Gesellschaft Das Ich geht erneut an den Start

Er hat die Erschöpfung der Seele beschrieben. Nun will Alain Ehrenberg wissen, was Autonomie heißt.

Fortsetzung folgt: Zwölf Jahre sind ins Land gegangen, jetzt liegt Alain Ehrenbergs zweites Werk vor, Das Unbehagen in der Gesellschaft. Viele haben darauf gewartet, nachdem das erste Buch als ein Paukenschlag weit über die wissenschaftliche Welt hinaus vernehmbar war. Der Pariser Sozialforscher hatte 1998 ein Jahrhundertporträt der Seele seit 1900 verfasst. Dem westlichen Menschen, der aus den vormodernen Zwängen und Routinen befreit ist, stellte Ehrenberg mit seiner Studie La fatigue d’être soi die Diagnose einer völligen Erschöpfung, in die er seit der Liberalisierung der siebziger Jahre geraten sei: Heute seien die Massen schlicht fix und fertig. »Sich befreien macht nervös, befreit sein depressiv. Die Angst, man selbst zu sein, versteckt sich hinter der Erschöpfung, man selbst zu sein.« Wenn aber der demokratische Bürger stimmungsaufhellende Pillen schluckt, um guter Dinge im Büro erscheinen zu können, dann dankt der mündige Souverän ab, den ein demokratisches Gemeinwesen braucht: Alain Ehrenbergs Studie wirkte wie Demokratiealarm.

Und nun? Wie geht es dem demokratischen Souverän, zwölf Jahre später? Ehrenberg stellt diese Frage nicht. Nichts wäre langweiliger gewesen, als die These von der Erschöpfung bloß fortzuschreiben: noch mehr Wellness- und Pharmakommerz festzustellen, noch mehr Burn-outs und Ratgeberbücher zu zählen, eine weitere Entpolitisierung der Massen zu konstatieren. Alain Ehrenberg beschreitet erstaunlicherweise einen anderen Weg. Er hält der Arbeit der Soziologen den Spiegel vor und fragt: Wie kommen wir in den modernen Gesellschaften des Westens darauf, vom Selbst des freien Menschen zu sprechen, und ist die Sorge um die Demokratie tatsächlich ein Alarmzeichen, oder ist sie nicht konstitutiv demokratisch? Kurz: Werden Demokratien durch ein Fortschreiten der Individualisierung und ihrer anstrengenden Wahlfreiheiten überfordert, oder können sie doch auf die Autonomie ihrer Bürger bauen?

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Ja, sie sollten auf Autonomie bauen, argumentiert Ehrenberg nun gegenüber der Zeitung Le Monde, als gelte es, seine 500-seitige neue Studie in einem Satz zusammenzufassen: »Ich plädiere für eine Politik der Autonomie, das heißt für eine Politik, die auf die Fähigkeit der Einzelnen setzt, zu handeln, und auf ihre Kraft, individuelle Entscheidungen zu treffen.« Von Anbeginn, daran erinnert Ehrenberg, seit dem klassischen Werk von Alexis de Tocqueville über Die Demokratie in Amerika von 1835, sei die Demokratie von der Sorge um die Vereinzelung ihrer Individuen begleitet gewesen, schlicht aufgrund der Spannung zwischen Freiheit und Gleichheit. Aber was kann Autonomie heißen, wenn die seelische Gesundheit zu ihrer Ausdrucksform schlechthin geworden ist, die Innerlichkeit unter Pathologieverdacht steht und man dauernd am Verfehlen eines Ideals leidet? Heißt Autonomie nur mehr, sich fit zu fühlen?

Es sind besonders zwei Leitfiguren der gegenwärtigen Debatte, die Alain Ehrenberg nun als Orientierung für eine Politik der Autonomie empfiehlt: der Ökonom Amartya Sen mit seiner Philosophie der Fähigkeiten und der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth mit seiner Theorie der Anerkennung. Ein Reiz von Ehrenbergs neuer Studie liegt in dieser Konstellation: Ein indischer Ökonom aus Harvard und ein an Hegel geschulter Europäer böten Instrumentarien an, um den müden Individuen in schwächelnden Demokratien auf die Beine zu helfen. An Sens Philosophie überzeugt den Autor, dass sie die Fähigkeit und den Wunsch, sinnvoll sozial zu handeln, gegen ein ökonomistisches Menschenbild absetzt, sodass »eine neue Sprache des politischen Handelns« entstehe. Und Honneths Denken führt nach Ehrenberg weiter, weil es zwar vom Individuum ausgeht, aber auf der universalen Vernunft und der Verallgemeinerbarkeit ihrer Prinzipien beruht.

