90 Millimeter Leberknödeldurchmesser
© Ronald Wittek dpa/lrs

Der Marktplatz von Neustadt an der Weinstraße
An der Wolfsburg ändert der Weinsteig die Richtung. Es geht steil bergan und an Buntsandsteinen vorbei, die sich auftürmen. Ein Felsenensemble heißt Neustadter Bergstein, und von dort hat man einen verteufelt schönen Ausblick. Neustadt zwängt sich wie in einem Trichter ins Speyerbachtal. Gegenüber ein sattgrüner Wald am Steilhang, in dem als Sahnehäubchen Schloss Hambach thront. Es liegt auf der vierten Etappe des Wanderwegs. Man hätte den Weinsteig auch mit gutem Grund Deutsche-Geschichte-im-Zeitraffer-Steig nennen können: Wenn man von Süden kommt, führt der Weg an Burg Trifels vorbei, einer der Stammburgen der staufischen Kaiser. Grenzsteine aus der französischen Besatzungszeit säumen den Steig, die Franzosen hatten die Pfalz immer wieder besetzt. Man passiert Schloss Hambach, wo 1832 die Teilnehmer des Hambacher Fests demokratische Rechte und die nationale Einheit forderten, und gelangt zum Lieblingslokal von Helmut Kohl.
Ich gehe weiter bergan und erreiche den höchsten Punkt der Etappe auf dem Weinbiet. Ich dachte zuerst, man hätte ein »g« und »e« vergessen, es handele sich um ein Weingebiet. Nein, der Gipfel heißt Weinbiet und hat alles zu bieten, was ein ordentlicher Berggipfel braucht: einen Aussichtsturm. Eine Wetterstation des Deutschen Wetterdienstes mit jeder Menge technischem Schnickschnack: elektrischem Niederschlagsensor, Ultraschall-Schneehöhensensor und Laser-Ceilograph Tropopauser. Alle Wetter! Neben dem Aussichtsturm ein Zaun, ein rot-weißer Sendemast, ein Schild: Militärisches Sperrgebiet. Wird dort der Franzose abgehört, auf dass er nicht wieder die Pfalz besetze?
Und eine famose Hütte findet sich auch auf dem Weinbiet, ein altes Steinhaus mit Holzbänken und -tischen im Innenraum, ich setze mich aber nach draußen, es ist sehr warm. Um ihre Wanderhüttenkultur sind die Pfälzer zu beneiden. Mir ist kein anderes deutsches Wandergebiet bekannt, in dem eine derartige Vielfalt von bewirtschafteten Hütten zu finden ist. Es gibt sogar ein Kartenspiel, das Pfälzer Hüttenquartett, in dem die Hütten rund um Neustadt in Wettstreit miteinander treten. Auf Karte D4 kann man mit der Hütte auf dem Weinbiet trumpfen. Die Kategorien sind zum Beispiel das Datum der Errichtung (erbaut 1928), die Höhenmeter (554 Meter), die Anzahl der Weinsorten im Sortiment (acht) und – ganz wichtig in der Pfalz – der Leberknödeldurchmesser. Mit sagenhaften 90 Millimetern hat sich die Weinbiet-Hütte einen respektablen dritten Platz im Ranking der Leberknödeldurchmesser des Hüttenquartetts mit seinen 32 Karten gesichert.
Den großen Leberknödeltest spare ich mir für das Finale der Etappe auf, ich trinke eine Weinschorle im Halbliterglas. Das Mischungsverhältnis ist zwei Drittel Wein und ein Drittel Wasser. Das riesige Glas ist ein Gimmeldinger Schoppen, so heißen Ort und Weingebiet unterhalb des Weinbiets. Ich frage, welcher Wein genau im Glas perlt. Es ist ein Silvaner.
Beim Abstieg vom Weinbiet denke ich: Dieser Pfälzer Wald ist einfach ein unglaublich gutes Wandergebiet, weil die schmalen Pfade der Normalzustand sind, nicht die breiten Forstwege, wie in vielen anderen deutschen Mittelgebirgen. Von Weinreben ist schon lange nichts mehr zu sehen gewesen, dafür wandere ich durch reichlich Mischwald. Dieser Weinsteig hat einen viel höheren Waldanteil, als der Name vermuten lassen würde, und das ist auch gut so. Der Pfälzer Wald ist immerhin das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands. Auf den Waldpfaden zu gehen ist wesentlich angenehmer, als in der prallen Sonne ausschließlich über Wirtschaftswege durch die Weinberge zu stiefeln. Der Weinsteig könnte auch Wald-und-Höhen-und-Wein-Steig heißen, aber die anderen Weitwanderwege der Pfalz, der Höhenweg und der Waldpfad, die brauchen ja auch einen Namen.
