Sowjetisches EhrenmalDas fremde Monument

Was wird aus dem sowjetischen Ehrenmal im Berliner Tiergarten? Zum 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion ein Vorschlag. von Peter Jahn

Im Berliner Tiergarten versammelt die Meile zwischen Pariser Platz und Schloss Bellevue nicht allein die Zentren politischer Macht – Parlament, Kanzleramt, Präsidentenschloss–, sie ist auch ein Ort verdichteter deutscher Geschichte. So steht der Reichstag für den langen Weg zur Demokratie, das Brandenburger Tor daneben für Preußens Triumphe und Katastrophen, für deutsche Schicksalsschläge und wunderbare Wendungen – in der Tat ein Denkmal der Einheit, ohne dass es dazu deklariert werden müsste. Und zur Erinnerung an den fundamentalen Zivilisationsbruch in der deutschen Geschichte, den Völkermord an den europäischen Juden, wurde das Holocaust-Mahnmal errichtet. Da mit diesem Stelenfeld nur der Juden gedacht wird, sind im Tiergarten Erinnerungsstätten für andere Opfergruppen hinzugekommen: für die verfolgten Homosexuellen und, kurz vor der Fertigstellung, für die Sinti und Roma.

Dreihundert Meter vom Reichstag wie vom Brandenburger Tor wie vom Holocaust-Mahnmal entfernt, steht an der Straße des 17. Juni, zwanzig Meter hoch und unübersehbar, seit Jahrzehnten ein ganz anderes Denkmal. Granitene Stufen, flankiert von zwei T-34-Panzern und zwei schweren Haubitzen, führen zu einer gebogenen Kolonnade. In deren Mitte trägt ein Postament die sechs Meter hohe Bronzefigur eines sowjetischen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett. Die Plastik ist ein Werk des Moskauer Staatskünstlers Lew Kerbel, der später auch den berühmten Marx-Kopf für Chemnitz schuf. Hinter diesem pathetischen Denkmalsbau verschwinden die Grabanlagen, in denen 2500 im Kampf um Berlin gefallene Rotarmisten bestattet sind. Erst an den sechs Pfeilern der Kolonnade findet der Besucher die Namen sowie die Geburts- und Sterbedaten von 182 der hier bestatteten Soldaten und Offiziere.

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Errichtet auf Geheiß der sowjetischen Militärregierung unter Marschall Schukow, wurde das Ehrenmal bereits im November 1945 unter Beteiligung aller vier Besatzungsmächte eingeweiht. Die beiden anderen, deutlich größeren Ehrenmale in Treptow und Schönholz für weitere 7000 beziehungsweise 13.500 in Berlin gefallene Sowjetsoldaten kamen erst 1949 dazu.

Das Ehrenmal im Tiergarten, als einziges in West-Berlin, im britischen Sektor gelegen, war Resultat eines noch im unmittelbaren Kriegserlebnis wurzelnden Impulses. Es steht an der Schnittstelle der bereits fertiggestellten Ost-West-Achse und einer geplanten Nord-Süd-Achse, die das nationalsozialistische Germania-Berlin durchschneiden sollten. Vor allem aber war den sowjetischen Auftraggebern die Nähe zum Reichstag wichtig. Den hatte man bei Kriegsende als »Nest der faschistischen Bestie« zum symbolischen Endziel des verlustreichen Sturms auf Berlin erklärt. Noch nach der deutschen Kapitulation wurden die Eroberung des Wallot-Baus und die Flaggenhissung auf dem Dach aufwendig für Fotos und Filmaufnahmen nachgestellt – was ein wenig kurios anmutet, war der Reichstag doch seit 1933 nicht mehr als eine ausgebrannte Ruine.

In der Konfrontation des Kalten Krieges war das sowjetische Ehrenmal dann vierzig Jahre lang für die westlichen Bewohner der Frontstadt vor allem ein Symbol des kommunistischen Ostens auf Westberliner Boden. In Momenten zugespitzter Konfrontation wie im August 1961 musste es davor geschützt werden, von erregten Westbürgern gestürmt und zerstört zu werden. Im November 1970 schoss der Neonazi Ekkehard Weil auf einen der sowjetischen Posten, die dort Wache hielten, und verletzte ihn schwer. Nach diesem Attentat sperrte die hier zuständige britische Militärpolizei die Anlage weiträumig ab.

Mit dem Ende der Ost-West-Konfrontation galt das Ehrenmal nicht länger als kommunistische Provokation. Noch vor dem Abzug der sowjetischen Truppen übergab die Westgruppe der Streitkräfte im Dezember 1990 die Anlage an den Berliner Senat. Wie in den deutsch-sowjetischen Vereinbarungen festgelegt, sorgt seitdem der Senat für die Erhaltung und die Reparatur des Monuments. Eine Tafel an der Straße des 17.Juni erklärt dem Touristen kurz, worum es sich eigentlich handelt: um die Ruhestätte Tausender gefallener Soldaten nämlich. Die meisten Besucher finden das wuchtige Denkmal exotisch, einige auch »schrill«; die Berliner übersehen es inzwischen. Es ist bis heute ein Fremdkörper im Ensemble deutscher Selbstverständigung geblieben.

