Ein Bauer mit einer saisonal gefüllten Gemüsekiste (Archivbild) © Oliver Soulas/picture-alliance/dpa

Praktisch, dass der kleine Kellerraum in der Hamburger Bernstorffstraße direkt an eine Tiefgarage grenzt. So kann Mathias von Mirbach bis vor die Tür fahren und muss seine Paletten nicht weit schleppen. Mit Schwung wuchtet der Bauer im braunen Strickpulli Flaschen und Gläser voll frischer Milch, Joghurt, Butter und Quark aus dem Lieferwagen. Dann packt er Brot- und Käselaibe aus, Fleisch und Würste, schließlich Karotten, Kartoffeln, Postelein und den ersten Spinat.

Das alles stammt von seinem Hof, der, keine 40 Kilometer entfernt, in Kattendorf liegt. Als der kleine Raum frisch befüllt ist, schnappt sich zum Abschied der Landwirt noch die Reste der letzten Woche: »Die gehen zurück, in den Schweinetrog.«

Kai Hager nickt. Der schlaksige Kameramann schließt die Speisekammer wieder zu. Den Raum hat er gemeinsam mit zwei Dutzend Nachbarn aus St. Pauli gemietet. Jeden Samstag werden Kühlschrank, Gefriertruhe und Regale frisch gefüllt. Dann können sich die Mitglieder der Kooperative über die Woche bedienen.

Dafür zahlen sie monatlich 150 Euro pro sogenanntem Ernteanteil. Familien buchen je nach Größe und Hunger ein, zwei oder drei solcher Pauschalen; Singles nehmen oft nur einen halben Ernteanteil. Entsprechend können sie, Pi mal Daumen, Gemüse, Salat, Käse, Milch abholen. Außer beim Fleisch soll es auf ein paar Gramm nicht ankommen. Natürlich gebe es über die Mengen immer mal Knatsch, sagt von Mirbach. Aber insgesamt gelte: »Keine Lust auf Kontrolle. Man vertraut einander. Bei uns sind keine Leute dabei, die nur abgreifen wollen.«

Neun solcher Gemeinschaftsdepots beliefert Mathias von Mirbach in Hamburg, und damit rund 400 »Locavoren«; also Menschen, die sich wie Kai Hager am liebsten bei ihrem ganz persönlichen Landwirt saisonal versorgen. Und auch wenn man diese Stadt-Land-Kooperation nicht (wie Mathias von Mirbach) für die »ultimative Form der Lebensmittelverteilung« hält: Sie ist die jüngste und wohl konsequenteste Form, regionale Erzeugnisse an den Konsumenten zu bringen.

Paradoxerweise waren gerade Produkte aus der Nähe über Jahrzehnte besonders schwer zu kriegen. Schuld daran war die wachsende Nachfrage von Nahrungskonzernen und Supermärkten. Sie haben nicht nur Tante-Emma-Läden aus dem Feld konkurriert, sondern auch Molkereien, Käsereien, Metzgereien; viele Grundnahrungsmittel sind ganz aus ihren Regalen verschwunden. So gibt es in vielen Geschäften Milch aus allen möglichen Landesteilen zu kaufen – außer dem eigenen. Selbst an Taco-Schalen aus US-Mais und Thai-Gemüse kommt man leichter als an Mangold, dicke Bohnen, grüne Erbsen oder schwarze Johannisbeeren.

Seit einigen Jahren aber fragen die Konsumenten gezielter das nach, was vor ihrer Haustüre wächst und verarbeitet wird. Etwa zwei Drittel der Esser achten laut Umfragen darauf, dass besonders Grundnahrungsmittel nicht allzu weit hergeholt sind. Ihre wichtigsten Motive sind Frische und Gesundheit. Lebensmittel aus dem eigenen Landstrich gelten im Zeitalter von Gammelfleisch, Tierseuchen und Dioxin am ehesten als vertrauenswürdig.

»Und möglichst naturbelassen sollten sie sein«, sagt Anette Anlauf, eine von Bauer Mathias von Mirbachs Kundinnen. »Die meisten industriellen Verarbeitungsschritte und Lebensmittelzusätze sind doch sowieso nicht nötig.« Außerdem findet die junge Mutter von zwei Söhnen: »Man muss doch nichts einfliegen.« Das Klima soll geschont werden, indem man kauft, was die Küche auf kurzen Wegen erreicht.