TU Dresden © dpa/Oliver Killig

Der Osten schickt jetzt Lkw, um die Wessis zu holen. Von Mitte Juni an fährt ein Truck einmal von Lübeck nach München, er soll Abiturienten einsammeln – oder sie wenigstens dazu bringen, sich Fotos von Dresden, Leipzig oder Chemnitz anzuschauen. Denn die neuen Länder ringen um Erstsemester aus dem Westen, sie brauchen sie dringend, und zwar in Scharen.

Viele West-Abiturienten können sich noch immer nicht vorstellen, dort hinzuziehen, wo mal DDR war. Man kann das in der neuen Erstsemesterbefragung des sächsischen Wissenschaftsministeriums nachlesen, es gibt tausend Ost-Klischees. Studieren in Sachsen bedeutet für viele: Leben in der Platte. Wer gegen den Trend doch in den Osten geht, ist laut dieser Studie dann oft überrascht. Dass sich Vorurteile so hartnäckig halten, sollte für hiesige Hochschulplaner ein Warnsignal sein: Die Unis sind dringend auf einen Teil der jungen Menschen Westdeutschlands angewiesen, die nun in die Seminare drängen. Wegen des Geburtenknicks nach 1989 drohen im Osten verwaiste Hörsäle, während im Westen durch doppelte Abiturjahrgänge und die Aussetzung der Wehrpflicht die Plätze knapp werden. 275.000 zusätzliche Studienanfänger werden deutschlandweit in den kommenden vier Jahren erwartet. Die Unis im Osten, so sieht es der »Hochschulpakt« vor, sollen die im Westen entlasten – und so das eigene Überleben sichern.

Schon jetzt plant Sachsens Regierung, zwischen 2013 und 2020 an den Hochschulen etwa tausend Stellen zu streichen, und spart auch sonst an allen Ecken: Allein an der TU Dresden ist die Zahl der Studierenden in den vergangenen zwölf Jahren um 12.000 gestiegen, ohne dass zusätzliche Stellen in Lehre, Forschung und Verwaltung geschaffen wurden. Dass die Mittel weiter schrumpfen, wenn die Studierendenzahlen sinken, liegt auf der Hand.

Weil 2015 im Osten nur noch halb so viele Schüler ihr Abitur ablegen werden wie im Jahr 2002 und damit auch die Zahl der potenziellen Studienanfänger schrumpft, gibt es die Werbekampagnen wie »Pack dein Studium« oder »Studieren in Fernost«. Sie sollen klarmachen, dass man hier gut studieren kann: ohne Gebühren, zu niedrigen Lebenshaltungskosten und bei guten Betreuungsquoten. Für die großen Uni-Städte Dresden und Leipzig wirkt die Werbung; hier sind vor allem die Seminare bei Germanisten und Juristen rappelvoll. Platz ist nach wie vor in den »MINT-Fächern«, Mathematik, Ingenieur-, Natur- und Technikwissenschaften. »Hier haben wir Freiraum, Laborplätze und ein exzellentes Betreuungsverhältnis«, sagt Cornelia Zanger, Prorektorin der TU Chemnitz. »Im Grunde ist das Problem, dass die Studenten nicht optimal auf die Fächer verteilt sind, aber das kann man eben nicht verordnen.«

Freie Plätze haben auch die Fachhochschulen, etwa in Zwickau. Auch wenn seine Einrichtung mit exzellenten Rahmenbedingungen und inhaltlich einzigartigen Studienangeboten punkten könne, sagt der Prorektor der Westsächsischen Hochschule, Gundolf Baier, brauche man »Geduld dafür, dass klischeehafte Erwartungen an ein Studium in den neuen Bundesländern überwunden werden«.

Doch Zeit ist etwas, was die Hochschulen nicht haben. Weil von 2015 an auch im Westen die Abiturientenzahlen wieder sinken, werde sich der Kampf um die Studienanfänger mittelfristig verschärfen, sagt Peer Pasternack vom Institut für Hochschulforschung in Halle. »Dann werden auch die westdeutschen Unis versuchen, jeden Abiturienten ihrer Region mit dem Lasso einzufangen.«

Je eher die ostdeutschen Hochschulen begännen, sich auf dieses Szenario einzustellen, desto besser: »Sie müssen sich stärker für ausländische Studierende oder Berufserfahrene ohne Abitur öffnen«, sagt Pasternack. Auf diese Weise könnten die Ost-Unis künftig sogar zu Pionieren der Hochschulentwicklung werden: »Dazu müsste es ihnen gelingen, sich in ihrer Region stark zu machen und so gut in ihrer Forschung zu werden, dass sich nicht nur Hochschulexperten, sondern auch Wirtschaftspolitiker davon überzeugen lassen, dass Geld in die Unis fließen muss.« Und das, sagt Pasternack, könnte auch wegweisend für den Westen sein.