Es ist Sonntagmittag gegen halb eins, als Hugo Rafael Chávez Frias , der Präsident von Venezuela, eine Fernsehschalte auf die Kochbananenplantage Hoya Grande ankündigt, an deren Beispiel er den Fortschritt seiner Revolution erläutern will. Chávez selbst sitzt auf dem Gelände einer anderen verstaatlichten Hacienda nahe dem Maracaibo-See, an einem Schreibtisch, der im Freien steht. Hinter ihm grasen Kühe. Er trägt einen schwarzen Anorak, und auf dem Bildschirm erscheint nun eine dicke Frau mit rotem T-Shirt.

»Die Kochbananenschälerin Juana Sanchez!«, ruft Chávez, als kündige er einen Popstar an. Dann summt er eine Melodie, zu der ihm aber jetzt der Text nicht einfällt.

Chávez grinst, er ist gut drauf. Eine halbe Stunde hat er davon gesprochen, dass sie das Land zurückgewinnen müssen von den Großgrundbesitzern. Er ist grundsätzlich geworden, hat doziert, dass die Freiheit, die die Bourgeoisie verteidige, die Freiheit sei, die Menschen auszubeuten. »Die Unabhängigkeit ist alles!«, hat er gerufen und dazu die Fäuste geballt wie ein Boxer. »Juana«, ruft er. »Juanita. Ich grüße dich.«

Es ist März 2011, es läuft die 371. Folge seiner Sendung Aló, Presidente , die jeden Sonntag auf dem staatlichen Canal Ocho ausgestrahlt wird. Es ist ein seltsames Format, irgendetwas zwischen dem RTL-Schuldnerberater Peter Zwegat und dem Wort zum Sonntag . Von immer neuen Schauplätzen aus erklärt Chávez sechs Stunden lang die Welt. Er beschließt Enteignungen oder entlässt spontan Minister. Manchmal rufen Leute an und schildern ihre Sorgen, dann macht Chávez eine Notiz und kündigt an, sich eigenhändig drum zu kümmern. Aló, Presidente ist für ihn der Draht zum Volk.

Er nutzt ihn reichlich. Alle Auftritte eingerechnet, für die Chávez immer wieder stundenlang laufende Programme unterbricht, war er von den zwölf Jahren seiner Amtszeit etwa anderthalb Jahre lang auf Sendung.

Als er antrat, 1999, erklärte er in einer achtstündigen Rede, dass er alles anders machen wolle als seine Vorgänger, die fast 200 Milliarden Dollar auf den Kopf gehauen hätten, den Wert von 15 Marshallplänen, ohne dass das Volk davon etwas gehabt habe. Er sprach von einem dritten Weg, von einer Marktwirtschaft, die gerechter sein sollte. Er verstaatlichte die Ölgesellschaft und leitete die Einnahmen in Sozialprogramme, mit deren Hilfe Millionen Menschen aus den Barrios das Lesen lernten, ihr Abitur machten, zur Uni gehen konnten. Er holte, im Tausch gegen das Öl, kubanische Ärzte ins Land und ermöglichte den Armen Zugang zu medizinischer Versorgung. Er ließ eine Verfassung ausarbeiten, die viele als die demokratischste der Welt ansehen.

Es schien zu funktionieren. Chávez’ Experiment entfachte einen Sog in Südamerika, der den ganzen Kontinent nach links verschob. Aber irgendwann driftete er ab von seinem dritten Weg.

Chávez wurde radikaler. Er sprach nun von einer »Revolution«, von einem »Sozialismus des 21. Jahrhunderts«, aber was er damit meint, lässt sich allenfalls erahnen. Immer öfter hört man von Enteignungen, von Staatswirtschaft, von den Errungenschaften der Kubaner. Gemeinsam mit dem Iraner Ahmadineschad forderte Chávez im vergangenen Jahr eine neue Weltordnung unter Führung des globalen Südens, aber zu Hause gleiten ihm die Dinge langsam aus der Hand.

Die Wirtschaft schrumpft in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge. Im letzten Sommer tauchten in einem Hafen tonnenweise schimmelige Lebensmittel auf, an deren Einfuhr sich die Mitarbeiter einer staatlichen Behörde bereichert hatten, und bei den Wahlen im letzten Herbst hat Chávez’ Partei ihre Zweidrittelmehrheit im Parlament verloren. Es läuft nicht gut für ihn. Im nächsten Jahr ist Präsidentschaftswahl, und bis dahin braucht er wieder mehr good news, er braucht jetzt Leute wie Juana Sanchez.

»Ich danke meinem Präsidenten!«, ruft Juana, und dann führt sie aus, dass sie, als ihre Plantage noch in privaten Händen war, sechs Bolivar erhalten habe für eine Kiste mit geschälten Kochbananen. Jetzt habe sie einen Mindestlohn, 1200 Bolivar, dazu Sozialleistungen, und die Schwangeren müssten nicht mehr raus aufs Feld.

»Ein Applaus für Juana!«, ruft Chávez. Dann brummt er mit ernster Miene in die Kamera: »Juana ist noch immer Kochbananenschälerin. Aber sie wird jetzt nicht mehr ausgebeutet.«

Die Produktion in Hoya Grande, sagt er, sei gestiegen. Fünfeinhalb Tonnen Bananen holten sie inzwischen aus dem Hektar. Bald, sagt er, schafften sie zehn, aber wenn man am nächsten Tag die Zeitungen aufschlägt, erscheinen diese Zahlen plötzlich in einem anderen Licht.

Dass die Produktion in Hoya Grande eingebrochen sei seit der Verstaatlichung, schreibt El Universal, ein Blatt der Opposition. Dass die Plantage früher neun Tonnen pro Hektar produziert habe und dass es heute vier seien, nicht fünfeinhalb. Des Weiteren zitiert die Zeitung eine anonyme Quelle, die bezeugt, dass seit der Einführung des Mindestlohns die Arbeitsmoral leide. Es ist ein Augenblick, der alles infrage stellt. Man ist sich nicht einmal mehr sicher, ob Juana Sanchez wirklich Kochbananen schält.

Es ist das Erste, was man begreift, wenn man nach Caracas kommt, um sich auf die Suche nach der Revolution zu machen, die Hugo Chávez jeden Sonntag inszeniert: Venezuela hat ein Verständigungsproblem. Wenn Chávez sonntags sagt, seine Regierung habe 40.000 Wohnungen gebaut, dann schreiben die Zeitungen am Montag, es sei nicht mal die Hälfte. Wenn Chávez sagt, dass er Milliarden aus den Öleinnahmen für eine Sozialmission zur Seite legt, dann liest man tags darauf, dass die Ölgesellschaft Anleihen aufnehmen müsse, um ihre Ausgaben zu decken.

An einem dieser Märztage stirbt Lina Ron, Chávez treue Weggefährtin, im Alter von nur 51 Jahren. Herzversagen, sagt das offizielle Bulletin. Alkohol und Kokain, sagt Ricardo, unser Fahrer, und schlägt die Hände feixend auf das Lenkrad. Verlogenheit. Verschwörungen. Versteckte Absichten. Ein Land, das im Zerfall begriffen ist, weil das abhandenkommt, was es im Innersten zusammenhält: eine Verständigung über die Wirklichkeit. Das gespalten wird durch eine Idee, die irgendwann zur Obsession geworden ist. Dies ist das eigentliche Drama von Chávez’ Revolution.