Der Roboter "Jazz" soll Menschen bei Meetings vertreten. © Gostai

»Bonjour monsieur, ça va?« , frage ich, nachdem ich mich neben den Schreibtisch des jungen Mannes gestellt habe und gucke zu ihm auf. »Bonjour, Benoît Pothier, enchanté« , stellt er sich vor. Durch die Fensterscheibe hinter ihm erblicke ich den Dauerstau auf der Périphérique, dem Pariser Autobahnring. Dabei bin ich gar nicht an der Seine. Ich sitze mehr als 700 Kilometer entfernt in Bremen, vor mir Tastatur und Maus. Der da neben Benoît Pothier steht, ist mein Stellvertreter aus Metall und Plastik – ein ferngesteuerter Roboter namens Jazz.

Jazz wiegt acht Kilogramm, ist einen Meter groß und rollt auf vier Rädern. Er verfügt über Mikrofon, Lautsprecher und einen schwenkbaren Kopf mit Kamera und einem kleinen Bildschirm. Darauf sieht Benoît Pothier mein Gesicht. Und ich sehe an meinem heimischen Monitor, was Jazz’ Kameraauge aufnimmt. » Telepräsenz « nennt der Chefentwickler diese Form der Interaktion, »Avatar« den kleinen Gesellen. Der Begriff stand – schon vor dem gleichnamigen Kinospektakel – jahrelang für virtuelle Stellvertreter echter Menschen, zum Beispiel die Pixelpüppchen in der Onlinewelt Second Life . Jetzt gibt es Avatare auch im ersten, dem analogen Leben.

Julien Seret tritt hinzu. Bei Gostai , der kleinen französischen Firma, die den Roboter erfunden und zur Marktreife entwickelt hat, ist er für das Marketing zuständig. Im März sind wir uns zum ersten Mal begegnet, damals noch persönlich auf der Cebit in Hannover . Jetzt unterhalten wir uns per Telepräsenz. Wozu das gut sein soll? Seret zählt auf: »Bei einer Videokonferenz müssen alle Beteiligten in einem speziellen Raum steif vor Bildschirm und Kamera sitzen. Mit Jazz können Sie sich in jede Besprechung setzen, egal, wo sie stattfindet. Oder Sie rollen im Gebäude herum und sehen sich aus der Nähe an, was Sie gerade interessiert.« Ich solle es selbst ausprobieren. »Folgen Sie mir einfach!« Wie, das erklärt er nicht.

War auch nicht nötig, schnell habe ich herausgefunden, wie ich den kleinen Roboter mit den vier Pfeiltasten meiner Tastatur steuern kann. Oder ich klicke einfach auf eine Stelle im Videobild – und schon rollt Jazz dahin. Durch die Bürotür geht es raus auf den Flur und um die Ecke ins Büro der Nachbarfirma. Ich sehe die Mitarbeiter bei der Arbeit, höre sie französisch plappern und kann sie durch den Lautsprecher in Jazz’ Brust ansprechen.

Über das Internet bin ich mit meinem rollenden Stellvertreter verbunden. Im Nachbarbüro wird das örtliche Drahtlosnetz langsam schwach, das Videobild beginnt zu flackern, und der Ton setzt aus. Ein Klick auf »Basisstation« lässt Jazz zurück über den Flur ins Gostai-Büro rumpeln. Statt aber an seine Ladestation anzudocken, stoppt Jazz plötzlich, fährt zurück, wieder vor, dreht sich im Kreis. Der Grund: Ein heruntergefallenes Netzteil hat ihm den Weg versperrt. Ohne Arme und Hände ist er nicht in der Lage, es aufzuheben.

Kinderkrankheiten trüben noch die Freude am Avatar-Einsatz. Das Bild ist recht scharf, bewegten Objekten zu folgen fällt aber schwer, und die Tonqualität lässt stark zu wünschen übrig. Eine neue Software soll lästigen Hall und gelegentliche Rückkopplungen verhindern, die entstehen, wenn Jazz’ Mikrofon auch das Scheppern aus dem eigenen Lautsprecher aufnimmt. Und eine Gesichtserkennung soll automatisch den Blickkontakt zwischen Auge und Kamera aufrechterhalten, auch wenn der Gesprächspartner sich bewegt.

Jazz gibt es samt Basisstation in Schwarz oder Weiß und in drei verschiedenen Ausstattungsvarianten ab 8.000 Euro. Weitere Kosten entstehen nicht. Die ersten Kunden waren Sicherheitsfirmen, die den kleinen Roboter – in der Variante ohne Display im Gesicht – als ferngesteuerte rollende Überwachungskamera einsetzen. In einem französischen Rechenzentrum ist Jazz für die Temperaturkontrolle im Einsatz. Eine Pariser Kinderklinik hat ihn angeschafft, damit Eltern tagsüber vom Arbeitsplatz aus damit den Kontakt zu ihrem kranken Nachwuchs halten können. Und auf Messen geht der lustige kleine Roboter schon ferngesteuert auf Kundenfang.

Nur für die virtuelle Teilnahme an Meetings hat Gostai bisher noch keinen Real-Avatar verkauft. Dabei ließe sich so manche Flugreise einsparen – und man könnte an langweiligen Sitzungen teilnehmen, ohne wirklich dabei sein zu müssen. Für gehetzte Manager mag das verlockend klingen! Ich komme für meine nächste Recherche aber lieber wieder persönlich nach Paris. Dann könnte ich mich von Benoît Pothier mit einem kräftigen Händedruck verabschieden – und vor der Heimreise noch an der Seine entlangspazieren.