Martenstein : "Ich bin gern bereit, Henryk M. Broder meinen Terminkalender zu zeigen"

Harald Martenstein über den Vorwurf, die Deutschen seien feige und faul
Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich bin ja nun größtenteils Deutscher. Deshalb war ich interessiert, als der Journalist Henryk M. Broder in der Welt am Sonntag einen Artikel über die Deutschen veröffentlicht hat. Der Artikel trägt die Überschrift: Ihr feigen Deutschen!

Der Leitgedanke lautet, die Deutschen – tatsächlich alle – seien »faul, feige und passiv-aggressiv«. Dies sei kein »Generalverdacht«, sondern »handfeste Empirie«, also wissenschaftlich bewiesen. Dass ich oft feige bin und manchmal passiv-aggressiv, muss ich zugeben. Wir haben alle unsere Fehler. Auch Broder wird welche haben. Eine Sache nehme ich übel, nämlich, dass er behauptet, ich sei, empirisch bewiesen, faul. Es gibt faule Deutsche. Aber ich bin nicht faul. Ich bin gern bereit, Henryk M. Broder meinen Terminkalender zu zeigen. Da würde seine Empirie sofort in sich zusammenbrechen.

Weiter schreibt er über die Deutschen: »Vom ständigen« – berechtigten – »Gefühl der eigenen Unterlegenheit geplagt, gönnen sie anderen keine Demonstration der Überlegenheit.« Mit anderen Worten, missgünstig sind wir auch. Dabei bezieht der Autor sich auf die Debatte über die Erschießung von Osama bin Laden, also darauf, dass einige Kommentatoren, bei Weitem nicht alle, die Erschießung für rechtsstaatlich bedenklich oder unchristlich gehalten haben, wegen des relativ klaren Bibel-Satzes: »Du sollst nicht töten.«

Ich selber finde, dass es manchmal keine andere Wahl gibt, als die, einen Tyrannen oder Mörder zu töten, auch wenn ein Prozess natürlich die bessere Lösung wäre. Dann schreibt Broder, welche Deutschen ihm als besonders faul und feige aufgefallen sind, darunter sind der Journalist Heribert Prantl, der Vielzweckexperte Peter Scholl-Latour und Helmut Schmidt. Wie man auf die Idee kommen kann, Heribert Prantl, Peter Scholl-Latour und Helmut Schmidt litten unter einem Minderwertigkeitskomplex, ist mir ein Rätsel. Das sind doch eher überdurchschnittlich selbstbewusste Personen. Der Vorwurf der Faulheit scheint mir bei Bücher schreibenden Neunzigjährigen noch weniger zuzutreffen als bei mir.

Ich habe mir die Frage gestellt, ob tatsächlich nur in Deutschland abwägende Stimmen in dieser Sache zu hören sind, ob die Idee »Du sollst nicht töten« wirklich eine deutsche Spezialität ist. Ich habe einfach irgendwas angeklickt. Auf der Homepage der Chicago Sun äußert sich ein Offizier, Ralph Grieco , dessen Sohn im Kampf gegen die Taliban gefallen ist. Er sagt, er sei »erleichtert« über den Tod Osamas, aber fühle auch ein »Unbehagen«, ein Tod sei »kein Grund zum Feiern«. Besonders interessant ist ein Forum der Christen in den USA, Christianity today. Ein gewisser Derek Webb: »Feiert nicht den Tod, sondern die Gerechtigkeit.« Josh Morgan: »Ich bin sicher, Gott weint auch über bin Ladens Tod.« Lee Ann Shya: »Ich bin traurig, dass bin Laden seine Taten nicht mehr bereuen konnte, bevor er starb.« Anderswo ein ähnliches Bild. Und das ist handfeste Empirie. Kommentatoren, die behaupten, alle Menschen auf der Welt seien der gleichen Meinung wie sie selbst, waren meist zu faul zum Recherchieren.

In Wirklichkeit, vermute ich, ohne es empirisch überprüft zu haben, sind die Deutschen weder besser noch schlechter als andere Völker. Wenn man aber über irgendein anderes Volk schreiben würde, es sei faul und feige, und das sei eine wissenschaftliche Tatsache, eine Behauptung, die deutlich über Thilo Sarrazins Thesen hinausgeht, würde man Ärger bekommen. Bei den Deutschen geht es, die sind lieb, und dieses Phänomen, nur dieses, ist ein speziell deutsches.

