Sowjetisches Ehrenmal : Das fremde Monument

Was wird aus dem sowjetischen Ehrenmal im Berliner Tiergarten? Zum 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion ein Vorschlag.

Im Berliner Tiergarten versammelt die Meile zwischen Pariser Platz und Schloss Bellevue nicht allein die Zentren politischer Macht – Parlament, Kanzleramt, Präsidentenschloss–, sie ist auch ein Ort verdichteter deutscher Geschichte. So steht der Reichstag für den langen Weg zur Demokratie, das Brandenburger Tor daneben für Preußens Triumphe und Katastrophen, für deutsche Schicksalsschläge und wunderbare Wendungen – in der Tat ein Denkmal der Einheit, ohne dass es dazu deklariert werden müsste. Und zur Erinnerung an den fundamentalen Zivilisationsbruch in der deutschen Geschichte, den Völkermord an den europäischen Juden, wurde das Holocaust-Mahnmal errichtet. Da mit diesem Stelenfeld nur der Juden gedacht wird, sind im Tiergarten Erinnerungsstätten für andere Opfergruppen hinzugekommen: für die verfolgten Homosexuellen und, kurz vor der Fertigstellung, für die Sinti und Roma.

Dreihundert Meter vom Reichstag wie vom Brandenburger Tor wie vom Holocaust-Mahnmal entfernt, steht an der Straße des 17. Juni, zwanzig Meter hoch und unübersehbar, seit Jahrzehnten ein ganz anderes Denkmal. Granitene Stufen, flankiert von zwei T-34-Panzern und zwei schweren Haubitzen, führen zu einer gebogenen Kolonnade. In deren Mitte trägt ein Postament die sechs Meter hohe Bronzefigur eines sowjetischen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett. Die Plastik ist ein Werk des Moskauer Staatskünstlers Lew Kerbel, der später auch den berühmten Marx-Kopf für Chemnitz schuf. Hinter diesem pathetischen Denkmalsbau verschwinden die Grabanlagen, in denen 2500 im Kampf um Berlin gefallene Rotarmisten bestattet sind. Erst an den sechs Pfeilern der Kolonnade findet der Besucher die Namen sowie die Geburts- und Sterbedaten von 182 der hier bestatteten Soldaten und Offiziere.

Errichtet auf Geheiß der sowjetischen Militärregierung unter Marschall Schukow, wurde das Ehrenmal bereits im November 1945 unter Beteiligung aller vier Besatzungsmächte eingeweiht. Die beiden anderen, deutlich größeren Ehrenmale in Treptow und Schönholz für weitere 7000 beziehungsweise 13.500 in Berlin gefallene Sowjetsoldaten kamen erst 1949 dazu.

Das Ehrenmal im Tiergarten, als einziges in West-Berlin, im britischen Sektor gelegen, war Resultat eines noch im unmittelbaren Kriegserlebnis wurzelnden Impulses. Es steht an der Schnittstelle der bereits fertiggestellten Ost-West-Achse und einer geplanten Nord-Süd-Achse, die das nationalsozialistische Germania-Berlin durchschneiden sollten. Vor allem aber war den sowjetischen Auftraggebern die Nähe zum Reichstag wichtig. Den hatte man bei Kriegsende als »Nest der faschistischen Bestie« zum symbolischen Endziel des verlustreichen Sturms auf Berlin erklärt. Noch nach der deutschen Kapitulation wurden die Eroberung des Wallot-Baus und die Flaggenhissung auf dem Dach aufwendig für Fotos und Filmaufnahmen nachgestellt – was ein wenig kurios anmutet, war der Reichstag doch seit 1933 nicht mehr als eine ausgebrannte Ruine.

In der Konfrontation des Kalten Krieges war das sowjetische Ehrenmal dann vierzig Jahre lang für die westlichen Bewohner der Frontstadt vor allem ein Symbol des kommunistischen Ostens auf Westberliner Boden. In Momenten zugespitzter Konfrontation wie im August 1961 musste es davor geschützt werden, von erregten Westbürgern gestürmt und zerstört zu werden. Im November 1970 schoss der Neonazi Ekkehard Weil auf einen der sowjetischen Posten, die dort Wache hielten, und verletzte ihn schwer. Nach diesem Attentat sperrte die hier zuständige britische Militärpolizei die Anlage weiträumig ab.

Mit dem Ende der Ost-West-Konfrontation galt das Ehrenmal nicht länger als kommunistische Provokation. Noch vor dem Abzug der sowjetischen Truppen übergab die Westgruppe der Streitkräfte im Dezember 1990 die Anlage an den Berliner Senat. Wie in den deutsch-sowjetischen Vereinbarungen festgelegt, sorgt seitdem der Senat für die Erhaltung und die Reparatur des Monuments. Eine Tafel an der Straße des 17.Juni erklärt dem Touristen kurz, worum es sich eigentlich handelt: um die Ruhestätte Tausender gefallener Soldaten nämlich. Die meisten Besucher finden das wuchtige Denkmal exotisch, einige auch »schrill«; die Berliner übersehen es inzwischen. Es ist bis heute ein Fremdkörper im Ensemble deutscher Selbstverständigung geblieben.