Leserkommentare
  1. 1. na ja

    so lassen wie es ist, denn so ist es zeitgeschichte.
    nicht mit dem, worauf es verweist, sondern das wie. dieses wie ist zeitgeist und das gilt es auch zu vermitteln.

    2 Leserempfehlungen
  2. Dieser Beitrag ist mit AAA Rating zu bewerten, in seiner Klarheit im Umgang mit den Verbrechen des Nazideutschlands.

    Hochachtung an die "Zeit" die hier ganz klar Stellung bezieht.

    Mir fehlen die Worte ehrlich gesagt, weil mit diesen Beitrag ist alles gesagt.
    Großer Journalismus!

    5 Leserempfehlungen
  3. Es wirkt geschmacklos und befremdlich, wie ein ungluecklicher Zufall, dass sich der Komplex zum Andenken an die Soldaten der glorreichen Sowjetarmee, die ihr Leben zur Befreiung ihrer Heimat und darueber hinaus ganz Osteuropas und der deutschen Ostprovinzen opferten, ausgerechnet im Berliner Tiergarten befindet. Die Nazis haetten den von ihnen so genannten »Tiermenschen«, den slawischen Einwohner Osteuropas, wohl eines Tages auch ein Denkmal im Tiergarten gewidmet. Pervers.

    Unter diesem Gesichtspunkt waere eine Verlegung des Mahnmals an einen wuerdigeren Ort begruessenswert.

    • Guofu
    • 22. Mai 2011 20:45 Uhr

    Dieses Ehrenmal für den sowjetischen Soldaten auf Berliner Boden ist zugleich eine schallende Ohrfeige für hunderttausend deutsche Frauen, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin von sowjetischen Soldaten bestialisch vergewaltigt wurden.
    Es ging den Sowjetischer Machthabern und auch den Allierten keineswegs darum, "Deutschland von der Nazi-Herrschaft" zu befreien, sondern Deutschland zu besiegen und als Großmacht auszuschalten.Alles andere ist Geschichtsverdrehung, um sich im Nachhinein besser zu fühlen.Das kann man am besten sehen bei der Haltung der Allierten gegenüber den Staufenberg-Verschwörern.Die allierte Führung war nach dem Attentat froh darüber, dass Hitler überlebt hat, aus dem einfachen Grund, weil sie in erster Linie nicht nur bloß die Nazi-Machthaber entmachten wollten, sondern eben Deutschland besetzen wollten.Hätten die Deutschen selber die Nazi-Herrschaft beseitigt und dann Frieden angeboten, dann wäre die Allierte Führung in eine peinliche Zwickmühle geraten.
    Natürlich kann man aus heutiger Sicht sagen, dass Deutschland 1945 befreit wurde, weil aus ehemaligen Feinden eben Verbündete bzw gleichberechtigte Nachbarn wurden, aber historisch gesehen haben 1945 der Großteil der deutschen Bevölkerung das ganz sicher nicht als Befreiung empfunden, sondern schlicht als eine Niederlage.

    6 Leserempfehlungen
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    deshalb!
    "Es ging den Sowjetischer Machthabern und auch den Allierten keineswegs darum, "Deutschland von der Nazi-Herrschaft" zu befreien, sondern Deutschland zu besiegen und als Großmacht auszuschalten."
    Deshalb haben sie auch den Krieg begonnen, richtig? Das arme Deutschland wurde überfallen, richtig?
    Warum scheinen einige Menschen nie zu kapieren, daß, wenn man ein anderes Land überfällt, dieses Land das Recht hat, sich zu wehren? Warum glaubt man, daß man seinen Nachbarn auf die Nase hauen darf - und dieser dürfe nicht zurückhauen?
    Hätte Deutschland diesen Krieg nicht angefangen, wäre alles andere nie eingetreten!