Ein älterer Wanderer mit einer Blume am Strohhut kommt mir entgegen und schenkt mir ein freundliches Grüß Gott. Kein Zweifel, das war ein Pfälzer, und die können ihre Wurzeln nicht verleugnen, gehörte doch die Pfalz über hundert Jahre bis Anfang des 20.Jahrhunderts zum Königreich Bayern. Und da wird eben auch ordentlich gegrüßt.
Ich bin über 200 Höhenmeter abwärtsgegangen und habe das Benjental erreicht. Die rot-weiße Markierung des Weinsteigs glänzt in der Sonne, als sei sie frisch angebracht worden. Der Weinsteig ist hervorragend gezeichnet, verlaufen ist schwierig. Im Benjental begegnet mir dann auch tatsächlich ein Wegemarkierer mit seinem Handwerkszeug. In einem hölzernen Kasten mit Griff hat er Farben, Schablonen und Pinsel dabei. Die Markierungsarbeit ist etwas für Enthusiasten. Mehrmals muss man hin und her laufen, die Rinde von den Bäumen schaben, dann die Schablone anlegen, die erste Farbe auftragen, trocknen lassen, auf dem Rückweg die zweite Farbe auftragen. Ein bis zwei Kilometer Wegemarkierung schafft ein guter Markierer am Tag. Der Pfälzer Markierer hat seine Sache gut gemacht – alle 50 Meter glänzt mir das frische Rot-Weiß entgegen.
- Datum 30.05.2011 - 10:57 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 19.5.2011 Nr. 21
- Kommentare 6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Schön geschriebener Artikel. Macht Lust auf Deutschland, auf die Pfalz, das Wandern und mal einen Weisswein trinken. Saumagen muss es aber nicht sein!
Wandern mit Wein das wäre doch mal was anders, und auch was neues.
Wenn man hier so eine Art Route entwickeln könnte mit Wald und Wein, kombiniert dann hätte das echt m.M. Potential hier Touri und auch Einheimische wieder in den Wald zu locken und im Wald die Seele baumeln zu lassen, dazu ein paar Häppchen oder so??
Da könnte sogar der Stadtmuffel sich aufraffen und damit die ganze Familie hier was hat, nun Weintrauben für die Kids zum Probieren ala Rebennaschen??
... dann bist Du in der Pfalz
Lieber Andrack,
hat mir gut gefallen! Vor allem, daß Sie die wahren Perlen der Pfalz nicht dem großen Publikum (das dann doch nur aus Mannheim oder Heidelberg kommt) verraten haben, denn die liegen ein paar Kilometer südwestlich von Neustadt. ABER, daß Sie 1) den Schoppen aus dem Halbliterglas tranken und 2) irgendwann einmal meinten, der Pfälzer söffe egal was auch immer, das hat mich dann doch zum Riesling-Glas greifen lassen.
Prost!
... (also zusammen geschrieben) ist die offiziell richtige Schreibweise, auch wenn man oft "Pfälzer Wald" liest, wie auch in diesem Artikel. Mit "Neuer Deutscher Rechtschreibung" hat das aber nicht das geringste zu tun. Das war schon vorher so.
"gehörte doch die Pfalz über hundert Jahre bis Anfang des 20.Jahrhunderts zum Königreich Bayern".
Nach dem Tode des bayerischen Kurfürsten Maximilian III. Joseph war die bayerische Linie der Wittelsbacher erloschen und der Pfälzer Kurfürst Karl Theodor erbte Bayern.
Folgerichtig gehörte Bayern zur Pfalz und nicht umgekehrt. Wieso man das immer wieder andersrum liest ist mir unerklärlich ;-)
Lieber Herr Andrack,
ein wunderbarer Artikel der Lust macht mal wieder zu Wandern.
Dass Sie jedoch keine Ahnung vom Fußball haben, erkennt man an ihrem Lieblingsverein.
Daher sei es Ihnen gestattet, die Fan Grenze zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem SV Waldhof etwa um etwa 30 km nach Westen zu verlegen.
Die wahre Grenze verläuft am Ortschild Mannheim.
Wer übrigens keine Lust zum Wandern hat, dem ist der Erlebnistag Deutsche Weinstraße zu empfehlen. Auf der Weinstraße mit dem Rad von Dorf zu Dorf mit reichlich Schoppen und Leberknödel.
Gruß aus Rheinhessen. Dort wo die Grenze zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Mainz 05 am Mainzer Ortschild liegt.
Prost
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren