Pfälzer Weinsteig Schoppen im Wald
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 In Deidesheim stehen gesattelte Geißböcke

Nebel umhüllt das Hambacher Schloß in Neustadt an der Weinstraße im Ortsteil Hambach.

Nebel umhüllt das Hambacher Schloß in Neustadt an der Weinstraße im Ortsteil Hambach.

Sechs Kilometer vor Deidesheim wird der Weinsteig zum richtigen Wein steig, es geht durch die Weinberge von Königsbach. Obwohl eigentlich »Weinberge« nicht der richtige Begriff ist, denn ich bin nicht mehr ganz auf der Höhe, eher im Flachland. »Weinfeld« wäre der passendere Ausdruck. Das ist ganz schön schlau von den Pfälzer Winzern, die Reben nicht am Steilhang zu pflanzen, das macht die ganze Arbeit an der Rebe doch wesentlich bequemer.

Einen Kilometer später geht es in den Wald, der Weg verläuft auf der Halbhöhe, immer wieder bieten sich weite Ausblicke auf die Rheinebene. Im Vordergrund markieren Hochhäuser die Industriestadt Ludwigshafen. Dahinter erhebt sich der Odenwald. Und weiter Richtung Süden kann man schon deutlich die Höhenzüge des Nordschwarzwalds ausmachen.

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Ich nähere mich dem Ende der Etappe und gehe durch die Weinfelder leicht bergab Richtung Deidesheim. Ein entspanntes Gehen ist das, den Weinort fest im Blick. Deidesheim ist sehr gediegen, sehr sauber, sehr westbundesrepublikanisch, die Alternative zu Sylt, wenn die sonnengegerbten Porsche-Cabrio-Fahrer auch mal in einem Weinort urlauben wollen. Wahrscheinlich wird es schwierig werden, den durchschnittlichen Deidesheim-Touristen für den Weinsteig zu gewinnen, da er sehr mit seinem edlen Automobil verwachsen zu sein scheint.

Zwei Geißböcke tragen kurioserweise Sattel

Ich sehe in Deidesheim den Geißbockbrunnen. Drei Geißböcke sind in Originalgröße dargestellt, zwei von ihnen tragen kurioserweise Sattel. Als Fan des 1.FC Köln werde ich etwas sentimental. Deidesheim liegt irgendwie – man kann es an den Fanaufklebern auf den Laternenpfählen erkennen – auf der Fan-Grenze zwischen Kaiserslautern und Waldhof Mannheim. Daher wird wohl nicht des kölschen Geißbocks, sondern eher der pfälzischen Geiß gedacht, und die heißt Gäsbock. Es gibt sogar die sogenannte Geißbockversteigerung, ein großes Weinfest. Geißbockversteigerung, daran hatte ich optional zum Schlachtfest nach so mancher misslungenen Saison des 1. FC Köln auch schon oft gedacht.

Die Deidesheimer geizen nicht mit Gasthäusern: Gasthaus Zur Kanne, Gästehaus Ritter von Böhl, Weinprobierstuben und – der Deidesheimer Hof. Altkanzler Kohl unterhielt dort in der Art der Pfalzgrafen, die sich auch nicht nur auf einen Ort beschränkten, einen zweiten Regierungssitz. Im Deidesheimer Hof empfing Kohl seine Staatsgäste (Gorbatschow, Frau Thatcher, Václav Havel, Boris Jelzin), drei- bis viermal im Jahr ist er heutzutage noch dort anzutreffen.

Ich teste als Vorspeise den marinierten Pfälzer Stangenspargel mit Schnittlauch-Ei-Vinaigrette. Immerhin ist die Pfalz auch eine Spargelregion. Als Hauptspeise gibt es »den Klassiker«, Saumagen, Bratwurst und Leberknödel mit Weinkraut und Kartoffelpüree. Ich bin etwas aufgeregt, den Saumagen zu verspeisen, ist es doch für mich eine Premiere. Ehrlich gesagt, war mir nie klar, was das genau sein soll, ein Saumagen. War halt immer lustig, haha, der Kohl ist so provinziell und dann auch noch »sein« Saumagen, haha. Aber dann noch nicht mal wissen, worum es sich handelt, typisch. Also, es ist eigentlich ganz harmlos, eine kross gebratene Scheibe Wurst im Naturdarm mit ein paar Kartoffeln drin. Ich muss beim Verzehr des Saumagens an einen alten Kohl-Witz denken:

Kohl sitzt mit Bush senior und Mitterrand im Deidesheimer Hof. Der französische Premier stochert lustlos im Saumagen herum; nachdem ihm Kohl allerdings etwas zugeflüstert hat, schlingt Mitterrand das Gericht gierig herunter. Als Bush Kohl fragt, was dieser gesagt habe, kommt vom Altkanzler: Ich habe Mitterrand zugeflüstert: Wenn du den Saumagen nicht aufisst, müsst ihr das Saarland wieder nehmen.

