Die Grünen... und plötzlich reich

In Schleswig-Holstein berechnen die Grünen den Wohlstand neu. Das grüne BIP sinkt durch Verkehrsunfälle, durch Umweltverschmutzung und steigt beispielsweise durch ehrenamtliche Arbeit von 

Viel Wasser, viel Landschaft, viel Nichts. Und dazu ein frisches Matjesbrötchen: Gern präsentiert sich Schleswig-Holstein so, illustriert mit Bildern von einsamen, naturbelassenen Gegenden. Schon seit je schwingt da allerdings ein wenig Trotz mit. Schließlich schneidet das Bundesland auf den klassischen Bestenlisten eher schlecht ab. Ordnet man die Bundesländer nämlich nicht nach Schönheit, sondern nach Wirtschaftsstärke und Wachstum, liegt Schleswig-Holstein regelmäßig auf einem der hinteren Plätze . Es gilt als »strukturschwach«, und indirekt schwingt dabei immer mit: Leute, hier lebt ihr nicht nur schlechter als anderswo, hier habt ihr auch in Zukunft schlechtere Chancen.

In dieser Woche soll diese Sicht der Dinge nachhaltig erschüttert werden. Denn die schleswig-holsteinischen Grünen präsentieren zum ersten Mal einen »nationalen Wohlfahrtsindex«, also eine Art »grünes« Bruttoinlandsprodukt (BIP) für ihr Bundesland und damit auch eine neue Sicht auf Wachstum, Umwelt und Lebensqualität. »Damit können wir endlich die Spielregeln ändern, nach denen gute Wirtschaftspolitik beurteilt wird«, sagt der Vorsitzende der Grünen im schleswig-holsteinischen Landtag, Robert Habeck , und ergänzt: »Jetzt können wir klar zwischen gutem und schlechtem Wachstum unterscheiden. Für Schleswig-Holstein ist das eine gute Nachricht.«

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Damit sie das auf einer seriöses Grundlage tun, haben die Grünen ihr BIP allerdings nicht etwa selbst errechnet, sondern vier Experten um Hilfe gebeten. Und die sind unter der Leitung der Wirtschaftswissenschaftler Hans Diefenbacher und Dorothee Rodenhäuser zu einem höchst überraschenden Fazit gekommen.

In Schleswig-Holstein steigt der »grüne« Wohlstand, in Deutschland sinkt er

Danach ist die Lebenszufriedenheit der Bürger in Schleswig-Holstein überdurchschnittlich hoch. Außerdem verfügt das Land über reiches Naturkapital und ein gutes Potenzial an mittelständischen Betrieben. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich vieles zum Guten verändert – im Gegensatz zu anderen Regionen der Republik. Kurz gesagt: Laut grünem BIP wächst der Wohlstand in Schleswig-Holstein, in Deutschland sinkt er.

In Zahlen drücken die Wissenschaftler das so aus: Im Bundesdurchschnitt ist das traditionelle BIP von 1999 bis 2008 (preisbereinigt) um 7,4 Prozent gestiegen. In Schleswig-Holstein nahm es gerade mal um 0,2 Prozent zu. In der traditionellen Sicht hat sich die Wirtschaftskraft der Republik also deutlich verbessert, die in dem nördlichen Bundesland nicht. Berechnet man nun aber das grüne BIP, sieht die Situation ganz anders aus. Das ist nämlich bundesweit um 3,2 Prozent gefallen. In Schleswig-Holstein hingegen wuchs es um 9,4 Prozent. »Ganz offensichtlich kann sich die Wohlfahrt eines Landes ganz anders entwickeln, als es das BIP suggeriert«, kommentiert Diefenbacher und setzt hinzu: »Viel zu lange haben wir Wirtschaftswachstum mit Lebensqualität verwechselt.«

Diefenbacher hat schon vor Jahren für das Umweltministerium Alternativen zum BIP vorgeschlagen. Die wurden zwar in Fachkreisen hoch gelobt, setzten sich allerdings in der Öffentlichkeit und auch in der Politik nicht durch. Dort gilt nach wie vor ein hohes BIP als Zeichen dafür, dass es einem Land oder einer Region besser geht. Diefenbacher hält das für grundfalsch. Es sei keineswegs so, dass es Ländern oder gar Menschen durch klassisches Wirtschaftswachstum automatisch besser geht. Nicht selten stimme sogar das Gegenteil. Beispielsweise wächst das BIP, wenn nach einem Unfall das Auto verschrottet und der Fahrer im Krankenhaus behandelt werden muss. In Wirklichkeit aber würden nur Schäden beseitigt und weder das Land noch die Gesellschaft stünden hinterher besser da als zuvor. Dazu kommt: Wenn die Umwelt zerstört und die Luft verschmutzt wird, dann berührt dies das klassische Maß für Wachstum kein bisschen.

