Eigentlich müsste einer wie Martin Rehwald das Physikstudium mit Bravour durchlaufen. Bereits mit elf Jahren begeistert sich der heute 20-Jährige für Physik, will sein »Was ist Was«-Buch über Moderne Physik nicht mehr aus der Hand geben, weil ihn das, was er da liest, so sehr fasziniert wie nichts anderes zuvor. Als Abi-Leistungskurse wählt Rehwald Mathe und Physik, nach dem Zivildienst schreibt er sich fürs Physikstudium in Dresden ein: »Für mich gab es keine Alternative«, sagt er. Als »intrinsisch motiviert und deshalb in hohem Maße erfolgreich« bezeichnet Ulrich Heublein vom Hochschul-Informations-System (HIS) Menschen wie Rehwald, die sich schon sehr früh für Physik interessieren und daran festhalten. »Diese Menschen haben im Gegensatz zu Spätentscheidern meist keine Probleme, die Universität mit dem Master in Physik abzuschließen.«

Doch für Martin Rehwald kommt es anders. »Ich habe in den Mathe-Vorlesungen gar nichts mehr verstanden«, muss er sich schon nach wenigen Wochen Studium eingestehen. »Meine Gedanken kreisten immer nur um die Frage, was machst du, wenn du das Studium nicht packst? Du bist zu blöd. Ist es vielleicht besser, abzubrechen?« Für die wöchentlichen Mathe-Übungen bekommt er schlechte Noten, obwohl er stundenlang darüber gebrütet hat: »Ein unheimlich frustrierendes und demotivierendes Erlebnis.«

Was Martin Rehwald erlebt, beschreibt den Alltag vieler Physikstudenten in den ersten Semestern. Büffeln bis zum Umfallen und trotzdem miese Ergebnisse erzielen . Denn das Studium, das sich in die drei Säulen Experimentalphysik, Theoretische Physik und Mathematik aufteilt, bringt viele an ihre Grenzen. Wer Physik studiert, sollte sich für die Vorgänge in der Natur interessieren, aber auch ein gutes Verständnis für Mathematik haben. Denn praktisch alle physikalischen Phänomene werden mathematisch beschrieben. Ulrich Nienhaus ist Sprecher der Konferenz der Physikfachbereiche (KPF) und Professor in Karlsruhe. Er sagt: »Gerade in den ersten Semestern ist eine hohe Frustrationstoleranz gefragt. Viele scheitern am intellektuellen Niveau.« Rund 30 Prozent der Studenten verlassen in den ersten Semestern den Fachbereich. Diejenigen aber, die durchhalten, werden belohnt. »Denen steht ein Arbeitsmarkt mit Vollbeschäftigung offen«, sagt Nienhaus. So geht die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) von derzeit 4900 offenen Stellen für Physiker aus.

Frank Eisenhut, Einser-Abi, 22 Jahre, studiert im 5. Semester Physik an der Universität Rostock. Auch Eisenhut war von der Mathe-Lastigkeit des Studiums überrascht. »Irgendwann habe ich gedacht, Augen zu und durch«, sagt er. Sieben Prüfungen pro Semester, 40- bis 60-Stunden-Wochen. Erst nach einigen Semestern ist er wirklich im Studium angekommen: »Der Reiz zu forschen, neue Sachen zu entdecken, zu experimentieren, für Probleme Lösungen zu finden. Das macht unheimlich Spaß, wenn man die anfänglichen Hürden meistert.«

Weil man als Physikstudent Mathematik auf höchstem Niveau parat haben muss, bietet zum Beispiel die TU-Dortmund Vorkurse an. An anderen Universitäten werden diese auch als Brückenkurse bezeichnet. Einer, der die Studenten in Dortmund fit macht, ist Joachim Stolze, Professor für Theoretische Physik. Er empfiehlt die Kurse vor allem dann, wenn einige Zeit zwischen Schule und Studium vergangen ist. »Auch ich wäre ohne Vorkurs nicht weit gekommen«, sagt Stolze.

Dass die Universitäten mit Mathe-Vorkursen auf das Problem reagieren, begrüßt HIS-Bildungsexperte Ulrich Heublein. »Diese Kurse müssen Pflicht werden«, fordert er. Auch spricht Heublein sich für Selbsttests aus, die ein Ergebnis über den Stand der Vorkenntnisse liefern. Besonders in den Naturwissenschaften würden seit der Bologna-Reform mehr Studierende abbrechen als zu Diplom-Zeiten. »Heute müssen die Studierenden von Anfang an 100 Prozent geben, Defizite aufholen und nach einem Semester relevante Prüfungen bestehen«, sagt Heublein. Und nebenbei müsse man sich als Uni-Frischling auch noch neu orientieren. Das kann nach Meinung des Experten zu einer großen Verunsicherung führen.

»Viele, die es nach der alten Studienprüfung vielleicht geschafft hätten, geben beim Bachelor frühzeitig auf«, sagt Heublein. Die Folgen beträfen alle: »Man verliert einfach viele potenzielle Physiker.« Leute wie Martin Rehwald, der seine Mathematikprobleme nach dem ersten Semester allmählich in den Griff bekommen hat. Er hat sein Lernpensum erhöht, vor allem aber habe ihm ein Gedanke geholfen, die kritische Phase zu überstehen – Martin Rehwald lacht: »Man muss in Physik einfach akzeptieren, nicht alles zu verstehen. Dann ist eigentlich alles ganz einfach.«