ZEITmagazin: Frau Gordimer, ein häufiges Motiv in Ihren Büchern ist: Letztlich bewegt sich jeder auf sich selbst zu. Sie sind nun 87 – sind Sie bei sich angekommen?

Nadine Gordimer: Angeblich findet man im Alter ja zur Ruhe. Aber das stimmt keineswegs. Für mich ist es eher wie eine zweite Pubertät: noch einmal alles hinterfragen, besonders die bequemen Vorstellungen, die man von sich und der Vergangenheit hat, die eigenen Motive und Enttäuschungen. Keine finsteren Grübeleien, kein »Wie konnte ich nur?«, sondern ein Forschen. Auch nach dem Sinn des eigenen Lebens. Das ist anregend und oft überraschend.

ZEITmagazin: Gibt es dabei etwas, das nach allem Hinterfragen noch Bestand hat?

Gordimer: Ich schreibe. Das ist das Fundament meiner Identität. Seit ich neun Jahre alt war, schreibe ich, das macht mich aus. Und dieses Selbstverständnis hat mich immer vor Selbstzweifeln gerettet: In meiner Arbeit habe ich nie Abstriche gemacht, kein Verleger hatte mir hineinzureden, niemals. Alles Weitere ist für meine Identität nachrangig: dass ich Südafrikanerin bin, Weiße, Jüdin. Insbesondere das Letztere: Nicht dass ich meine Abstammung nicht wahrnähme, aber Religion habe ich keine.

ZEITmagazin: Wie kommt das?

Gordimer: Meine Eltern waren beide jüdischer Herkunft, hätten aber nie heiraten dürfen. Mein Vater war mit 13 aus einer litauischen Kleinstadt gekommen, meine Mutter hingegen entstammte einer jüdischen Londoner Familie. Eine gebildete, unabhängige Frau, gar nicht religiös erzogen. Auf meinen Vater sah sie herab, sie bevormundete ihn geradezu. Zur Synagoge wagte er sich nur an Jom Kippur, um Kerzen für seine Eltern anzuzünden. Also gingen auch wir Kinder nicht hin. Was ich übers Judentum lernte, entsprang lediglich meinem allgemeinen Interesse.

ZEITmagazin: Prägte diese Mutter auch Ihr Schreiben?

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Gordimer: Das Schreiben ist ein Trieb, dazu wird man geboren oder nicht. Man bringt einen Blick für Menschen und Körpersprache mit, den man nicht lernen kann. Aber meine Mutter sorgte dafür, dass ich schon mit zwölf in die Erwachsenenbibliothek durfte. Ich konnte alles lesen, was mir gefiel, niemand machte mir Vorschriften. Das war essenziell für meine Entwicklung, für mein ganzes Leben. Denn um zu schreiben, muss man zunächst lesen, lesen, lesen. Und dazu hatte ich alle Freiheit der Welt. Als schwarzes Kind hätte ich niemals in die Bibliothek gedurft.

ZEITmagazin: Weckte das Ihr Engagement gegen die Apartheid?

Gordimer: Das war ein anderes Erlebnis, ich werde es nie vergessen: Eines Nachts, ich war elf oder zwölf, marschierte die Polizei auf unseren Hof und durchwühlte das Zimmer unseres Dienstmädchens Liddy. Sie warfen das Bett um, rissen alles aus der Kommode – eine Alkoholrazzia, für Schwarze war der verboten. Sie fanden nichts, aber Liddy saß weinend inmitten ihrer Habseligkeiten. Es war so schlimm, diese arme Frau gedemütigt zu sehen. Und noch schlimmer war, dass meine Mutter, die ja Liddy mochte, das alles einfach hinnahm. Von dieser Nacht an dachte ich viel über Außenseiterrollen nach.

ZEITmagazin: Sie engagierten sich stark für den ANC, obwohl sich in den Siebzigern viele in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung eine Einmischung von Weißen verbaten ...

Gordimer: Meine schwarzen Mitstreiter haben mich nie zurückgewiesen. Diese Akzeptanz habe ich mir erarbeitet. Ich habe schon für den ANC gekämpft, als er noch eine Untergrundorganisation war, half Menschen auf der Flucht und manches andere. Wir kämpften gemeinsam gegen die Regierung. Wenn man dafür etwas zu riskieren bereit war, spielte die Hautfarbe keine Rolle und auch nicht, ob man selbst zu den Unterdrückten gehörte.

ZEITmagazin: Sie waren fast fünfzig Jahre lang verheiratet. Welche Rolle spielte Ihr Mann für Ihre Arbeit?

Gordimer: Meine erste, frühe Ehe zähle ich gar nicht, außer dass ich ihr meine Tochter verdanke, die mir alles bedeutet. Dann aber Reinhold Cassirer getroffen zu haben war ein unsagbares Glück. Wir waren einander so nah, in jeder Beziehung. Natürlich war er der Erste, der meine Werke las – aber erst wenn sie fertig waren. Davor wollte er kein Wort sehen, hat nicht einmal nachgefragt, selbst wenn das Schreiben zwei Jahre dauerte. Er hielt jegliche Störung von mir fern. Dieser Respekt war die beste Unterstützung. Heute frage ich mich allerdings: Hat er sich nie ausgeschlossen gefühlt? Damals kam mir der Gedanke nicht.

ZEITmagazin: Also kennen Sie doch Selbstzweifel?

Gordimer: Nicht im Beruflichen. Aber im Privaten gibt es natürlich, besonders wenn man Kinder hat, gewisse Dinge, die man, aus heutiger Sicht betrachtet, anders hätte machen sollen. Nun gut. So ist es nun mal.