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Kommentare

72 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Danke. Das mußte mal gesagt werden. (1)

Henryk M. Broder ist sowas von von gestern.

Mir z.B. (als Deutschem) war der Tod von Bin Laden erstaunlich egal, auch ich gehöre also nicht zu „den“ Deutschen, die er sich als Feindbild zurechtgebastelt hat.

Nichtsdestotrotz ist es abgedroschen, einem Deutschen, der es wagt, das Vorgehen der USA zu kritisieren, ohne weiter zuzuhören reflexartig mit dem Totschlagvorwurf des „Antiamerikanismus“ abzufertigen.

Amerika ist auch außerhalb Deutschlands nicht generell nur beliebt. Es gibt Amerikaner, die den Tod Bin Ladens in dieser Form bedauern, genauso wie es Deutsche gibt, die den Tod begrüßen, sogar unsere Kanzlerin zum Beispiel. Und ist Merkel etwa undeutsch?

Daß Broder in einem Text, der sich vorgenommen hat, einen Volkscharakter der Deutschen in all seiner abstoßenden Niedertracht zu zeichnen, auch irgendwo das Wort „Führer“ unterbringen muß, kostet mich nur ein müdes Augenrollen. Originell ist was Anderes. Wir wissen schon: Die Deutschen haben nur einmal in ihrer tausendjährigen Geschichte, für 12 Jahre, zu sich selbst gefunden. Die anderen Jahrhunderte haben für die für deutsche Identität keine Gültigkeit.

Danke. Das mußte mal gesagt werden. (2)

Und warum sollen wir uns unterlegen fühlen, und dann noch gegenüber den Amerikanern? (...die ja selbst größtenteils deutscher Abstammung sind). Die Geschichte ist so, wie sie ist, weil Deutschland nur wenige natürliche Grenzen hat, ergo in Grenzkonflikte mit zu vielen Nachbarstaaten verwickelt wurde und infolge dessen international isoliert wurde. Das hätte jede Nation gekränkt.

H. Broder lebt in einer vergangenen Epoche. Er versteht die heutige Zeit nicht mehr. Daher darf er auch nur noch in der WamS schreiben. Er wird sich damit abfinden müssen, daß heutzutage selbst Engländer und Israelis vom Berliner Lebensstil angezogen sind.

Was mich allerdings wundert, Herr Martenstein, wie kommen Sie eigentlich mit Ihren Kollegen bei der ZEIT zurecht? Josef Joffe schreibt doch auch immer in dieser Borat-Arroganz über die Deutschen, um uns dann mit irgendwelchen „rabbinischen Überlieferungen“ und „Chuzpe“ als Non-plus-Ultra zu behelligen.

Bitte argumentieren Sie sachlicher und verzichten auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/se.

Das ist aber eine gewagte Schlußfolgerung!

„Und die, die deutsche Wurzeln habe, ihre Vorfahren kamen nach Amerika meistens weil sie dort/"zu Hause" ihre Landsleute nicht leiden konnten.“

Nun ja, das gälte ja dann prinzipiell für alle anderen Einwanderergruppen auch, außer vielleicht den Afro-Amerikanern und denjenigen Iren, die konkret vor der Hungersnot zwischen 1845 und 1849 geflohen sind.

Ansonsten können einem ja alle möglichen Gründe zur Auswanderung einfallen: Politische Verfolgung, Armut und Perspektivlosigkeit zuhause, Wirtschaftsboom in den USA – also einfach nur „better opportunities“, preiswerter Landerwerb, reine Abenteuerlust, Fernweh... Aber vielleicht haben Sie ja recht, daß diese Gründe nur für englische, mexikanische, skandinavische, polnische und italienische etc. Auswanderer in Frage kommen.

Ansonsten stimmt leider, daß die Amerikaner absolut gesehen zwar nur zu einem kleinen Teil von Deutschen abstammen, RELATIV aber durchaus tatsächlich zum GRÖßTEN TEIL, zumindest laut offizieller Volkszählung im Jahre 2000:

http://upload.wikimedia.o...

Aber je mehr sich die Einwanderergruppen miteinander vermischen, desto mehr stammen irgendwann alle von allen ab.

(Die Ironie an der Sache: Ich bin z.Zt. ausgewandert, vielleicht nur temporär, mal schauen, während Sie im verhassten Deutschland sitzen und unter den Landsleuten leiden und von Flucht träumen?)