Hat sein Arbeitsleben lang schwer gearbeitet: Otto Endres im Wald © Alexandra Endres

Wer Bäume fällt, muss auf vieles achten. Steht der Baum gerade oder schief? Steht er am Hang oder auf flachem Gelände, auf weichem oder hartem Grund? Unter welcher Spannung steht der Stamm? In welche Richtung könnte er fallen? Stehen dort andere Bäume, vielleicht ein Haus?

»Jeder Bohm is annerscht«, sagt mein Vater, jeder Baum sei anders. Er muss es wissen, denn er hat 46 Jahre lang im Wald gearbeitet: Otto Endres, 61 Jahre, Holzfäller – oder Forstwirt, wie der Beruf eigentlich heißt. Ein ruhiger, zurückhaltender Mann, der sein Leben lang draußen angepackt hat. Schwielige, große Hände, stattliche Statur, braun gebrannte Arme im Sommer. Vor ein paar Wochen ist er in Rente gegangen.

Auf dem Land zu leben ist schwer in Mode. Überreizte Städter sehnen sich nach Ruhe und einem Leben im Einklang mit der Natur. Zeitschriften über die Lust am Landleben schießen nur so aus dem Boden, ihre Auflagenzahlen wachsen von Quartal zu Quartal. Mein Vater liest sie nicht, aber er weiß, was den Lesern meist nicht gezeigt wird: Das Leben mit der Natur ist dreckig und unordentlich, es riecht nach Mist und verschwitzten Klamotten. Es ist harte, mühsame Arbeit. Gleichwohl würde er sie nie eintauschen gegen den Komfort der Stadt. »Do isch der Hiemel«, sagt er über das Leben im nordbadischen Dorf Zimmern: Hier sei der Himmel.

Zuletzt hat er im Birkwald Brennholz geschlagen, wenige Kilometer vom Dorfrand entfernt. Buchen, Eichen und Fichten wachsen hier, am Weg liegen lange Stämme. Mannshoch sind sie aufeinandergestapelt. Der Wind weht Motorsägengeräusche von der Nachbargemarkung herüber, der Kuckuck ruft.

Jetzt, als Rentner, macht mein Vater nur noch für die Familie Holz. 20 Ster, so viel brauchen die Eltern im Jahr zum Heizen. Ein Ster entspricht einem Kubikmeter gestapelten Holzes, mit Luft dazwischen. 20 Ster bedeuten: vier bis fünf Tage sägen, hacken und stapeln. Viele Leute heizen mit Brennholz, seit das Öl so teuer geworden ist. Wer in Sachen Sicherheit geschult ist, darf in seinem Privatwald oder im zugewiesenen Stück eines Gemeindewaldes Bäume fällen. Später sehen wir den Metzger des Nachbardorfes mit seinen Söhnen Scheite in einen Kastenwagen laden.

Die Gemeinde sucht junge Kräfte, aber die Arbeit ist vielen zu hart

Wenn mein Vater vom Landleben erzählt, hat das mit Lifestyle nichts zu tun . Manche seiner Geschichten sind wie aus einer anderen Zeit. In seiner Jugend verdingten sich die Bauern des Dorfes in den Wintermonaten als Holzfäller, um ein Zubrot zu verdienen. Im Akkord schlugen sie Bäume für den Baron des Nachbardorfes oder für die Kommune. »Die Gemeinde versteigerte das Holzmachen an den Billigsten«, erinnert sich mein Vater. »Der Baron zahlte einen festen Satz.« Dieser war nicht unbedingt höher, dennoch galt der Adlige als guter Arbeitgeber.

So begann er im Jahre 1965 für den Baron zu arbeiten. Sie waren eine Dreiergruppe, ein erfahrener Nachbar und zwei Jungs, beide 16 Jahre alt. Der Alte ging mit der Motorsäge voran, fällte und entfernte die dicken Äste. Die beiden Jungs schälten die Rinde von den Stämmen, spalteten das Holz und setzten es auf. Eine Schufterei. Die Kiefernrinde war bis zu fünf Zentimeter dick und auf den unteren Metern nur schwer vom Stamm zu lösen. Von den Fichtenstämmen standen Aststummel ab und ließen die Schäleisen abprallen; mit dem Beil mussten sie weggehackt werden. Im Winter, wenn das Holz trocken und hart war, ging das besonders schwer.