    • Guofu
    • 22. Mai 2011 20:45 Uhr

    14 Millionen Deutsche wurden vertrieben, Deutschland wurde besetzt und zerstückelt und geteilt, schlimmte Hungersnot und andere humanitäre Katastrophen brachen ein, Willkür der Besatzer an der Tagesordnung, Demontage der Industrieanlagen, Fremdherrschaft, Zensur der Zeitungen durch Allierte.Erst 1949 wurde wieder ein deutscher Staat hergestellt, erst 1955 wurde der Besatzungsstatus im Westdeutschland offiziell beendet und der westdeutsche Staat teilweise sourverän, erst 1990 erlangte Gesamtdeutschland die volle Souveränität.Erst dann kann man von einer Befreiung des gesamten Deutschlands sprechen.
    Man darf zugleich nicht vergessen, dass die UdSSR Nazi-Deutschland beim Einmarsch in Polen mitgeholfen und Ostpolen und die baltischen Staaten besetzt und die dortige gesellschaftliche Führungsschicht teilweise ermordet hat.Auch die UdSSR war ein Staat, der eine expandierede Großmachtpolitik betrieb und dabei keinerlei Skrupel kannte.Man denke an die Zeit nach dem Hitler-Stalin-Pakt und vor dem Ausbruch des sowje-deutschen Krieges.Da wurden in der Sowjetunion plötzlich die Propaganda gegen Nazi-Deutschland und den Faschismus allgemein eingestellt.Sämtliche antifaschistische Bücher wurden aus den Bibiliotheken entfernt.Warum?Weil aus dem faschistische Deutschlnd plötzlich ein Verbündeter wurde.

    6 Leserempfehlungen
    • Guofu
    • 22. Mai 2011 20:51 Uhr

    Natürlich hat die Wehrmacht viele Kriegesverbrechen in der UdSSr begangen.Ich bin deswegen dafür, dass mehr Denkmale für die sowjetische Zivilopfer in Deutschland errichtet werden sollen, damit die deutsche Bevölkerung das schreckliche Leiden der sowjetischen Bevölkerung im 2 weltkrieg nicht vergisst.Aber ein Ehrenmal für den sowjetischen Soldaten?Nein danke.Die sowjetische Kriegsführung war ebenso rücksichtslos und brutal, die Massenvergewaltigungen, Plünderungen und Morde gegen die gegenerische zivilbevölkerung waren an der Tagesordnung.

    Jetzt würden einige wahrscheinlich argumentieren:Die Wehrmacht hat auch in der UdSSR Verbrechen begangen, deswegen sind das als Racheakte der sowjets zu verstehen.
    Aber auch als die sowjetische Armee zum Ende des Krieges in China einmarschierte, haben Soldaten der sowjetischen Roten Armee zahlreiche chinesische Frauen vergewaltigt.Hat China Kriegesverbrechen in Russland verübt?

    Deswegen halte ich ein Ehrenmal des sowjetischen Soldaten in Berlin für unangebracht, weil das auch eine Verherrlichung der Roten Armee bedeutet und eine Beleidigung ist für all die Vergewaltigten, Ermorderte, Vertriebenen durch die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg.

    4 Leserempfehlungen
  4. Der Artikel gefällt mir außerordentlich. Selten findet man heute in den Medien solche sachlichen Artikel. Viele der Gedenkstätten in Berlin sind unter verschiedenen politischen Aspekten entstanden. Shukow wollte mit diesem Ehrenmal die Westmächte dazu zwingen, sich zu den Opfern der Sowjetunion im 2.Weltkrieg zu bekennen. Deshalb dieser Standort. Natürlich haben sich Ansichten und Absichten in 70 Jahren verändert. Andere Gedenkstätten in der Umgebung sind dazu gekommen, berechtigt, wie ich meine. Ob eine Erinnerung an die Stalindiktatur in der Sowjetunion in unmittelbarer Nähe, sinnvoll wäre... Ich kenne die "russische Seele" und glaube die Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion würden dies vielleicht nicht verstehen. Sinnvoll wäre doch, den Besucher mit einer anschaulichen Dokumentation auf Ursachen und Hintergründe des Krieges zu informieren. Doch dies sollten Historiker tun, ähnlich wie am Checkpoint Charlie. Berlin hat leider auch zu viele Ausstellungen, die Geschichte plakativ, und nicht historisch darstellen... Für mich wäre es einem Jugendlichen schwer vermittelbar, die Ursachen des 2. Weltkrieges und die Grausamkeiten eines Josef Stalin in einem Zug zu vermitteln. Heraus käme wieder eine plakative Verunglimpfung der Geschichte. Davon haben wir schon genug. Und das trägt nicht zur politischen Bildung unserer Menschen bei. Das Ergebnis kann man oft in diesem Forum nachlesen.

    6 Leserempfehlungen
  5. Der Autor hat recht. Das Gedenken an den immensen Blutzoll der Russen, Weißrussen, Ukrainer bei der Überwindung der Nazidiktatur und Befreiung unseres Landes hat bislang nicht die Resonanz gefunden, die es verdiente.

    Ich begrüße den Vorschlag einer sachlichen öffentlichen Darstellung sehr, hoffe, daß ggf. die Vertretungen der betroffenen Staaten (v.a. Russland) zumindest beratend hinzugezogen werden. Sollten Mittel zu einer angemessenen Realisierung fehlen, denke ich daß sich für diesen Akt nachholender Ausgewogenheit private Spender finden werden.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Berliner Senat | Denkmal | Holocaust-Mahnmal | Kanzleramt | Rassismus | Soldat
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