Kindergarten für Große«, so würde Jörg Rainer Noennig seinen zwei kleinen Töchtern erklären, was er macht. »Spielen ist auf jeden Fall dabei, lernen und Erfahrungen machen. Und auch auf die Nase fallen.« Das Fach, das er lehrt, ist jung und noch nicht in vielen Verästelungen ausgearbeitet; Noennig hat es durch seine Promotion selbst mit etabliert. Es heißt Wissensarchitektur, und Erwachsenen beschreibt er es so: »Gebäude und Orte planen, in denen Wissen entsteht.«

Wer bei dem 37-Jährigen studiert, sollte offen für neue Wege sein – und ist dafür bei einer Pionierwissenschaft live dabei. Die Wissensarchitektur entwickelt er laufend weiter, auch in seinen Seminaren. Und die Studenten gestalten durch ihre Fragen und Anregungen mit. Auch Impulse von außerhalb – etwa von Biologen, Soziologen und Psychologen – seien elementar, sagt der Juniorprofessor: »Man muss erst mal nachvollziehen, wie Wissen überhaupt zustande kommt.« Das habe immer auch eine soziale Komponente, Gebäude müssten so geplant werden, dass Menschen sich begegnen.

Der gebürtige Thüringer ist Architekt, er studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar und in Tokyo. Danach hat er in Japan Gebäude entworfen. Viele Ideen holt er sich immer noch auf Reisen, etwa als Gastprofessor im italienischen L’Aquila. Letzten Sommer nahm er Studenten mit dorthin, um an einem Projekt zu arbeiten: Nachdem ein Erdbeben die Stadt stark zerstört hatte, wurden in der Nähe schnellstmöglich Dörfer für 30.000 Menschen gebaut, die noch in Lagern lebten. Aufgabe für ihn und die Studenten war es, zwischen eilig hochgezogenen Häuserreihen Begegnungsorte zu schaffen. Momentan plant Noennig ein ähnliches Projekt für die Erdbebenregion in Japan und hofft, dass viele Studenten mitkommen werden.

Sein Traumprojekt, wenn alles möglich wäre: »aus einer Gemeinschaft wie der Stadt Dresden mehr herauszuholen, sie so intensiv denken zu lassen, wie sie es könnte«. Da sei zum Beispiel die Buslinie 61, mit der viele zur Uni fahren. »In den Bussen sitzt wahrscheinlich der höchste verdichtete IQ der Stadt. Aber nichts passiert in diesem Raum, das ist verschenktes Kapital.«

Jörg Rainer Noennig, 37, Juniorprofessor für Wissensarchitektur in Dresden