Dieses eine Bild wird noch im Gedächtnis bleiben, wenn unsere Erinnerung von Millionen anderer Bilder überlagert wurde: der blau glänzende Planet, der in Lars von Triers Katastrophenfilm Melancholia majestätisch am Himmel schwebt und in einer Art rasender Zeitlupe in die Erde einschlagen wird. Für einen Moment hatte es in Cannes etwas Verführerisches, sich vorzustellen, wie Lars von Triers Planet mit seinen glühenden Atmosphärenwinden das Dach des Palais du Festival zum Zerbersten bringt, die Pressekameras, Mikrofone, Kinosessel verdampfen lässt und das Mittelmeerstädtchen samt der Croisette, den überteuerten Restaurants und dem roten Teppich tief ins Erdinnere hineinrammt.

Die Sehnsucht, dass die Schönheit, Kraft oder auch Allgewalt der Bilder über das Festivalgewese drum herum triumphieren möge, bekam in diesem Jahr neue Nahrung, als Lars von Trier auf seiner Pressekonferenz einen kruden Monolog hielt, in dem er sich unter anderem als Nazi bezeichnete und eine eingeschränkte Sympathie für Hitler äußerte . Dass der Satz »I’m a Nazi« nicht so gemeint war, wie er später in Agenturmeldungen verbreitet wurde, wird jeder begreifen, der sich im Netz die Pressekonferenz anschaut, auf der sich von Trier – wie übrigens stets vor Journalisten – in einem ironisch-sarkastischen Dauerzustand befand. Der dänische Regisseur wuchs mit einem jüdischen Vater auf und wurde von seiner Mutter auf dem Totenbett schockartig mit seinem »Nazisein«, nämlich seiner Abstammung von einem deutschstämmigen Erzeuger, konfrontiert ( siehe Interview ). Nun lieferte er der Weltpresse eine Mischung aus psychoanalytischer Assoziation, vagen Familienbekenntnissen und zielgenauer Provokation.


Dass die Äußerungen über den Umweg amerikanischer Verbände von Holocaust-Überlebenden und vermutlich auch nach politischem Druck zu seinem Ausschluss von den Filmfestspielen führten, mag sich der Regisseur vielleicht nicht einmal selbst in seinem genialisch-postpubertären Hirn ausgemalt haben. Und so geschmacklos man von Triers Auftritt finden kann – man muss diesem Filmemacher doch zugutehalten, dass er durchaus imstande ist, seine Neurosen auf interessantere Weise zu sublimieren.

Sein kulturkritischer Katastrophenfilm Melancholia ist die überhöhte Selbstauskunft eines erklärtermaßen depressiven Regisseurs. Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg spielen darin die komplementären Sehnsüchte des Depressiven: einerseits das eigene Leben »auf die Reihe zu kriegen«, so wie die pragmatische Familienmutter Claire (Gainsbourg), die auf dem luxuriösen Anwesen ihres Mannes eine pompöse Hochzeit für ihre Schwester ausrichtet. Und sich andererseits der Melancholie zu ergeben, wie Justine (Dunst), die sich am angeblich schönsten Tag des Lebens dem Glücksdruck verweigert und immer mehr in sich zusammenfällt. Fast zwanghaft enttäuscht sie die Erwartungen, schwankt zwischen Rückzug und Provokation und zerstört ihr von einem hochbezahlten wedding planner (Udo Kier) perfekt arrangiertes Fest.

Genüsslich gleitet die indiskrete Handkamera zwischen Familienmitgliedern hin und her, die sich mehr oder weniger zusammenreißen (wunderbar verbittert als Brautmutter: Charlotte Rampling) oder die Flucht ergreifen (wunderbar feige als Brautvater: William Hurt). Im zweiten Teil des Films zeigt von Trier, wie die Zivilisation angesichts des herannahenden Planeten zerbröckelt, Rollen abgelegt werden, Masken fallen. Diese Mischung aus Familien- und Naturkatastrophe nimmt er in einem grandiosen Prolog vorweg: Zum Vorspiel aus Wagners Tristan und Isolde zeigt er düster-romantische Traumbilder der beiden Schwestern, in ebenjener unendlich verlangsamten Zeitlupe, die Todesangst und Todesfeier eins werden lässt.

Lars von Trier mochte vom Festival ausgeschlossen worden sein , sein mephistophelischer Schatten ragte dennoch bis in die Preisverleihung. Kirsten Dunst, die sich in ihrer ersten wirklich erwachsenen Rolle als von Triers Alter Ego einen ganzen Film lang somnambul danebenbenimmt, nahm den Preis der besten Darstellerin irgendwie auch stellvertretend für ihren Regisseur entgegen, der die Rolle des Enfant terribles wiederum in Cannes weiterspielte.

Mit welch zerstörerischer Ruhe von Trier die Apokalypse orchestriert! Und mit welch kitschiger Emphase sich dagegen Terrence Malick, der Übervater des amerikanischen Autorenkinos, auf die Suche nach dem Sinn des Seins begibt. Von Trier ist der anmaßende Weltenlenker, der ohne Hoffnung, aber durchaus mitfühlend auf unsere kleine scheinheilige Zivilisation blickt. Malick ist der nicht weniger anmaßende Prediger, der sich mit dem Herrgott und der Schöpfung versöhnt. Sein mit der Goldenen Palme ausgezeichneter Film The Tree of Life erzählt von einer amerikanischen Familie, die ihren 19-jährigen Sohn verliert. Hadernd reckt die Mutter zu Beginn die Hände zum Himmel. In einem Akt der Trauerarbeit blickt Malick zurück in eine amerikanische Kindheit im Texas der fünfziger Jahre, er filmt drei Jungs, die vor einem adretten Haus herumtollen, unter den Augen eines strengen Vaters (Brad Pitt).