Leserkommentare
  1. ... haben wir Wirtschaftswachstum mit Lebensqualität verwechselt."
    Da spricht einer diesen Satz, und trotzdem dreht sich die Welt weiter, ohne dass Kiel von arbeitsfaulen Hedonisten überrannt wird. Wer hätte das gedacht.
    greetz, BG

    • TDU
    • 21. Mai 2011 13:17 Uhr

    Das Interessante ist, dass das alles nur gelten kann, weil der Wohlstand schon da ist. Oder ist das Ruhrgebiet Wachstumsregion weil es ärmer wird und dadurch nichts zum Klimawandel beitragen kann?. Die Arbeitslosen freuen sich, dass sie zum BIP beitragen. Verkehrsunfälle nehmen auch ab mangels Einkommen für den Autokauf.

    Allerdings, wer vom Geld nicht leben kann, hat es auch schwer beim Ehrenamt. Ist ja schon komisch, wenn man ehrenamlich neben jemandem tätig ist, der das dreifache vom hartz IV, alo ein Normaleinkommen hat, und abends den normalen Komfort geniesst, von dem selbst mangels Arbeit nur träumen kann.

    Das ist alles willkürlich, interessengeleitet und Zielgruppenorientiert. Mag der nicht grüne BIP auch seine Mängel haben. Eine gewisse, nicht oktroierte Allgemeinverbindlichkeit muss schon sein. Sonst könnte man ja auch z. B. das Ehrenamt vorschreiben, zur Stärkung des grünen BIP. Denn Ehrenamt geht immer, reguläre Arbeit nicht. Und die wird ja schön aussen vorgelassen. Lässt man also die Konflikte, Verteilungsprobleme aussen vor, hat man einen schönen grünen BIP. Burundi, mit mehr Ehrenämtern wäre in kurzer Zeit ein Wachstumsland nach diesen Kategorien (wenn es denn den Wohlstand hätte).

    Zu einem Wohlfühlindex und als Massnahme zur Tourismusförderung taugt das ganze allerdings. Schleswig Holstein ist ja wunderschön.

    • TDU
    • 21. Mai 2011 13:29 Uhr

    Wachstum bedeute auch Möglichkeiten ausserhalb der Wohlfühlkategorien. Und Armut oder Geringverdienst wäre nur dann kein Mangel, wenn alle Freizeitgestaltung kostenlos wäre. Also muss der Staat wieder mal ran, denn von irgendwas muss ja auch der Anbieter leben. Die bereits Gut Situierten können ja zahlen, denn die hatten ja ihre Möglichkeiten. Für den Rest ist der Staat zuständig.

    Denkt man sich also die DDR ohne Stasi und mit saniertem Bitterfeld, wäre sie das Wachstumsland Nr. 1 gewesen.

  2. von Lebensqualität läßt sich für mich gerade in SH schon lange nichts mehr erkennen-in meiner ehemaligen Ferienregion in Nordfriesland stören:
    biogasanlagen an jeder ecke
    monokultur auf den feldern
    unmengen von windrädern
    und bald wieder eine blockierte fahrt nach dänemark

    die schöne zeit gab es in den achtzigern, da gab es noch ein echtes dörfliches leben und eine erkennbare mentalität

  3. Früher haben die Grünen viele gute Ideen vorgebracht, wurden in den Koalitionen mit der SPD aber immer wie kleine Kinder behandelt, die nur zufällig ein paar Stimmen bekommen hatten, die eigentlich der SPD zustanden. Die Koalitionen unter Börner, Clement oder Schröder waren dann immer ein elendes Gewürge, bei dem beide Parteien schlecht ausgesehen haben.

    Heute können die Grünen in Koalitionen auf Augenhöhe endlich das machen wofür sie gewählt wurden: Grüne Politik.

    Über die im Artikel erwähnte Frage, ob ein Autounfall Volkswirtschaftlich betrachtet gut oder schlecht ist, habe ich mit Volkswissenschaftlern schon vor vielen Jahren diskutiert. Die Tatsache, dass die mit Rechenmodellen arbeiten, bei denen die Zerstörung von Sachwerten Gesamtwirtschaftlich positiv bewertet wird, hat mich als Maschinenbauer davon überzeugt, dass der ganze Ansatz falsch sein muss.

    Ich finde die Idee, den Erfolg einer Gesellschaft auch nach anderen Kriterien zu bewerten gut. Die Politik muss an solchen Kriterien dann auch ausgerichtet werden. Über die Berechnungsverfahren kann und wird man im Einzelnen ja noch diskutieren. Der Ansatz ist jedenfalls richtig. Es ist für die Gesellschaft positiv, wenn die Umsätze der Energiewirtschaft, Abfallwirtschaft oder im Gesundheitswesen zurückgehen, wenn das passiert weil wir weniger verschwenden und gesünder leben.

