Pfälzer Weinsteig Schoppen im Wald
Sandige Pfade, Kiefernduft und ein Silvaner im Halbliterglas – ein beschwingter Wandertag auf dem neu eröffneten Pfälzer Weinsteig.
© Marius Becker dpa/lrs

Eine Frau wandert zwischen Pfälzer Rebstöcken
In Rheinland-Pfalz trinken die Leute seit Jahrhunderten ungefähr einen Liter Wein am Tag. Deswegen sind die mental geschädigt.« Diese schonungslose Analyse stammt von Helmut Kohl. Er soll den Satz Heiner Geißler gegenüber geäußert haben. Seit drei Jahren wohne ich nun im Saarland, die Pfalz direkt vor meiner Haustür. Es reizte mich ungemein, wandernd auf dem Pfälzer Weinsteig herauszufinden, was es mit der Mentalschädigung der Pfälzer auf sich hat.
Die Touristiker in Rheinland-Pfalz sind sehr darum bemüht, durch neue Angebote Wanderer in ihr Land zu locken. Die Losung lautet: Rheinland-Pfalz soll Wanderbundesland Nummer eins werden. Neue Weitwanderwege wurden kreiert – Rheinsteig, Eifelsteig, Westerwaldsteig, Saar-Hunsrück-Steig –, aber die Pfalz fehlte bislang. Im April nun wurden gleich drei Weitwanderwege eröffnet: Der Pfälzer Höhenweg, der Pfälzer Waldpfad und – der Pfälzer Weinsteig, 153 Kilometer von Neuleiningen im Norden bis Schweigen in der Südpfalz, nahe der französischen Grenze. Immer an der Ostkante des Pfälzer Walds entlang.
- Pfälzer Weinsteig: Auskunft
Pfalz-Touristik, Tel. 06321/39160, www.pfalz-touristik.de und www.pfaelzer-wanderwege.de
Das Schöne an einem Weitwanderweg ist, dass man keineswegs gezwungen ist, diesen in einem Rutsch abzuwandern. Das kostet im Zweifelsfall viel Zeit und ermüdet unter Umständen. Ich ziehe es vor, einzelne Etappen herauszupicken und diese als Tagestouren zu wandern. Ich habe mich für die dritte Etappe des Pfälzer Weinsteigs von Neustadt an der Weinstraße nach Deidesheim entschieden. Warum? Nun, Neustadt verfügt über einen ICE/IC-Bahnhof, ist somit gut erreichbar. Neustadt ist quasi überall, unzählige Neustädte gibt es in Deutschland. Da Verwechslungsgefahr droht, braucht jede Neustadt einen Beinamen. Das pfälzische Neustadt hieß früher Neustadt an der Haardt, heute Neustadt an der Weinstraße, bald vielleicht schon Neustadt am Weinsteig.
Es gibt Leberknödel mit sagenhaften 90 Millimetern Durchmesser
Ich folge den rot-weißen Weinsteig-Markierungen durch das fachwerkhausreiche Zentrum von Neustadt, es geht eine Treppe hinauf Richtung Haardt, das ist das waldreiche Gebiet oberhalb des Ortes.

Manuel Andrack wurde 1965 in Köln geboren. Von 1995 bis 2008 war er Redaktionsleiter bei der Harald Schmidt Show und Schmidt & Pocher und erhielt dafür den Deutschen Fernsehpreis 2001 und 2003. Seit 2004 publiziert er Bücher zum Thema Wandern, 1. FC Köln, Punk Rock und Ahnenforschung.
Hinter den letzten Häusern von Neustadt erwarten mich die ersten Weinreben, die dem Wanderweg seinen Namen geben. Ein Wirtschaftsweg, der vor ungefähr 100 Jahren gepflastert wurde, schlängelt sich durch die Lage. Kleine Blätter winden sich um die Weinstöcke, wenn ich die Sonnenbrille abnehme, kann ich trotz Alterskurzsichtigkeit erste winzige Trauben erkennen. Ich frage mich, welche Trauben dort wachsen. Man hört immer wieder vom pfälzischen Schoppen, das ist das Glas, klar, aber was bitte schön ist denn in dem Schoppen drin? Andere Weinbaugebiete wie zum Beispiel die Mosel definieren sich über eine Rebsorte: Mosel = Riesling. Aber wie verhält sich das in der Pfalz? Oder ist es dem Pfälzer schnuppe, was sich im Schoppen tummelt, Hauptsache, es knallt schön und man wird mental geschädigt? Ich werde der Sache auf den Grund gehen.
