DIE ZEIT: Herr Borrell, Sie sind Bürgermeister von Cadaqués, einem malerischen Dorf an der Costa Brava, das gerade im Südosten Chinas nachgebaut wird. Ein besonders dreister Fall von Raubkopie?

Joan Borrell: Nein, nein – im vergangenen Jahr hatten wir eine offizielle Delegation aus Xiamen bei uns zu Besuch, wir sind also über die Pläne informiert. Die Chinesen suchten nach einem mediterranen Vorbild für eine Stadt, die am Ende sehr viel mehr Bewohner haben soll als Cadaqués. Geplant sind 15000, fünfmal mehr als bei uns. Jetzt verfolgen wir gespannt den Entwicklungsprozess. Ein Copyright auf Cadaqués haben wir ja nicht.

DIE ZEIT: Sie könnten also, selbst wenn Sie wollten, den Nachbau weder verhindern noch die Bauherren auf Originaltreue verpflichten?

Joan Borrell: So ist es. Andernfalls wären wir vielleicht längst gegen das sogenannte Cadaqués Caribe in der Dominikanischen Republik vorgegangen – ein Resort, das nur eine sehr oberflächliche Ähnlichkeit mit unserem Ort aufweist. Sie haben kleine weiße Häuser mit Ziegeldach hingesetzt. Das war’s dann aber auch schon. Von denen hat uns niemand um Erlaubnis oder Rat gebeten.

DIE ZEIT: Was halten Ihre Mitbürger davon, dass ihr Dorf gleich zweimal in anderen Ländern kopiert wird?

Joan Borrell: In erster Linie macht uns das natürlich stolz, immerhin hatte das Komitee außer uns auch Mykonos und Monte Carlo in Betracht gezogen. Außerdem wird der Ort ja nicht nebenan in Frankreich nachgebaut, sondern am anderen Ende der Welt. Konkurrenz wird uns das chinesische Cadaqués also nicht machen. Und natürlich gibt es Dinge, die wir exklusiv behalten, weil man sie gar nicht kopieren kann.

DIE ZEIT: Woran denken Sie da?

Joan Borrell: Na, an alle natürlichen Faktoren zum Beispiel – das herbe Klima, den schneidenden Wind tramuntana, die Felsen rund ums Cap de Creus im Norden, die der Gegend manchmal etwas Mondlandschaftliches verleihen.

DIE ZEIT: Das klingt nicht sehr einladend...

Joan Borrell: Mag sein, aber das Spröde hat dazu beigetragen, dass viele Künstler Cadaqués und seine Umgebung als sehr fesselnd und inspirierend empfunden haben, nicht nur Maler wie Dalí, der hier lange Jahre gelebt hat. Außerdem liegt das Dorf sehr isoliert, es gibt noch immer nur eine einzige Zufahrtsstraße. Man fühlt sich leicht wie auf einer Insel. Das hat die Bewohner geprägt, und unsere Sommerbesucher übernehmen auch etwas von dieser Lebensart. Wir sind nicht besser oder schlechter, nur einfach anders, besonders. Und das lässt sich eben nicht kopieren.

DIE ZEIT: Dabei haben Sie jetzt nicht mal die steilen, verwinkelten Kopfsteinpflastergassen erwähnt, die blauen Fensterläden der Häuser und die vielen Blumen, die auf den Balkonen sprießen...

Joan Borrell: Die Gassen waren ein Problem für die Chinesen. Sie haben den Delegierten sehr gut gefallen, bloß fragten sie sich: Wie kriegen wir da nur Autos durch?

DIE ZEIT: Und was haben Sie geantwortet?

Joan Borrell: Am besten gar nicht.

DIE ZEIT: Charakteristisch für die Silhouette von Cadaqués ist vor allem die gotische Kirche, die man schon von Weitem sieht. Wird die auch nachgebaut?

Joan Borrell: Ja, aber nicht originalgetreu. Im Innern wird ein kleines Informationszentrum untergebracht, in dem chinesische Touristen etwas über unsere Region erfahren können.

DIE ZEIT: Nicht sehr besinnlich.

Joan Borrell: Anfangs hatten die Bauherren darin sogar ein Basketballfeld vorgesehen. Wir haben ihnen nahegelegt, die Idee zu überdenken – mit Erfolg.

DIE ZEIT: Gibt es Dinge, die in der Kopie besser werden? Der steinige Strand von Cadaqués zum Beispiel ist ja nicht jedermanns Sache.

Joan Borrell: Ja, in China wird es sicher einen Sandstrand geben. Aber täuschen Sie sich nicht – viele Leute schätzen unsere Kiesel- und Steinstrände sehr! Es hat durchaus Vorteile, nicht den idealen Strandbelag für Großfamilien mit Sonnenschirm und Liegestuhl zu bieten: Bei uns stößt auch im Sommer nie ein Handtuch ans andere.