Jörg Oberheim legt das Stethoskop beiseite. Neun Patienten warten auf den Holzstühlen seiner Dorfpraxis, vier weitere am Telefon. Er hätte allen Grund, zur Eile zu drängen. Aber Frau M. hat sich gerade erst mühsam gesetzt. Mit zittrigen Fingern breitet sie mehrere Medikamentenschachteln vor sich aus. Die alte Frau seufzt. Welche Pillen sind nun die für das Herz, und welche helfen gegen die Schmerzen? Ratlos blickt sie den Arzt an. Und Jörg Oberheim nimmt sich Zeit zum Erklären.

»Vor Nähe darf man sich nicht fürchten«, sagt er später. »Anders geht es gar nicht, hier auf dem Land.« Auch ohne Kittel kennt den 48-Jährigen jeder in Echte und Umgebung. 1200 Einwohner hat das Dorf in Niedersachsen. Vergangenen Herbst hat die zweite Praxis am Ort geschlossen. Kein Arzt wollte sie übernehmen. Obwohl der Umsatz stimmte und sogar Teilzeit angeboten wurde. Doch so wie in Echte verhält es sich derzeit in vielen deutschen Dörfern: Mediziner im Rentenalter suchen vergeblich Nachfolger für ihre Praxen auf dem Land.

»Wir können eine bundesweite Überalterung der Ärzte feststellen«, heißt es bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, »insbesondere bei Hausärzten.« 2020 werden mehr als 7000 Allgemeinmediziner fehlen. Besonders auf dem Land und speziell im Osten. Den Menschen droht die »medizinische Unterversorgung«; praktisch bedeutet das, dass ein Patient auf dem Land lange im Auto sitzt – und noch länger im Wartezimmer. Dabei gibt es genug Ärzte in Deutschland. Nur wollen die meisten verschiedene Schulen für ihre Kinder in der Nähe haben, ein Feinkostgeschäft, Kino und Theater. Echte bietet: eine kleine Pizzeria, zwei Blumenläden, zwei Banken, einen Penny- und einen Rewe-Markt.

Wer mit Familie aufs Land zieht, muss auch Kompromisse schließen

»Ich kenne die Nachteile«, sagt Landarzt Oberheim. So musste seine Frau für den Umzug ihren Beruf wechseln. »Aber man kann Kompromisse für sich finden, zum Beispiel in Stadtnähe wohnen und auf dem Land arbeiten. In Berlin kann der Arbeitsweg ja auch mal eine Stunde dauern.« Oberheim lebt mit seiner Familie in 35 Kilometern Entfernung, in der Nähe von Göttingen. Würde er in Echte selbst wohnen, dann kämen die Patienten auch abends »noch mal eben anklopfen«. Die Kinder gehen in Göttingen zur Schule, so viel Stadt muss sein. Ansonsten genießt er das Wohnen im Grünen: Erst gestern hat er einen Weidezaun für seine Schafe gebaut. »Das ist ein Projekt fürs Leben«, sagt er. Für ihn steht fest: Er bleibt.

Mediziner, die sich entschließen, aufs Land zu gehen, können sich heute fast überall niederlassen, wo es ihnen gefällt. Die Kommunen sind dankbar. Auch die Bundespolitik hat inzwischen reagiert. Sie hat die Altersbeschränkung für praktizierende Ärzte aufgehoben, die zuvor bei 68 Jahren lag. Es ist auch einfacher geworden, einen Arzt in einer Praxis anzustellen. Das erleichtert den Einstieg insbesondere für Frauen mit Familie, die oft Teilzeit arbeiten wollen. Dazu gibt es Anreize: Sachsen zum Beispiel unterstützt Medizinstudenten finanziell, wenn sie sich schon zu Beginn des Studiums verpflichten, später aufs Land zu gehen.

Während Politik und Institutionen noch über den Ärztemangel diskutieren, hat Jörg Oberheim inzwischen auch die zweite Praxis im Dorf übernommen. In seiner Kartei sind jetzt insgesamt 2400 Patienten aus dem Einzugsgebiet Echte. Zwei Ärztinnen arbeiten bei ihm in Teilzeit, eine davon ist 72 Jahre alt.

Der Landarzt behandelt Husten genauso wie Krebserkrankungen, hilft bei Alkoholismus, Wasserbeinen und Alzheimer. Sein jüngster Patient ist ein paar Monate, der älteste 102 Jahre alt. Von vielen kennt er die Namen und dazu ihre Krankengeschichte. Die Vielfalt fordert den Landarzt besonders heraus. »Ich habe es in meiner Praxis mit unterschiedlichen Bildungs- und Erfahrungshorizonten zu tun«, sagt er. »Ich muss in den Gesprächen mit Patienten genau überlegen, wie viel und was mein Gegenüber wissen will – und was ich ihm zumuten kann.«

Das gilt besonders für alte Patienten. Davon gibt es auf dem Land besonders viele. Jörg Oberheim sieht, was »Überalterung« bedeutet, wenn er einen Blick in sein Wartezimmer wirft: Von neun Wartenden haben acht graue Haare. Und das sind die, die noch nicht bettlägerig sind. Auf dem Land wird der Arzt manchmal erst gerufen, wenn die Schmerzen nicht mehr zu ertragen sind. Und wenn er dann zum Kranken kommt, muss er mehr leisten, als nur ein Antibiotikum zu verschreiben: Alte Menschen verstehen Rezepte häufig nicht, haben oft mehr als nur ein Gebrechen und kennen sich in Versicherungsfragen nicht aus. Wenn sie Glück haben, haben sie Familie – oder einen Arzt, der sich Zeit nimmt und ihnen ihre Leiden ohne Fachjargon erklärt.