Vor allem den Franzosen, den Bürgern der französischen Republik, gilt Ehrenbergs Sorge. Ihnen will er vor Augen führen: »Das menschliche Leben ist nicht deshalb weniger sozial, weniger politisch oder weniger institutionell, weil es heute als persönlicher erscheint. Vielmehr ist es auf andere Weise sozial.«

Und damit wäre bereits ein zweiter Reiz der monumentalen Studie benannt: Ein französischer Spitzenforscher empfiehlt der einst philosophisch wie politisch Maßstäbe setzenden französischen Republik, das eigene Unbehagen nicht mit der Welt im Allgemeinen zu verwechseln. »Der entscheidende Punkt ist, dass der Mensch nicht einfach in Gesellschaft lebt, sondern in einer besonderen Gesellschaft.« Die französische Gesellschaft habe seit der Revolution traditionell vom Schutz durch den Staat her gedacht und dadurch die kulturellen Gräben innerhalb der Gesellschaft überbrückt.

Der Vergleich zweier individualistischer Gesellschaften, der französischen mit der amerikanischen aber, meint nun Ehrenberg, könne deutlich machen, wo die Spielräume künftig liegen. In diesem Vergleich brilliert Ehrenberg mit aphorismenhaften Sätzen, die sich einprägen: »In Amerika ist der Begriff der Persönlichkeit eine Institution, während in Frankreich die Berufung auf die Persönlichkeit als Entinstitutionalisierung erscheint.«

Leser-Kommentare
  1. hier ein Artikel, der in eine naja...ähnliche Richtung geht: http://www.celadoor.com/z...

    Das Problem würde ich dem verlinkten Artikel nach nicht in der Gesellschaft per se suchen, sondern jeden auffordern, es selbst anzupacken.

  2. "Innerlichkeit unter Pathologieverdacht" - hervorragend. Die Werbung hier ist gelungen.

  3. Heißt Autonomie eine Souveränität einer menschlichen Persönlichkeit also die Freiheit und die Unabhängigkeit eines Individuums durch Selbstbestimmung im sozial-gesellschaftlichen Kontext oder eben nur das subjektive Gefühl davon ? - Ich weiß es nicht und ich muss mich nicht unbedingt komplett sicher wissen, es reicht mir aus, dass ich mich erfahre wie beschrieben, das heißt, dass ich mich als ungezwungen und als unkontrolliert betrachten kann, jedenfalls in eingeschränkter Hinsicht, denn man kann wohl kaum von einer absoluten Totalität der Autonomie reden, dennoch aber meiner Meinung nach zweifelsohne von einer relativen Autonomie, in welcher sich nach meiner Meinung das oben Beschriebene gewissermaßen vereinigt. Mit Blick auf die Problematik der Autonomie ergibt sich ein Konflikt zwischen individuell-persönlicher Autonomie und gesellschaftlich-ökonomischer Systemordnung, denn letztere verunmöglicht teilweise oder gänzlich erstere, wodurch sie wiederum verhindert, dass das autonome Menschenwesen die sozial-gesellschaftliche Verantwortungspflicht wahrnehmen kann - in diesem Sinne besiegt sich die gesellschaftlich-ökonomische Systemordnung gewissermaßen selbst, wenn sie das sie Aufrechterhaltende unterwirft und wenn sie das sie Aufrechterhaltende unterdrückt. Der soziale Kontext, in dem wir Menschen zusammenleben, sollte aber unsere individuelle Autonomie befördern, anstatt sie abzuschaffen, aber nicht vergessen darf man: Selbst + ... + Selbst = Gesellschafts-Gemeinschaft.

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