Nach wenigen Hundert Metern enden die Reben, ich tauche in den Wald ein. Auf wunderschönen Pfaden geht es weiter. Der Boden ist, das fällt auf, sehr sandig, die Kiefern am Wegesrand duften. Das ist alles recht typisch für den Pfälzer Wald, es hat etwas Mediterranes. Direkt am Weinsteig steht ein Denkmal zu Ehren des Heimatdichters Josef Victor von Scheffel. Ein Dichterwort ist dort in Stein gemeißelt:
Und nähert sich solch einem Schoppen
Mein Herz – Dann überwallt’s
S’ist halt ein verflucht feiner Tropfen
Ich segne dich Hügel der Pfalz
Klare Worte, die zu, wie soll ich sagen, einer gewissen Einkehr anhalten.
Immer wieder kreuzen traumhafte Pfade meinen eigenen, aber ich weiche nicht ab vom Weg, der mich gut drei Kilometer hinter Neustadt zur Ruine Wolfsburg führt. Man steht vor den verfallenen Mauern und denkt sich: Wolfsburg, Wolfsburg, da war doch irgendetwas mit Volkswagen und einem grottenschlechten Fußballverein, oder?
- Datum 30.05.2011 - 10:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.5.2011 Nr. 21
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Schön geschriebener Artikel. Macht Lust auf Deutschland, auf die Pfalz, das Wandern und mal einen Weisswein trinken. Saumagen muss es aber nicht sein!
Wandern mit Wein das wäre doch mal was anders, und auch was neues.
Wenn man hier so eine Art Route entwickeln könnte mit Wald und Wein, kombiniert dann hätte das echt m.M. Potential hier Touri und auch Einheimische wieder in den Wald zu locken und im Wald die Seele baumeln zu lassen, dazu ein paar Häppchen oder so??
Da könnte sogar der Stadtmuffel sich aufraffen und damit die ganze Familie hier was hat, nun Weintrauben für die Kids zum Probieren ala Rebennaschen??
... dann bist Du in der Pfalz
Lieber Andrack,
hat mir gut gefallen! Vor allem, daß Sie die wahren Perlen der Pfalz nicht dem großen Publikum (das dann doch nur aus Mannheim oder Heidelberg kommt) verraten haben, denn die liegen ein paar Kilometer südwestlich von Neustadt. ABER, daß Sie 1) den Schoppen aus dem Halbliterglas tranken und 2) irgendwann einmal meinten, der Pfälzer söffe egal was auch immer, das hat mich dann doch zum Riesling-Glas greifen lassen.
Prost!
... (also zusammen geschrieben) ist die offiziell richtige Schreibweise, auch wenn man oft "Pfälzer Wald" liest, wie auch in diesem Artikel. Mit "Neuer Deutscher Rechtschreibung" hat das aber nicht das geringste zu tun. Das war schon vorher so.
"gehörte doch die Pfalz über hundert Jahre bis Anfang des 20.Jahrhunderts zum Königreich Bayern".
Nach dem Tode des bayerischen Kurfürsten Maximilian III. Joseph war die bayerische Linie der Wittelsbacher erloschen und der Pfälzer Kurfürst Karl Theodor erbte Bayern.
Folgerichtig gehörte Bayern zur Pfalz und nicht umgekehrt. Wieso man das immer wieder andersrum liest ist mir unerklärlich ;-)
Lieber Herr Andrack,
ein wunderbarer Artikel der Lust macht mal wieder zu Wandern.
Dass Sie jedoch keine Ahnung vom Fußball haben, erkennt man an ihrem Lieblingsverein.
Daher sei es Ihnen gestattet, die Fan Grenze zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem SV Waldhof etwa um etwa 30 km nach Westen zu verlegen.
Die wahre Grenze verläuft am Ortschild Mannheim.
Wer übrigens keine Lust zum Wandern hat, dem ist der Erlebnistag Deutsche Weinstraße zu empfehlen. Auf der Weinstraße mit dem Rad von Dorf zu Dorf mit reichlich Schoppen und Leberknödel.
Gruß aus Rheinhessen. Dort wo die Grenze zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Mainz 05 am Mainzer Ortschild liegt.
Prost
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