihm sein Dasein zurückgibt und das sich umgrenzende Ich in einem Moment festhält. Wer wäre da nicht schon mal erschrocken vor der horrenden Objektivität eines Fotos?

Marie NDiayes Selbstporträt dagegen trägt die Form spürbaren Widerwillens gegen fixe Existenzen. Undenkbar, »wie ein Leben ohne Frauen in Grün zu ertragen wäre ohne ihre vieldeutige Gestalt im Hintergrund. Ich brauche, um jene Momente der Benommenheit, der tiefen Langeweile, der verstörenden Trägheit ruhig durchzustehen, die Erinnerung daran, dass sie meine Gedanken, mein unterschwelliges Leben bevölkern, dass sie da sind, reale Menschen und literarische Figuren zugleich, ohne die mir die Rauheit des Lebens Haut und Fleisch abschürfen würde bis auf den Knochen.« So artikuliert die Erzählung auch einen leisen Ekel vor etwas so Unhintergehbarem wie den banalen Bindungen an Abstammung und Sippe. Unter der Oberfläche des tatsächlich gelebten Lebens wird die virtuell immer vorhandene Möglichkeit oder Hoffnung hervorgeholt, es ebenso gut auch ganz anders führen zu können. Man kann diesen Kunstgriff in seiner federleichten Ausführung nur bewundern: den Auftrag zur Be-Zeichnung des Selbst zu nutzen, um so nachdrücklich und wehmütig die Freiheit zu feiern, dies Selbst nicht festschreiben zu müssen.