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Kommentare

49 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

VollEmotion dank Zeit

Dieser Beitrag ist mit AAA Rating zu bewerten, in seiner Klarheit im Umgang mit den Verbrechen des Nazideutschlands.

Hochachtung an die "Zeit" die hier ganz klar Stellung bezieht.

Mir fehlen die Worte ehrlich gesagt, weil mit diesen Beitrag ist alles gesagt.
Großer Journalismus!

Der Ort des Mahnmals ist ungluecklich gewaehlt

Es wirkt geschmacklos und befremdlich, wie ein ungluecklicher Zufall, dass sich der Komplex zum Andenken an die Soldaten der glorreichen Sowjetarmee, die ihr Leben zur Befreiung ihrer Heimat und darueber hinaus ganz Osteuropas und der deutschen Ostprovinzen opferten, ausgerechnet im Berliner Tiergarten befindet. Die Nazis haetten den von ihnen so genannten »Tiermenschen«, den slawischen Einwohner Osteuropas, wohl eines Tages auch ein Denkmal im Tiergarten gewidmet. Pervers.

Unter diesem Gesichtspunkt waere eine Verlegung des Mahnmals an einen wuerdigeren Ort begruessenswert.

Geschichte

Dieses Ehrenmal für den sowjetischen Soldaten auf Berliner Boden ist zugleich eine schallende Ohrfeige für hunderttausend deutsche Frauen, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin von sowjetischen Soldaten bestialisch vergewaltigt wurden.
Es ging den Sowjetischer Machthabern und auch den Allierten keineswegs darum, "Deutschland von der Nazi-Herrschaft" zu befreien, sondern Deutschland zu besiegen und als Großmacht auszuschalten.Alles andere ist Geschichtsverdrehung, um sich im Nachhinein besser zu fühlen.Das kann man am besten sehen bei der Haltung der Allierten gegenüber den Staufenberg-Verschwörern.Die allierte Führung war nach dem Attentat froh darüber, dass Hitler überlebt hat, aus dem einfachen Grund, weil sie in erster Linie nicht nur bloß die Nazi-Machthaber entmachten wollten, sondern eben Deutschland besetzen wollten.Hätten die Deutschen selber die Nazi-Herrschaft beseitigt und dann Frieden angeboten, dann wäre die Allierte Führung in eine peinliche Zwickmühle geraten.
Natürlich kann man aus heutiger Sicht sagen, dass Deutschland 1945 befreit wurde, weil aus ehemaligen Feinden eben Verbündete bzw gleichberechtigte Nachbarn wurden, aber historisch gesehen haben 1945 der Großteil der deutschen Bevölkerung das ganz sicher nicht als Befreiung empfunden, sondern schlicht als eine Niederlage.

Ach so,

deshalb!
"Es ging den Sowjetischer Machthabern und auch den Allierten keineswegs darum, "Deutschland von der Nazi-Herrschaft" zu befreien, sondern Deutschland zu besiegen und als Großmacht auszuschalten."
Deshalb haben sie auch den Krieg begonnen, richtig? Das arme Deutschland wurde überfallen, richtig?
Warum scheinen einige Menschen nie zu kapieren, daß, wenn man ein anderes Land überfällt, dieses Land das Recht hat, sich zu wehren? Warum glaubt man, daß man seinen Nachbarn auf die Nase hauen darf - und dieser dürfe nicht zurückhauen?
Hätte Deutschland diesen Krieg nicht angefangen, wäre alles andere nie eingetreten!

Geschichte

Guten Morgen
Ganz so simpel wie Sie es darstellen ist die Geschichte nicht.
Der WK2 ist eine Folge des WK1 bei dem es nicht gelungen ist mittels Verträgen eine dauerhafte Friedenslösung zu erarbeiten.
Aus diesem Grunde ist es rundweg falsch so zu tun als wenn Deutschland alleine am WK2 verantwortlich wäre, dieser Krieg hatte (wie WK1) mehrere Ursachen.
Im übrigen zu glauben das die damalige Sowjetunion ein Land ohne imperiale Gelüste war, ist ein Irrtum. Die damalige SU führte mehrere Kriege gegen seine Nachbarn um Gebietsforderungen durchzusetzen.
Gruss
Rene

Die Sowjetunion war eine Diktatur

Stalin schloss mit Hitler einen Nichtangriffspakt. Vielleicht lesen Sie sich den mal durch.

Am 17. September 39 griff die Sowjetunion Polen an.

Am 30. November 39 griff die Sowjetunion Finnland an.

Um nur zwei glorreiche Taten des Diktators Stalin zu nennen..

"Warum scheinen einige Menschen nie zu kapieren, daß, wenn man ein anderes Land überfällt, dieses Land das Recht hat, sich zu wehren."

Es ist schon zynisch sich so für ein Land einzusetzen, dass vor dem deutschen Angriff selbst zwei Länder angegriffen hat..