  4. "Dazu kommt: Wenn die Umwelt zerstört und die Luft verschmutzt wird, dann berührt dies das klassische Maß für Wachstum kein bisschen."

    Das Problem liegt hier nicht im BIP begründet, sondern darin, dass Produzenten nicht die vollständigen Kosten ihrer Produktion tragen müssen - d.h. Umweltschäden nicht eingepreist werden, sie aber die Gesellschaft (bzw. der Staat) zahlen muss. Hier hat man es also mit einem Regulierungsproblem zu tun.

    Was die Beispiele mit Unfällen oder ganz allgemein Katastrophen angeht, die das BIP erhöhen: Ein Waldbrand erfordert auf der einen Seite natürlich den Einsatz der Feuerwehr und enormen Materialaufwand, der als Ausgaben natürlich positiv ins BIP eingeht. Allerdings: Diese Staatsausgaben fehlen dann für andere Bereiche. Die Bekämpfung des Waldbrands ist also im Grunde nur eine Umschichtung von Ausgaben, keine Erhöhung der Gesamtausgaben der Volkswirtschaft. Wenn zudem durch den Waldbrand Felder zerstört werden, verringert sich das BIP zudem durch ausfallende Ernten. Analog kann man für diverse andere negative Vorfälle, die "positiv" ins BIP einfließen, argumentieren.

    Was wohlfahrtsteigernd- oder mindernd wirkt, ist eine Wertentscheidung, die sich jeder für sich selbst treffen muss. Mit einer einfachen Kennzahl kann man komplexe wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen schlicht nicht zusammenfassen. Und niemand schaut nur auf das BIP: In den Medien ist ständig von Verteilungs- und Umweltfragen zu hören. Das BIP ist nur eine Kennzahl.

  5. bei diesen Thesen...so und jetzt die Erklärung bitte dafür, dass die Menschen hier in Baden Württemberg am ältesten wurden in ganz Deutschland, trotz der hässlichen Industrie, den vielen Verkehrsunfällen und den unsäglichen Atommeilern zwischen denen wir allenthalben unser arbeitsreiches Dasein fristen. Und apropos Gesellschaft: hier sind 41% ! aller Bürger ehrenamtlich tätig! Da sind selbst Bildungspakete für arme Kinder gar nicht so dringlich, denn jedes Kuhdorf hat hier einen Musikverein und einen Turnverein, in denen sich in der Regel NICHT die Grünen engagieren! Zu popelig, zu konservativ. Bin total neugierig wie die neu propagierte Bürgergesellschaft aussehen soll, mit ihren neuen Werten. Die Alte hatte auf alle Fälle funktioniert, wenn sie vielleicht auch nicht den hohen Ansprüchen der 1,2 Millionen Anderswähler genügt hat. Ich bin hier total gesund grossgeworden und im Turnverein hat´s mir auch gefallen.

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    Sie haben den Kernpunkt des Artikels nicht verstanden. D-Sterbealter, BIP, Analphabetenrate: Das sind die alten Maßstäbe, die den Wohlstand einer Gesellschaft nur unvollständig wiedergeben. Die Konzepte der norddeutschen Grünen sind nicht neu, nur dass sie endlich mal in die Tat umgesetzt werden. Baden-Württemberg und das weiß ich, weil ich hier wohne, sollte schnellstmöglich von seinem sich selbst zugesprochenem Musterländleimage runter. Unsere Firmen haben auf der Welt nicht nur Gutes hervorgebracht... Und sieht man sich beispielsweise den hiesigen Flächenverbauch (besser -vernichtung) an, dann weiß man auch, warum der Südwesten in dieser im Artikel beschriebenen Grünen-Studie schlechter abschneidet. Wir vernichten unwiderruflich Naturkapital. In erheblichen Ausmaßen. Die Grünen könnten das ändern.

    • Matths
    • 21. Mai 2011 15:46 Uhr

    Der Wohlfahrtsindex für Baden-Württemberg wurde doch gar nicht bewertet. Vielleicht fällt er ähnlich aus oder gar besser? Ein Versuch wäre es Wert. An dem kann man sich dann reiben.

    Sicherlich ist auch der jetzt ermessene Index aufgrund seiner Innovationskraft an einigen Stellen verbesserungswürdig, doch aus dem Bauch heraus gesagt glaube ich, dass er einen riesigen Schritt in die richtige Richtung macht.

    Immer wenn ich nach Erfurt fahre, frage ich mich, warum es dem Osten eigentlich angeblich schlecht geht. Nur weil dort das Bier noch 2,50 kostet (auch nicht überall) und damit das BIP niedriger ist, heißt das doch nicht, dass es uns nicht gut geht. Der neue Index, zeichnet das Bild sicherlich sehr gut ab.

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