Für Grundschulen ist der Mai der Testmonat: Jedes Jahr müssen sämtliche Drittklässler in allen Bundesländern parallel Aufgaben in Deutsch und Mathematik lösen. Der sogenannte Vera-Test misst nicht nur die Kompetenz der Schüler – er zeigt auch die Leistungsfähigkeit ihrer Lehrer und Schulen. Die Testaufgaben erstellt für alle Kultusministerien zentral das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). IQB-Direktor Hans Anand Pant kann die Kritik mancher Schulen am Umgang mit den Ergebnissen teilen

DIE ZEIT: Vergangene Woche ging der jüngste Vera-Test zu Ende. Nun bangen die Grundschulen den Ergebnissen entgegen. Viele Lehrer kritisieren den Leistungsvergleich als unfair oder gar schädlich für die Schulentwicklung. In Berlin und Bremen riefen Pädagogen dazu auf, Vera zu boykottieren. Herr Professor Pant, was läuft da schief?

Hans Anand Pant: Zuerst einmal: Man nimmt wieder einmal nur die Kritiker wahr. Viele Schulen gehen mit dem Test völlig unaufgeregt um. Es gibt Bundesländer wie etwa Rheinland-Pfalz, aus denen hören wir so gut wie überhaupt keine Kritik.

DIE ZEIT: Aus anderen dafür umso mehr.

Pant: Leider, und zwar zum Teil sogar zu Recht.

DIE ZEIT: Wo teilen Sie die Kritik?

 Pant: Überall dort, wo Vera zur Überprüfung der Schulen genutzt wird, gibt es Proteste. Der Sinn des Leistungsvergleiches ist jedoch ein anderer: Vera soll Lehrkräften Rückmeldung geben, was ihre Schüler in den beiden wichtigsten Fächern können; und zwar sowohl im Vergleich zu den Parallelklassen als auch im Vergleich zu anderen Schulen. Schneidet die Klasse unterdurchschnittlich ab, soll sich der Lehrer Gedanken über die Gründe machen und gegebenenfalls seinen Unterricht verändern. Leider aber nutzt in vielen Ländern die Schulaufsicht Vera als Kontrollinstrument gegenüber den Schulen. So war der Test jedoch nicht gemeint. Die Daten sollten zuallererst den Schulen gehören.

DIE ZEIT: Also missbrauchen die Kultusministerien den Schulvergleich?

Pant: So weit will ich nicht gehen. Ich plädiere jedoch dafür, dass Vera zumindest bis auf Weiteres ein Instrument der Selbstvergewisserung der Lehrkräfte bleiben sollte. Das setzt voraus, dass die Ergebnisse nicht an die Schulaufsicht weitergereicht werden und dass die Schulen – bei schlechtem Abschneiden – keine Sanktionen fürchten müssen. Sonst passiert, was wir aus den USA und anderen Ländern seit Langem kennen: In dem Moment, wo Kontrollen drohen, fangen die Lehrer an zu schönen. Sie helfen ihren Schülern oder geben ihnen mehr Zeit. Das verzerrt die Testergebnisse natürlich.

DIE ZEIT: Immer wieder hört man auch, dass Lehrer ihre Schüler auf die Vergleichsarbeiten regelrecht hintrimmen.

Pant: Das passiert mit Sicherheit, auch wenn wir keine Zahlen über das Ausmaß der Manipulation haben. Dabei finde ich es nicht problematisch, wenn die Lehrkräfte Aufgaben aus den vorherigen Jahren als Übungsmaterial verwenden. Die Aufgaben sind nämlich wirklich sehr gut. Problematisch wird es, wenn unsere Testformate wochen- und monatelang den Unterricht bestimmen und den eigentlichen Lehrplan ersetzen.

DIE ZEIT: Wäre die Manipulation nicht dadurch zu verhindern, dass kein Lehrer mehr den Test in seiner eigenen Klasse durchführen darf?

Pant: Das wäre möglich, aber sehr aufwendig. In diesem Jahr haben einzelne Länder in manchen Schulen versuchsweise unabhängige Testleiter eingesetzt. Ich bin gespannt, zu sehen, ob diese Klassen schlechter abschneiden.

DIE ZEIT: Besonders Schulen in sozialen Brennpunkten klagen, die Tests seien ohnehin viel zu schwer.

Pant: Vera muss die Leistungsspanne aller Drittklässler abbilden, und die ist in Deutschland nun einmal extrem groß. Es gibt Drittklässler, die wie Erstklässler lesen und rechnen, und andere, die sich locker mit Sechstklässlern messen können. Beiden Gruppen müssen wir mit dem Test gerecht werden.