Die Pfälzer können über diesen Witz mehr lachen als die Saarländer.

Leider gehört zum Klassiker-Teller auch dieser Leberknödel. Der Durchmesser ist mit siebzig Millimetern zwar nicht furchterregend, Geschmack und Konsistenz sind es dagegen schon. Der Leberknödel und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr.

Zum Spargel trinke ich einen halbtrockenen Grauburgunder, später einen trockenen Pfälzer Riesling zum Saumagen, beides ausgezeichnete Weine. Ich merke, dass es dem Pfälzer nicht egal ist, was sich im Glas befindet. Und eigentlich sind alle gängigen Weißweintrauben, das habe ich bei meiner Weinsteig-Wanderung gelernt, in der Pfalz vertreten. Das mit dem Liter Wein täglich, denke ich, ist nicht die schlechteste Idee. Mir geht es saugut, ich genieße meine leichte mentale Schädigung.

 
Leser-Kommentare
  1. Schön geschriebener Artikel. Macht Lust auf Deutschland, auf die Pfalz, das Wandern und mal einen Weisswein trinken. Saumagen muss es aber nicht sein!

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Wandern mit Wein das wäre doch mal was anders, und auch was neues.

    Wenn man hier so eine Art Route entwickeln könnte mit Wald und Wein, kombiniert dann hätte das echt m.M. Potential hier Touri und auch Einheimische wieder in den Wald zu locken und im Wald die Seele baumeln zu lassen, dazu ein paar Häppchen oder so??

    Da könnte sogar der Stadtmuffel sich aufraffen und damit die ganze Familie hier was hat, nun Weintrauben für die Kids zum Probieren ala Rebennaschen??

  3. ... dann bist Du in der Pfalz

    Lieber Andrack,

    hat mir gut gefallen! Vor allem, daß Sie die wahren Perlen der Pfalz nicht dem großen Publikum (das dann doch nur aus Mannheim oder Heidelberg kommt) verraten haben, denn die liegen ein paar Kilometer südwestlich von Neustadt. ABER, daß Sie 1) den Schoppen aus dem Halbliterglas tranken und 2) irgendwann einmal meinten, der Pfälzer söffe egal was auch immer, das hat mich dann doch zum Riesling-Glas greifen lassen.

    Prost!

  4. ... (also zusammen geschrieben) ist die offiziell richtige Schreibweise, auch wenn man oft "Pfälzer Wald" liest, wie auch in diesem Artikel. Mit "Neuer Deutscher Rechtschreibung" hat das aber nicht das geringste zu tun. Das war schon vorher so.

  5. "gehörte doch die Pfalz über hundert Jahre bis Anfang des 20.Jahrhunderts zum Königreich Bayern".
    Nach dem Tode des bayerischen Kurfürsten Maximilian III. Joseph war die bayerische Linie der Wittelsbacher erloschen und der Pfälzer Kurfürst Karl Theodor erbte Bayern.
    Folgerichtig gehörte Bayern zur Pfalz und nicht umgekehrt. Wieso man das immer wieder andersrum liest ist mir unerklärlich ;-)

  6. Lieber Herr Andrack,

    ein wunderbarer Artikel der Lust macht mal wieder zu Wandern.

    Dass Sie jedoch keine Ahnung vom Fußball haben, erkennt man an ihrem Lieblingsverein.
    Daher sei es Ihnen gestattet, die Fan Grenze zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem SV Waldhof etwa um etwa 30 km nach Westen zu verlegen.
    Die wahre Grenze verläuft am Ortschild Mannheim.

    Wer übrigens keine Lust zum Wandern hat, dem ist der Erlebnistag Deutsche Weinstraße zu empfehlen. Auf der Weinstraße mit dem Rad von Dorf zu Dorf mit reichlich Schoppen und Leberknödel.

    Gruß aus Rheinhessen. Dort wo die Grenze zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Mainz 05 am Mainzer Ortschild liegt.

    Prost

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