Ein Palästinenser geht bei Auseinandersetzungen mit der israelischen Grenzpolizei in Deckung. © Ahmad Gharabli/AFP/Getty Images

Am vergangenen Sonntag erreichte die arabische Revolution Israel. Über Twitter und Facebook organisierten sich Tausende von Palästinensern und wollten die israelischen Grenzzäune stürmen . Mindestens zwölf Menschen starben im Kugelhagel, über hundert wurden verletzt. Der von Hisbollah und Hamas mit entfesselte Aufstand demonstrierte: Solange der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nicht gelöst wird, liegt über dem Arabischen Frühling der Schatten einer möglichen neuen Krise im Nahen Osten.

Es gibt keinen passenderen Augenblick für Barack Obamas Grundsatzrede, die er am Donnerstag dieser Woche hält. Genau jetzt, da die Angst vor einer dritten Intifada, vor neuer tödlicher Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis umgeht, skizziert der Präsident die Umrisse einer Politik, die mehr Ordnung in die Region bringen und Amerika mit den Arabern versöhnen soll.

Oder ist es umgekehrt so, dass der Zeitpunkt der Rede kaum ungünstiger sein könnte? Gerade beim Nahostkonflikt muss Obama die Erwartungen der arabischen Revolutionäre enttäuschen. Sie wünschen sich einen unabhängigen Makler, mehr amerikanischen Abstand zum israelischen Freund – und ein klares Washingtoner Bekenntnis zu einem palästinensischen Staat mit den Grenzen von 1967 und einer zwischen Israelis und Palästinensern geteilten Hauptstadt Jerusalem. Das werden sie wahrscheinlich nicht bekommen.

Dieser blutige Disput verlangt in den Augen fast der gesamten Welt nach konkreten, notfalls mit massivem Druck durchgesetzten amerikanischen Lösungsvorschlägen. Die israelisch-palästinensischen Verhandlungen stecken fest, der US-Nahostbeauftragte George Mitchell hat soeben sein Amt aufgegeben. Das neue, revolutionäre Ägypten hat ein Versöhnungsabkommen zwischen der säkularen Fatah und islamistischer Hamas vermittelt. Israels Premier Netanjahu, der diese Woche nach Washington kommt und in der nächsten auf Einladung der Republikaner vor dem Kongress sprechen wird, hat bereits gesagt, was er von diesem Pakt hält: »Mit den Terroristen von Hamas verhandeln wir nicht!«

Inmitten dieser Dramatik wird Obama vorsichtig bleiben. Aus Anlass der arabischen Umwälzungen hat er die »Führung aus dem Hintergrund« zum Prinzip erklärt. Das passt zur Einsicht in die Grenzen der amerikanischen Macht, es passt zur größeren Selbstständigkeit, die die arabischen Völker in diesen Monaten zu erringen versuchen. Man kann zweifeln, ob es auch zum Nahostkonflikt passt, in dem den USA noch immer eine Schlüsselbedeutung zukommt. Aber es wird keine Ausnahme gemacht werden, obwohl der Rede- und Verhandlungsmarathon dieser Tage etwas anderes zu verheißen scheint: Gespräch mit Jordaniens König Abdullah am Dienstag, Grundsatzrede im Außenministerium am Donnerstag, Treffen mit Netanjahu am Freitag, Rede vor dem einflussreichen israelisch-amerikanischen Lobby-Verein Aipac am Sonntag.

Ideenpolitisch, als Freiheitsdenker und -prediger, hat Barack Obama den Anschluss an die arabischen Revolutionen inzwischen leidlich geschafft. Geostrategisch und realpolitisch produzieren sie lauter Probleme. Alte Verbündete wie Hosni Mubarak in Ägypten sind den Vereinigten Staaten abhanden gekommen, neue sind noch nicht in Sicht . Manche Partner Amerikas – wie Saudi-Arabien – gehen auf Abstand und trauen Amerika nicht mehr, nachdem es Mubarak hat fallen lassen. In Bahrain unterdrücken Freunde der USA die Proteste, in Syrien Feinde. In Libyen intervenieren die Amerikaner, in Syrien nicht. Aber auch in Libyen intervenieren sie nur ein bisschen – beim Nato-Einsatz lässt Obama den europäischen Verbündeten gern den Vortritt.

Lauter Verlegenheiten und Widersprüche. Freundlicher: Der Präsident wägt in jedem Einzelfall Interessen gegen Idealismus ab. Libyen ist in diesem Kalkül nur ein Nebenschauplatz – und gerade deshalb geeignet, um ein Exempel zu statuieren und Arabiens Revolutionären zu demonstrieren, dass Amerika sie nicht im Stich lässt. Syrien ist von viel größerer Bedeutung. Das Land grenzt an die Türkei, Irak, Libanon, Israel und Jordanien. Wenn es zerfiele, könnte es zu ethnisch-religiösen Kriegen, zur Auflösung der nahöstlichen Landkarte kommen. Die Obama-Regierung hofft zudem noch immer, Syrien irgendwie aus der iranischen Umarmung zu lösen. Denn fast alles, was sie derzeit in Arabien tut oder unterlässt, geschieht mit Blick auf Iran. Das Land soll isoliert und von der Atombombe ferngehalten werden. Das ist heute die Priorität der Amerikaner.